Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 4 (26.1.1912)
- Date
- 1912-01-26
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 4 NEBELT 107 freiheiten einen der Herrscherp-rärogative zu maclien. Die letzterfolgte, mächtige Verstärkung der Opposition und die Möglichkeit ihrer Konstituierung zu einem linken Blocke bedeutete gar nichts anderes, als daß ein großer Teil des alten Regierungsblockes müde geworden war, auf die erhofften süßen Früchte zu warten und die Ueberzeugung gewonnen hatte, daß die alten Führer des Komitees „Union et Progres" nicht abtreten würden, mm ihnen den Platz zu lassen oder auch weil sich herausstellte, daß zuviel Anwärter auf Minister-, Wali- und andere Posten vorhanden waren. Es war dann vielleicht zweckentsprechender, das Heil auf der anderen Seite zu versuchen und am Ende mit Gewalt zu erlangen, was man in Güte und treuer Gefolgschaft nicht hatte erhalten können. Man ginge aber zu weit, wenn man neben diesem unglückselig vorherrschenden Personalisnius das Vorhandensein jeder anderen höheren, patriotischen Tendenzen im verdorbenen Parlamente leugnen wollte. Es gab eine solche Tejdenz auf der einen wie auf der anderen Seite, nur hier wie da als Besitztum Weniger. Den Führern des Komitees kam es nur auf eines an: den Staat zu retten, die Einmischung der Großmächte, ihre Bevormundung, ihre Eroberungsgelüste auszuschließen. Dazu sollte der Staat von innen stark sein; und das war nur durch feste Ordnung, möglichste Disziplinierung, möglichstes Gleich- und Zusaminenstreben aller Volkselemente zu erreichen. Den Blick fest auf dieses eine Ziel hin gerichtet, ließen sie ihn für alles andere erstarren; für die innere, die ökonomische und kulturelle Entwicklung hatten sie kein Verständnis oder keine Zeit. Sie befestigten die Armee, die Staatsfinanzen und die Provinzverwaltungen; sie schufen Ruhe, Ordnung, selbst mit Gewalt, selbst mit Strömen von Blut. Ruhe, Ordnung, Kraft, das war heute alles, das war das Erste, das Unumgängliche — alles andere würde später kommen. Da waren aber vertrackte Gegenkräfte, die diese Ruhe nicht kommen ließen. Da waren die „Elemente'', die anders dachten; da waren deren Ehrliche, Ueberzeugte, die ein anderes für die Hauptsache hielten: ihr Element im inneren zu stärken, seine Versklavung, seine Aufsaugung durch die herrschende Nation abzuwehren. Auch sie wollten den Staat nach außen stark inachen; aber ihr Weg dazu war ein anderer: Befriedigung der kulturellen und ökonomischen Massenbedürfnisse, innere Reformen, Freimachung aller gefesselten Kräfte, die schon von selber zur Ruhe, zur Ordnung, zur Einheit, zum Zusammenhalten streben würden. In dieser Ueberzeugung sahen sie nicht, welche Gefahren für den Staat in ihrer Methode schlummern konnten, sahen sie die Absichten der Unionisten als freiheitstötende Willkür an, die Härte ihrer Ruhe und Ordnung gebietenden Faust als die eigentliche und einzige Ursache der Unmöglichkeiten von Volkszufriedenheit und Volksfreiheit. Unter allen Umständen aber sollte diese restlos hergestellt werden, dies war das Unbedingte, Unumgängliche — alles andere, Kräftigung des Gesamtstaates usw., alles das würde sich hernach als natürliche Folge von selber ergeben. Das waren zwei aufrichtige Ueberzeugungen, die existierten und existieren. Es war eigentlich nur ein Mißverständnis!, daß sie nicht zueinanderkamen, sich verständigten und sich durchdrangen. Denn hier war ja im Grunde gar kein Gegensatz. Ein bißchen Ausgleich, und beide konnten bestehen und zum Heile des Staates wirken. Daß das jungtürkische Parlament das Unglück hatte, diesen Ausgleich nicht zu erleben, das lag an jenem heillosen Personalismus, der Neid und Haß über den patriotischen Verstand triumphieren ließ und zweitens — an dem Mangel überragender Persönlichkeiterl. Wäre ein einziger wirklicher Staatsmann unter diesen Parlamentariern gewesen, mit klarem Blick, mit geradem Sinn, mit klugem Verstand, mit unbeirrbarer Geduld, mit unbeugsamem Willen, gebietender Würde, er hätte diesen Ausgleich finden und durchführen müssen. Oder wäre nur ein einziger echter Tribun, ein begnadeter Sprecher, ein leuchtend reiner Charakter, ein prophetisch Begeisterter auf der einen oder auf der anderen Seite gewesen, er hätte die Widerstrebenden zu sich hinübergezogen. Aber die jungtürkische Kammer besaß weder einen Mirabeau noch einen Bismarck, und das richtete sie zugrunde. Man konnte zusammen nicht kommen, man haßte sich viel zu sehr. Die Kammer hat denn auch, ihren Persönlichkeiten und ihren Instinkten entsprechend, so gut wie gar keine fruchtbare Arbeit geleistet. Die Türkei ist von ihr weder beruhigt noch reformiert worden; keine einzige politische oder soziale Tat ist von ihr zu berichten. Nach voller :Einschätzung der unaufhörlichen Schwierigkeiten, die dem ottomanischen Lande und also auch seinem Parlamente die intrigierende Selbstsucht der Nachbarn und der Mächte bereitet hat, bleibt immer noch die größere Hälfte der Schuld für die Trostlosigkeit der herrschenden Zustände auf dem Gewissen der Kammer. Ihre Arbeit war wirr und unsinnig. Sie zerstörte zumeist, was im Entstehen begriffen war. In Friedenszeiten konnte sie sich vielleicht so weiterschleppen. Der Krieg machte den Jammer zur Gefahr. Ist das Komitee „Union et Progres'' imstande, dem Lande schnell eine bessere Kammer zu schaffen, so hat es recht gehandelt, der Kammer den Todesstreich zu versetzen. Drei Jahre praktischer Palästinaarbeit (Zum Rechenschaftsbericht des Odessaer Palästinakomitees) Von Dr. M. Glücksohn, Odessa. In meiner in der Palästinanummer der „Welt" erschienenen Abhandlung über die Entwicklung der Chibbath-Zion-Bewegung *), suchte ich an der Hand von Tatsachen nachzuweisen, daß das Exekutivorgan dieser Bewegung, das Odessaer Palästinakomitee, unter dem Einflüsse Achad-Haams einerseits und der führenden Persönlichkeiten der russischen Zionisten andererseits allmählich nach der Richtung einer rationellen, von politischen Gesichtspunkten getragenen Palästinaarbeit evolutionierte. Die Vertreter der neuen Richtung erstrebten, im Gegensatz zu der bis dahin vorherrschenden Routine eines *) Das Werk der Chowewe-Zion. Ein Beitrag zur Ge- Geschichte achtundzwanzigjähriger Palästinaarbeit, „Die Welt", Nr. 41, 1910, S. 1088-1099. ganz gewöhnlichen- Wohltätigkeitsvereines, eine planmäßige und zielbewußte Arbeit auf allen Gebieten des ökonomischen und kulturellen Lebens Palästinas, bei der dem Odessaer Komitee die Aufgabe zufiele, Bedingungen für eine tatkräftige Privatinitiative zu schaffen, resp. zu erleichtern. Diese Richtung rang sich namentlich im neuen Komitee unter Ussischkin durch. Die Arbeiten des neuen Komitees nach den verschiedenen Richtungen (Informationswesen, Schul- und Erziehungswesen, Förderung gemeinnütziger Institutionen usw.) werden von diesen Gesichtspunkten beherrscht und getragen. Der soeben erschienene Rechenschaftsbericht des Odessaer Komitees für die letzte Arbeitsperiode (vom 15. April