Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 3 (19.1.1912)
- Date
- 1912-01-19
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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Nr. 3 DIE ELT 85 Berlin statt. Man verspricht sich von der Tätigkeit dieser neuen sozialen Wohlfahrtsanstalt eine belebende Wirkung aut den Kleinhandel und das kleinere Gewerbe in Jerusalem, deren Entwicklung bisher vielfach durch die Schwierigkeit der Geldbeschaffung und die desolaten Kreditverhältnisse gehemmt war. Eine Botschaft des Barons Edmund Rothschild an die jüdischen Kolonisten in Palästina Ais eine Abordnung des Winzersyndikats in Rischon-Lezion vor kurzer Zeit in Paris bei Baron Edmund Rothschild vorsprach, um ihm den Betrag von 400 000 Frcs. als erste Teilzahlung eines seinerzeit gewährten Darlehens von 2 Millionen Francs zu überbringen, sagte Baron Rothschild den Mitgliedern der Deputation, nachdem sie ihn über die gegenwärtige Lage der palästinensischen Kolonien eingehend informiert hatten: „Ich bitte Sie, meinen Brüdern in den Kolonien meine herzlichsten Grüße zu übermitteln. Mögen die jüdischen Kolonisten dem palästinensischen Boden Liebe und Treue bewahren und mögen sie ihrer Pflichten gegen das ottomanische Reich stets eingedenk sein. Wenn die Bestrebungen der Kolonisten zur Erlangung wirtschaftlicher Unabhängigkeit sich auch weiterhin, wie ich hoffe, als erfolgreich erweisen werden, will auch ich mich der Förderung rationeller kolonisatorischer Tätigkeit in Palästina nicht entziehen. Am meisten freut es mich, daß die Kolonisten allmählich den jüdisch-deutschen Jargon, die Sprache des Golus, gegen die hebräische Sprache unserer Väter vertauschen/4 — Baron Rothschild traf schließlich mit den Vertretern der Winzergenossenschaft ein Arrangement, wonach diese den Restbetrag der obenerwähnten Schuld im Laufe von 110 Jahren, d. h. in Jahresraten von ca. 15 000 Frcs., zu amortisieren hat. Ein Fro-Falascha-Komitee Ein in Berlin gebildetes Komitee zugunsten der Falaschas wendet sich mit einem Aufruf an die Öffentlichkeit, dem wir folgendes entnehmen: Seit einigen Jahren ist die Aufmerksamkeit unserer Glaubensgenossen wiederum auf die Falaschas gelenkt, jenen versprengten jüdischen Stamm in Abessinien, der seit Jahrhunderten einen schweren Kampf für seinen Glauben zu bestehen hat, und der, um in diesem Kampfe nicht zu erliegen, uns in dringender Weise um moralische Unterstützung und Kräftigung anfleht. Es ist eine Ehrenpflicht der gesamten Judenheit, gegenüber diesem Notschrei Herz und Hand nicht zu verschließen. Wir müssen den Falaschas durch Verbreitung von Schriften, durch Erteilung von Unterricht so schnell wie möglich die erbetene Hilfe senden und so das Band fester knüpfen, das sie mit dem Judentum verbindet. Durch zwei lange Reisen durch das unwegsame, von der Kultur noch wenig berührte Land, hat Dr. J. Faitlowitsch aus Paris sich eine gründliche Kenntnis von Land und Leuten angeeignet, überall Verbindungen angeknüpft und sich das Vertrauen und die Achtung der nicht leicht zugänglichen Falaschas erworben. Es ist geplant, baldigst in Eryträa, wo die italienische Regierung unentgeltlich ein Terrain herzugeben sich bereit erklärt hat, eine Schule zu errichten, an der begabte junge Falaschas zu Religionslehrern herangebildet werden sollen, damit sie in der Lage sind, ihre Stammesgeiiossen im Glauben der Väter zu unterweisen und im Widerstand gegen die aufdringdringlichen Missionare zu stärken. Der Hilfsverein der deutschen Juden hat einige junge Falaschas in sein Lehrerseminar in Jerusalem aufgenommen und damit der Bewegung einen sehr wertvollen Dienst geleistet. Damit jedoch dieses Unternehme, dauernd und nachdrücklich gefördert werden kann, ist es erforderlich, überall Interesse dafür zu erwecken und zu erhalten. Um auch hier in Berlin für diese Bestrebungen Anhänger zu gewinnen, haben sich die Unterzeichneten zu einem Pro- Falascha-Kornitee vereinigt. Wir beabsichtigen nicht, einen neuen Verein zu begründen, wir betrachten es vielmehr als unsere Aufgabe, der zu errichtenden Schule in den ersten drei Jahren einen Teil der notwendigen Mittel zuzuführen. Das Pro-Falascha-Komitee. Justizrat J. Dzialoszynski, Prof. Dr. Eugen Mittwoch, Vorsitzender, Eichhornstr. 5. Schriftführer, Kirchstr. 23. Bankier Bruno G a 1 e w s k i, Schatzmeister, Kurfürstendamm 167. Ein amtliches Urteil über die jüdischen Farmer in Amerika Der Sachverständige der amerikanischen Einwanderungskommission, Mr. A. Cains, veröffentlicht einen Bericht über die jüdischen Farmer im Staate Connecticut. Der Bericht hebt wiederholt hervor, daß die jüdischen Farmer ihre Güter in mustergültiger Weise bewirtschaften und in keiner Beziehung hinter den nichtjüdischen Landwirten zurückstehen. Im Staate Connecticut pflegen die jüdischen Farmer vorzugsweise die Milchwirtschaft und den Tabakbau. Ganz besonders zeichnet sich die jüdische Kolonie Ellington durch den hohen Stand ihrer Kulturen und die Vorzüglichkeit ihrer Bodenprodukte aus. Die Bewohner dieser Kolonie waren schon in ihrer russischen Heimat mit Erfolg in der Landwirtschaft tätig. Literarischer Abend Der jüdisch-dramatische Arbeiterverein „Gordinu in Berlin veranstaltet am Sonnabend, den 20. Januar 1912, in den Sophiensälen, Sophienstraße 16,17 (Bahnhof Börse) einen literarischen Abend, an dem Herr ß c h a 1 o m A s c h und Herr B. P. L e w i n aus ihren eigenen Werken und Herr Schamaria G a r e 1 i k „Die liebe Provinz** vorlesen werden. Beginn 9 Uhr. Billetts ä 1 M. und 50 Pf. sind zu haben bei Herrn S. Lifschitz, Linienstraße 216, Tel. N. 1050. l □□□□□D FEUILLETON Literaturbrief Von Dr. H. Brody, Prag. V. In der „Talmudischen Archäologie" von Sam. Krauß, von der nunmehr zwei starke Bände vorliegen (Leipzig, G. Fock, I: 1910, XIII u. 720 S.; II: 1911, 722 S. 8°), begrüßen wir eines der hervorragendsten Werke, die jüdischer Fleiß und Forschergeist in den letzten Jahren zustande gebracht hat. Der Verfasser bedauert in der Einleitung, daß man nicht Theologe, Philologe, Archäologe und zugleich auch Maurer, Schneider, Landwirt, Schmied, Musiker usw. sein könne; aber sein Buch liefert den Beweis dafür, daß man ohne alles das zu sein, Ausgezeichnetes leisten kann, wenn man, o^DDDnacui c^= wie er, mit einer bewundernswerten Literaturkenntnis scharfen Blick, wissenschaftlichen Ernst und die Fähigkeit verbindet, den Stoff systematisch zu behandeln, übersichtlich zu ordnen und zweckdienlich zur Darstellung zu bringen. Aus tausend Quellen schöpft der Verfasser Tropfen um Tropfen und vereinigt die einzelnen Tropfen meisterhaft zu einer reichsprudelnden Quelle der Belehrung. Aus tausend Schächten holt er Stein um Stein, mit Kennerblick sichtet er das mühsam gewonnene Material, und mit Künstlerhand verbindet er das Brauchbare zu einem herrlichen Bau, der dem Meister ebenso zürn Ruhme gereicht wie dem Volke, dem er angehört. Die „Archäologie" ist kein philosophisches System, dessen Grundzüge der Referent anzugeben hätte, kein Geschichtswerk, in dem neue Gesichtspunkte zutage treten, kein Buch von einheitlichem Inhalt, der sich im