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Die Welt · 1912-01-26 · 4 (26.1.1912) · page 2

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
4 (26.1.1912)
Date
1912-01-26
Page
– (sequence 2)
Language
German
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104 DIE3 war für ihn nicht aufnahmefähig; er blieb ohne jede Wirkung, und lange nachher mußte eine Bewegung kommen, die ohne ihn den Weg zu seinen Gedanken fand, um ihn dann aus der Vergessenheit hervorzuholen. Es ist freilich nicht verwunderlich, daß eine Persönlichkeit, wie Heß sie war, nicht zeitgemäß sein konnte. Sie nahm einen Teil der Entwicklung des 19. Jahrhunderts vorweg. Heß ist deswegen so besonders bemerkenswert, weil sich hier einmal in einem Menschen die ganze schicksalsreiche Geschichte des 19. Jahrhunderts wiederspiegelt. Vom alten, traditionellen Judentum geht er aus. Allein bald fällt er ab, und es ist bei ihm nicht ein Abfall wie bei der großen Menge seiner Zeit, aus Faulheit und Feigheit, aus selbsterniedrigender Nachahmungswut und gemeiner Gewinnsucht entstanden, sondern der Widerwille vor der Wertlosigkeit der Juden, der Abscheu vor der in dem Treiben der Emanzipationslüsternen sich offenbarenden Haltlosigkeit, führt ihn, wie überhaupt die Besten, wie Heine und Börne, vom Judentum hinweg. So geht er lange Jahre seines Lebens, allem Jüdischen fremd geworden, lediglich den allgemeinen Zielen des aufkommenden Sozialismus nach. Aber schließlich findet er zum Judentum, als zur unvergänglichen Quelle seiner Kraft, zurück und löst die Aufgabe, diese Kraft wieder wirksam werden zu lassen. Mit diesem letzten Teil seiner Entwicklung fällt er ganz aus dem Rahmen seiner Zeit heraus. Freilich, nicht nur mit dem letzten Teile seiner Entwicklung. Seine ganze Persönlichkeit paßt nicht in seine Zeit. Denn er war ein Volljude; er hatte wirklich eine jüdische Weltanschauung. Sein ganzes Leben zeugt von edelster jüdischer Art. Sein gewaltiges Streben nach Beglückung und Vereinheitlichung der ganzen Menschheit, ja des ganzen Weltalls, sein Eintreten für die Niedrigen und Elenden ist grundjüdisch. Und seine Unbekümmertheit um die Meinungen der Masse, sein tapferes Aushalten bei dem für recht Erkannten beweist seine Lauterkeit. Es ist kein Wunder, daß ein solcher Jude von seiner Zeit nicht verstanden wurde. Einer Zeit, deren typischer Vertreter Philippson ist, der Mann, als dessen Grundzug man das Bestreben bezeichnen könnte, dasselbe zu denken wie die andern. [ELT — Nr. 4 Er durfte damals Heß mit wenigen geringschätzigen Worten abtun und nichts half es, daß Heß mit seiner ganzen inneren Ueberlegenheit ihm entgegentrat. Philippson hatte die Zeit auf seiner Seite, Moses Heß war allein. Vor kurzer Zeit hat die Philippsongedenkfeier stattgefunden, und das offizielle Judentum hat dort wieder einmal gezeigt, daß es in der Mitte des vorigen Jahrhunderts stehen geblieben ist. Aber die Zeiten haben sich geändert. Philippson hat nicht mehr die gesamte Zeit hinter sich. Man begeht heute auch Heßgedenkfeiern und man weiß, daß diejenigen, die am 21. Januar des Autors von „Rom und Jerusalem" gedenken, die lebendige Madht im Judentum sind. Eines Wortes von Moses Heß besonders sollte sich jeder an seinem Ehrentage erinnern, der sich zu ihm bekennt: „Es gab stets nur einen kleinen Kreis im Judentum, dem alles Große und Heilige zuzuschreiben ist.....Aber es gab auch stets und gibt noch heute in der Mitte unserer Stammesgenossen eine egoistische, habsüchtige, eitle, nach Reichtum und Auszeichnung jagende Klasse voller Ansprüche, welche den schroffsten Kontrast zu den Gerechten und Anawim bildet und den Juden nicht ohne Grund das Mißtrauen der Völker zugezogen hat. Während der Verfolgung waren diese Hochmütigen uns weniger gefährlich — weil sie dann offen von uns abfielen und sich mit unseren Feinden verbanden — als in den Zeiten des Glückes und der Freiheit. Die Propheten haben sie nicht geschont, und man sollte sie auch heute nicht schonen. Die wirklichen Vertreter des Judentums sind verpflichtet, den Anspruchsvollen und Herrschsüchtigen die Wahrheit zu sagen und unsere Brüder von einer Solidarität zu befreien, die ihnen in jeder Beziehung nur verderblich sein kann." Das sollten alle beherzigen, die in den „kleinen Kreis" gehören wollen. Sie sollten sich vornehmen, so starke, unnachgiebige, zu keinerlei Konzessionen bereite Juden zu sein, wie Moses Heß einer war. Sie sollten sich sagen, daß sie auch so etwas wie ein Prophetenamt haben, „die Wahrheit zu sagen" und sich ganz einzusetzen für die Aufgabe, das Volk von dem Wege des Verderbens abzubringen. tfgggggBD Dr. Ruppin über die Landarbeiterfrage in Palästina. [>r. A. Ruppin hat in den letzten Nummern des „Hapod Hazair" eine längere Abhandlung über die Landarbeiterfrage in Palästina veröffentlicht. Dieser Aufsatz, der sich durch die systematische Darstellung der ganzen Frage auszeichnet und auch manche neue Gesichtspunkte bringt, wird auch in deutscher Sprache in der Monatsschrift „Palästina" zum Abdruck gelangen. Hier wollen wir seinen Inhalt kurz skizzieren. Die jüdische landwirtschaftliche Kolonisation in Palästina, sowohl die auf Basis des Ackerbaues wie auch die auf der Basis des Pflanzungsbaues, kann nach Ruppin des jüdischen Landarbeiterstandes nicht entraten. Für die Kolonisation auf der Basis des Ackerbaues ist er einfach eine conditio sine qua non. Denn ,,für den Ackerbau passen durchaus nur solche Leute, die, durch keinerlei Komfort verwöhnt, in jungen Jahren nach Palästina kommen und sich eine gründliche Praxis erwerben". Wo aber soll sich der zukünftige Landwirt diese Praxis erwerben, wenn nicht als Landarbeiter? - Aber auch die Pflanzungskolonisation bedarf unbedingt des jüdischen Arbeiters, wenn anders sie ihren jüdischen Charakter wahren will. Da es nun einen jüdischen Landarbeiterstand im allgemeinen nicht gibt (beschäftigen sich doch die Juden in der ganzen Welt noch nicht zu 1 °o mit der Landwirtschaft), so entsteht die Frage: Wie läßt sich ein jüdischer Landarbeiterstand schaffen? Mit anderen Worten: Welche Bedingungen müssen in Palästina geschaffen werden, damit die Juden in dem Einströmen als Arbeiter in die palästinensische Landwirtschaft eine Verbesserung ihrer Lage erblicken können? Drei Voraussetzungen sind nötig, um dem Juden, der von Haus aus Städter ist, die Tätigkeit als landwirtschaftlicher Arbeiter in Palästina anziehend zu machen: 1. Die Möglichkeit, sich landwirtschaftlich auszubilden. Hier plaidiert Ruppin für die sogenannten „Lehrfarraen" d. h. Wirtschaften, welche Arbeiter aus-

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