Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 4 (26.1.1912)
- Date
- 1912-01-26
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 4 bilden und ihnen während dieser Zeit einen über den Wert ihrer Arbeitsleistung hinausgehenden (jedoch für ihr Existenzminimum notwendigen) Lohn zahlen, weshalb zwischen diesen Wirtschaften und denen auf rein kapitalistischer Basis e'ne scharfe Grenze gezogen werden muß. Der neue Einwanderer (am ,b e s t en im 17. Lebensjahr) tritt zwar sofort als Arbeiter ein, nimmt aber etwa ein Jahr lang die Stelle eines Lernenden ein, und sein Lohn setzt sich aus zwei Teilen zusammen: der erste Teil bildet den Gegenwert seiner (noch geringen) Arbeitsleistung und der andere Teil bildet den Beitrag, den die jüdische Gesellschaft aus Interesse an der Heranbildung eines jüdischen Landarbeiterstandes zu den Kosten seiner Ausbildung beisteuert. Abendkurse, die in den Lehrfarmen einzurichten sind, sollen sich eng an die praktische Arbeit anschließen und den Arbeiter verstehen lassen, was er am Tage tut. 2. Die Möglichkeit, sich an das landwirtschaftliche Milieu Palästinas anzupassen. Di es ist durch die Schaffung von Arbeiterhäusern (Ledigenheimen) zu erreichen, die mit Küchen, Lese- und Badezimmern zu verbinden sind und die den Ausgangspunkt für genossenschaftliche Selbsthilfe bilden würden. 3. D i e M ö g 1 i c h k e i t, wirtschaftlich vorwärts zu kommen. Diese bildet den Kernpunkt des ganzen Landarbeiterproblems. Der einzige Weg, der sich bietet, ist der der Gewinnbeteiligung des Arbeiters an dem Betriebe, an dem er tätig ist, als Aequivalent dafür, daß er eine übernormale Arbeit leistet. Für die Gewinnbeteiligung gebe es drei Systeme: a) die Arbeitergenossenschaft, die einen Boden, der ihr mit den nötigen Gebäuden und dem nötigen Inventar überlassen wird, bearbeitet. (Beispiel: Daganja.) Diese Form steigert das Verantwortlichkeitsgefühl der Arbeiter auf den höchsten Grad, ist auch der Psychologie des jungen, freiheitsdurstigen Juden besonders gut angepaßt und wird dort die beste Form für eine Gewinnbeteiligung sein, wo es gilt, einen erworbenen Boden rasch in Besitz zu nehmen und ohne höhere Kosten die spätere Parzellierung vorzunehmen, b) Die Sie dl ungsge nossenschaft. Sie unterscheidet sich von der obigen dadurch, daß der Betrieb einem Fachmann untersteht und daß in ihr auch verheiratete Arbeiter tätig sein können, denen ein Häuschen und ein Stück Land zur eigenen Nutzung überlassen wird. Diese Form empfiehlt sich besonders dort, wo ein Boden auf die Dauer als Großbetrieb erhalten werden soll, c) Die Pflanzungsgenossenschaft. Diese ist praktisch noch nicht erprobt worden, scheint aber Dr. Ruppin sehr plausibel. Etwa 20 Arbeiter vereinigen sich, um für eine Gesellschaft 2000 Dutiam Boden zu beflanzen. Als Entgelt erhalten sie den üblichen Arbeitslohn und außerdem einen gewissen Teil des bepflanzten Landes zum Eigentum. Dieser Teil wächst von Jahr zu Jahr progressiv, um den Arbeiter an den Boden zu fesseln. Es könnte z. B. eine Skala festgestellt werden, daß der Arbeiter, wenn er wenigstens 1 Jahr arbeitet 1 Dunam nach 2 Jahren 3 „ „3 6 „ 4 10 „ „ 5 15 „ von dem bepflanzten Boden erhält. Gemeinsam ist all diesen Arten der Gewinnbeteiligung, daß der Arbeiter einerseits in hohem Maße daran interessiert wird, gute Arbeit zu leisten, daß er andererseits als Aequivalent für seine übernormale Arbeitsleistung die Möglichkeit erhält, in einigen Jahren Ersparnisse zu machen, die ihm dann mit Hilfe eines seinen Mitteln entspiredhienden Kredites 105 ermöglichen, eine größere oder geringere Selbständigkeit zu erreichen und eine Familie zu gründen. Dies sind, kurz skizziert, die Richtlinien der Landarbeiterpolitik, wie sie Dr. Ruppin in seinem Aufsatze empfiehlt. Sie basieren zum Teil auf bereits gemachten Erfahrungen, zum Teil aber sind sie Annahmen, die Jioch der Nachprüfung und Korrektur durch die Praxis bedürfen. Sicher ist jedoch, daß die Landarbeiterfrage eines der wichtigsten Probleme der palästinischen Kolonisation überhaupt bildet, und es ist daher sehr zu wünschen, daß diese Frage mehr als bisher in den Vordergrund der Diskussion tritt. ♦ Ein Vortrag in der Deutschen Orientgesellschaft. Die deutschen Forschungen in Palästina. Das „Berliner Tageblatt'' berichtet: Zu der Sitzung der Deutschen Orientgesellschaft, die am 14. Januar d. J. in der Singakademie stattfand, war eine sehr zahlreiche Zuhörerschaft erschienen. Unter den Anwesenden bemerkte man Admiral Hollmann und Ministerialdirektor v. Thielemann, Staatssekretär a. D. Bernhard Der n bürg, Staatsminister a. D. Möller, die Geheimräte v. W i 1 a m o w i t z - M ö 11 e n d o r f f und D i e 1 s , Professor 1) e i ß m a n n, Professor v. Luschan, Professor Schuchhardt, Dr. James Simon, Professor Otto Hirschfeld. Der Kais e r wurde durch Admiral Hollmann, den Vorsitzenden der Gesellschaft und Dr. James Simon empfangen. Er trug Dragoneruniform mit Generalsabzeichen. In seiner Begleitung befand sich der Chef des Marinekabinetts, Admiral v. Müller. Professor Dr. C. Watzinger aus Gießen sprach über die deutschen Forschungen in Palästina. Er beschränkte sich auf die archäologische Beschreibung der Funde, ohne Schlüsse daraus zu ziehen. Die deutschen Theologen haben zuerst, zur Unterstützung der historischen Kritik des Alten Testaments, 1001 bis 190'3 die Spaten in Palästinas Boden gesenkt, Professor Ernst Sellin hat dann 1903 bis 1905 diese Arbeit in Megiddo und bei Haifa, in der Ebene Jesreel am Bache Kison, von dem schon das Deborahlied singt, fortgesetzt. 1907 bis 1909 hat dann die Deutsche Orientgesellschaft neben anderen Gebieten namentlich die Ruinen von Jericho zu erkunden unternommen. Zuerst konnte sie die israelitischen Denkmäler aus der Römerzeit, die Synagogen Galiläas, an verschiedenen Orten aufdecken. Die englischen Offiziere Wilson und Anderson hatten 1S75 bis 1877 noch die über der Erde stehenden Reste von elf Synagogen aufgenommen. Die Arbeit setzte zuerst bei dem Orte Teil Hum am See Genezareth ein. Es konnte ein gemeinsamer Grundriß dieser Bethäuser festgestellt werden. Sie zeigen eine rechteckige Form nach Art der Basilika mit der Front nach Süden, das ist nach Jerusalem, auf das man durch ein großes Fenster schaut. Ueber dem oberen Fenstergiebel der Synagoge zu Teil Hum sind Reste eines Muschelkranzes und von Adlern n-och erkennbar; auch die Spuren eines Frieses von Lämmern, alles im harten Stein gemeißelt, finden sich dort, was offenbar zum Passahlamm in Beziehung steht. Im Norden Galiläas treffen wir Reliefdarstellungen von schwebenden Genien und Löwenköpfen. Auf den Emporen im Innern und den Gesimsen der Fenster treten Akanthusblüten und Ranken auf, daneben Blumen, Früchte, das Hexagramm und Pentagramm, selbst Centauren mit Löwen bilden bisweilen den figürlichen Schmuck. Ueber dem Pult für den Vorleser aus der Thora ist oft ein kleines Tempelchen mit Muschelmotiv in feiner Technik aus dem Basalt herausgemeißelt. Wir haben also die Basilikaform, zweistöckig mit Schmuck der Front und des Innern, einer Blüte der Architektur, die ins 2. bis 3. Jahrhundert unserer Zeitrechnung weist. Antonius Pius und Alexander Severus begünstigten, wie wir wissen, Syrien und wohl auch die um Tiberias als Mittelpunkt gelegenen israelitischen Gemeinden DIE3§KLT