Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 4 (26.1.1912)
- Date
- 1912-01-26
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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DIE ME LT BERLIN W15, SÄCHSISCHE STR. 8. \f ERSCHEINT IEDEN FREITAG ZENTRALORGAN DER ZIONISTISCHEN BEWEGUNG XVI. JAHRG. BERLIN, 26. Januar 1912 unta? y'önn 'X '1 yhin Nr. 4. MOSES HESS Von M. Bileski. Am 21. Januar waren es 100 Jahre, daß Moses H e ß geboren wurde. Der Zionismus begeht zum ersten Male eine Jahrhundertfeier. Freilich ist es keine Jahrhundertfeier der zionistischen Bewegung als solcher. Wir feiern den Geburtstag* eines einzelnen, dessen Wirken keinen Zusammenhang hatte mit denjenigen Kräften, die, erst Jahrzehnte später sich entwickelnd, das neue jüdische Leben aufkeimen ließen, das wir um uns entstehen sehen. Moses Heß starb, bevor er irgendein Zeichen der jungen jüdischen Bewegung bemerken konnte. Und doch haben wir Zionisten zu allererst die Pflicht, seiner zu gedenken. Seine Gedanken sind für uns Gemeingut geworden. Sein Werk „Rom und Jerusalem" gehört zum festen Bestände unserer Theorie. Es ist erstaunlich, wie er, völlig einsam und ganz für sich, ohne den geringsten Anhalt in der Stimmung seiner Zeit zu finden, in voller Klarheit und dem ganzen Inhalte nach gleich beim ersten Male, wo er sich wirklich eingehend mit der Frage des Judentums beschäftigte, die Ideen darlegte, welche die spätere Entwicklung erst durch langwierige Arbeit und das Ineinandervvirken einer größeren Anzahl fruchtbarer Geister zu finden vermochte. Seine naturwissenschaftlichen Studien, aus dem heißen Bemühen hervorgegangen, den Plan des ganzen Weltalls begreifen und seinen Sinn verstehen zu lernen, führten ihn auf den Begriff der Nationalität. Er erkennt den Wert der eigenen Art, er stellt dar, wie jedes Volk seinen eigenen Beruf, wie jedes Volk — gerade vom Standpunkt eines geläuterten Internationalismus aus — die Pflicht hat, die ihm eingeborenen Qualitäten in freier Entfaltung zur höchsten Stufe zu entwickeln. Den Juden, seinem eigenen Volke, weist er einen ganz bestimmten Platz zu. Lange war er, der in einer gut-jüdischen Umgebung aufgewachsen war, seinem Volke völlig entfremdet gewesen; die Damaskus-Affäre bringt ihn zum Judentum zurück, und in eingehender, liebevoller Beschäftigung gewinnt er seine Stellung. Er erkennt den unseligen Irrtum, der in der Auffassung des Judentums lediglich als Glaubensgemeinschaft liegt, er sieht, daß alle ursprünglichen jüdischen Kräfte nationale Kräfte sind, daß jeder Versuch, das religiöse Element von der nationalen Urkraft zu trennen, nur Verderben bringen kann. Er zeigt, daß auch das Judenvolk eines von jenen Völkern ist, dessen Erhaltung als werteschaffenden Faktors die Menschheit fordern muß. Die Juden haben eine Aufgabe von unvergänglicher Bedeutung. Sie werden die All- Einheit auf dieser Welt verwirklichen, sie werden jenes Messiasreich heraufführen, nach dem Moses Heß sein ganzes Leben hindurch gerungen hat, jenes Reich, in dem jeder Einzelne und jedes Volk seine Aufgabe darin sehen wird, mit seinen Anlagen der Allgemeinheit zu dienen, in dem jeder, von Gottesbewußtsein ganz durchdrungen, das Walten sittlicher Gesetze als höchstes Glück empfinden wird. Die Verbreitung des Gottesbewußtseins, aus dessen allgemeiner Herrschaft sich diese Einheit und Beglückung der gesamten Welt mit Notwendigkeit ergeben wird, liegt den Juden kraft ihrer natürlichen Veranlagung ob. So gibt Heß dem Missionsgedanken, der in einer der seinigen diametral entgegenstehenden Ideenwelt geboren wurde, einen nationalen Inhalt. Zur Durchführung dieser Mission ist die ungebrochene Erhaltung der Volkskraft notwendig. Diese wird nur durch das Leben im eigenen Staate gewährleistet. Das neue Gemeinwesen wird nur in Palästina möglich sein. Nicht alle Juden wird es umfassen, aber es wird ein „Aktionszentrum" bilden, das die Aufgaben des jüdischen Volkes erfüllen und auch auf die im Exil Zurückbleibenden seine wohltätige Wirkung ausüben Wird. Wir sehen hier die reine Form des Zionismus vor uns, dem es nicht mehr auf irgendwelche „Abwehr" oder Hilfsaktion ankommt, sondern der die Erhaltung der jüdischen Eigenart aus dem Bewußtsein ihres Wertes heraus anstrebt. Auch in seinen praktischen Forderungen nimmt Heß in überraschendem Maße später gewonnene Ergebnisse vorweg. Er ist von der Notwendigkeit der Gewinnung Palästinas überzeugt. Kein einmaliges, gewaltiges Ereignis wird das gelobte Land gewinnen, sondern in allmählicher, planmäßiger Kolonisationsarbeit muß es erworben werden. Neben dieser Tätigkeit muß rege Agitationstätigkeit unter den Juden einhergehen, die dem Gedanken der nationalen Wiedergeburt zurückerobert werden müssen. Man sieht, in theoretischer wie praktischer Beziehung ein Programm, das unseren Gedanken entspricht. Wir freilich haben diese Gedanken nicht von Heß. Seine Zeit