Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 4 (26.1.1912)
- Date
- 1912-01-26
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3315709-3316514-3316519--55563-3349383- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
108 DIEÄELT: Nr. 4 1908 bis zum 14. April 1911) gewährt einen Ueberblick über die unentwegt nach dieser Richtung fortgeführten Arbeiten des Komitees in den letzten drei Jahren. Der Bericht beginnt mit einem Ueberblick über die „ Tätigkeit in Rußland". Diese etwas verschwommene Bezeichnung soll den präziseren, aber hierzulande einigermaßen Anstoß erregenden Ausdruck „Propaganda und Agitation" ersetzen. Natürlich kann hier von einer großzügigen bewegungsfreien Propagandaarbeit keine Rede sein: das von der Regierung genehmigte Reglement, an das sich das Komitee mit peinlicher Genauigkeit hält, gewährt keinen freien Spielraum hierzu. Das Komitee ließ indes kein ihm zugängliches Mittel unbenützt, um weite Volkskreise mit seinen Zielen und Plänen, wie auch mit der gegenwärtigen Lage des Kolonisationswerkes in Palästina und den Perspektiven für die Zukunft vertraut zu machen. Zu diesem Zwecke unternahmen auch in der abgelaufenen Berichtsperiode verschiedene Wanderredner und Palästinakenner Agitationstourneen im Ansiedelungsrayon, und besuchten auch zahlreiche Städte Innerrußlands, Mittelasiens und des Kaukasus. Dieser Aufgabe dienten auch mehrere Publikationen in jüdischer und russischer Sprache über Palästina und die Palästinaarbeit *), die in vielen Tausenden Exemplaren unter die Massen gebracht wurden. Als Beitrag zur Förderung der Palästinakunde verzeichnet ferner der Bericht die im Frühling 1911 vom Komitee an der allgemeinen Odessaer Ausstellung für Kunst und Gewerbe arrangierte ,, Bezalel" -Ausstellung, die von bestem Erfolg gekrönt war und nicht wenig zur Anregung des Interesses für Palästina und die Palästinaarbeit beitrug. Man sieht also, daß die Propagandaarbeit des Komitees nicht zuletzt auch der Förderung der Palästinakunde zugute kommt. Tatsächlich will auch das Komitee mit seiner Tätigkeit in Rußland nicht bloß die Sympathien weiter Volkskreise für seine eigene Arbeit und Aufgabe gewinnen und so die ihm zur Verfügung stehenden Mittel vermehren. In seiner ausgedehnten Propagandaarbeit in Wort und Schrift erblickt das Komitee daneben und darüber hinaus ein geeignetes Mittel zur Anregung der Palästinainitiative für die Palästinaarbeit. Es liegt in der Natur der Sache, daß der Erfolg der Propagandaarbeit nach dieser Richtung, richtiger: das Maß desselben, sich jeder Kontrolle entzieht. Viel greifbarer sind hingegen für das Komitee die finanziellen Erfolge dieser Arbeit gewesen. Um es gleich vorweg zu nehmen: die Gesamtsumme der Einnahmen des Komitees belief sich in dieser Berichtsperiode auf 230990,19 Rubel gegen 114 138,19 Rubel in der vorletzten Berichtsperiode. Dabei fällt sofort die eigentümliche, für die zunehmende Ausdehnung unseres Freundeskreises in weiten Volksschichten sehr bezeichnende Tatsache auf, daß die sehr bedeutende Vermehrung der Einnahmen nicht etwa erhöhten Leistungen der einzelnen Mitglieder, auch nicht einer beträchtlichen Zunahme der Spender großer Summen zu verdanken ist, sondern lediglich auf das enorme Anwachsen der „kleinen Spender" zurückzuführen ist. Die Einnahmen aus den regulären, relativ hohen Jahresbeiträgen haben lange nicht Schritt gehalten mit den gesamten Einnahmen, indem *) In russischer Sprache: S. Gordon: Das autonome Libanongebiet; Protokoll der siebenten Generalversammlung der Chowewe-Zion; Prof. B. Schatz, „Bezalel", seine Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Im Jargon: Zioni Poschut: Was ist denn Palästina? M. L. Lilienblum: Geülah titnu laarez (über Landerwerb in Palästina); B. Spielberg: Jüdische Arbeiter in Palästina; Gr. Brodowsky: Geschichte Palästinas; Prof. B. Schatz: Bezalel; M. Schalit: Die „Bilu"; E. L. Lewinsky: Eine Reise nach Palästina im Jahre 5800; Dr. M. Glücksohn: „Chibbath- Zion". sie einen Zuwachs von nur 26 o/0 brachten. Und wenn man auch die Anzahl der Mitglieder mit regelmäßigen Jahresbeiträgen in Betracht zieht, die allerdings einen Zuwachs von 36 o/o aufzuweisen hat (die Durchschnittssumme des Jahresbeitrages fiel von 5,20 Rubel im Jahre 1905 auf 4,50 Rubel in den Jahren 1909 und 1910), so ist doch ein Rückstand in dieser Hinsicht hinter der allgemeinen Entwicklung unverkennbar. Die Verdopplung der Einnahmen des Komitees hat ihre Quelle in den kleinen einmaligen Spenden und in den verschiedenen Zuwendungen für spezielle Zwecke. Dies ergibt sich am deutlichsten, wenn man die Vermehrung der Einnahmen aus den Tellersammlungen in den Synagogen am Erew Jom-Kippur für Landerwerb in Palästina in Betracht zieht. Diese aus ganz geringfügigen Summen — in der Regel 10 bis 20 Kopeken — bestehende Spende ergab im Jahre 1906, wo 'sie zum ersten Male richtig organisiert wurde, S656,31 Rubel, während für 1910, am Tage der Drucklegung des Rechenschaftsberichtes, beim Komitee bereits 18 982,35 Rubel eingelaufen waren, und weitere Summen noch zu gewärtigen sind. Aehnliches gilt auch von den anderen einmaligen Spenden für verschiedene Zwecke, die während der Berichtsperiode insgesamt, von den Beiträgen für das hebräische Gymnasium (rund 45 000 Rubel) abgesehen, 77 408,19 Rubel gegen 43 700 Rubel in der vorangegangenen Periode ausmachten. Freilich enthält diese Summe auch rund 3300 Rubel für den Lilienblum-Fonds sowie rund 9000 Rubel Spenden zur Gründung eines Seminars für hebräische Lehrerinnen und Kindergärtnerinnen in Palästina auf den Namen des im Vorjahre verstorbenen E. L. Lewinsky*). Allein auch diese Fonds wurden aus kleinen Spenden gebildet, ein Beweis mehr für die freundliche Aufnahme, die jedes mehr oder weniger wichtige Beginnen in Palästina in weiten Volkskreisen findet. Es hat sich vielleicht verlohnt, bei dieser trockenen Materie etwas länger zu verharren, weil wir dabei gar manches über das Verhältnis unserer Volksmassen zur praktischen Palästinaarbeit lernen können. — * * * Diese praktische Palästinaarbeit, die dem Komitee in so hohem Maße die Sympathien weiter Volkskreise eroberte, dehnte sich auf folgende Gebiete aus: a)Informationswesen; b) Bemühungen in Sachen des Agrarkredits; c) Fürsorge für die landwirtschaftlichen Arbeiter in Palästina; d) Schul- und Erziehungswesen; e) Förderung gemeinnütziger Institutionen und Einrichtungen. Wir wollen nun an der Hand des Berichtes die wichtigsten Leistungen des Komitees auf all diesen Gebieten kurz skizzieren. a) Informationswesen. Obgleich das Komitee nach wie vor in der Schaffung und Ausgestaltung eines weit verzweigten, nach modernen volkswirtschaftlichen Prinzipien organisierten Informationsdienstes in und über Palästina eine seiner wichtigsten Aufgaben erblickt, so mußte es im vorliegenden Berichte doch offen gestehen, daß nach dieser Richtung die erwünschten und erstrebten Erfolge noch lange nicht erzielt sind. Es verschlägt dabei nichts, daß diese Aufgabe seit einigen Jahren einen nicht unbeträchtlichen Teil des Aufwandes des Komitees in Palästina verschlingt. Diese Aufgabe ist eben in gleichem Maße verwickelt wie wichtig, und übersteigt die dem Komitee zur Verfügung stehenden Mittel und Kräfte. Es ist klar, daß Informationsbureaus, die unserer Sache dienen wollen, sich von den gewöhnlichen *) Dieser Fonds ist bis zur Drucklegung des Berichtes auf rund 10 500 Rubel angewachsen.