Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 3 (19.1.1912)
- Date
- 1912-01-19
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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Brief aus Konstantinopel (Von unserem Berichterstatter.) - Vor dem letzten Akt Eine Woche verhältnismäßiger Ruhe, das heißt, ohne neue schlimme Ueberraschungen. Aber auch ohne neue günstigere Momente, die den Weg der innertürkischen Politik von der Richtung auf den Abgrund hätten zurücklenken können. Alle zerstörenden Elemente waren weiter emsig an der Arbeit. Die Parlamentsmühle hat weiter Unheil gemahlen. Die hortsetzung der Debatten über die Vergrößerung der Rechte des Sultans hat die Gegensätze noch mehr verschärft; sie haben zu unzähligen Anklagen und Verdächtigungen gegen das Komitee Gelegenheit gegeben und zu neuer Aufhetzung des Volkes draußen. Die Opposition hat den letzten ihrer Trümpfe ausgespielt, indem sie durch einen Hodscha erklären ließ, die Abänderung des Paragraphen 35 sei gegen das heilige Korangesetz. Die Heuchelei auf beiden Seiten hat den Gipfelpunkt erstiegen. Die ganze Schlacht geht nicht im geringsten um ein Prinzip, sondern um grobe Interessen. Der Grieche B u s s i o s hat das in seiner Kamrnerrede auch ganz offen herausgesagt: „Wenn wir gegen die Abänderung des Paragraphen 35 sind, so ist es nicht etwa, weil wir Gegner der Erweiterung der Rechte des Sultans sind, sondern weil wir uns nicht nach Hause schicken und die Macht in euren Händen lassen wollen!a Es nützt aber a»ller Widerstand nichts, die Komödie geht ihrem Ende entgegen; schon heute soll die Debatte geschlossen werden. Das wird entweder die Annahme des Antrages und die sofortige Paiiamentsauflösung ergeben, oder die Ablehnung durch Abstimmung oder Obstruktion, und dann wird das Todesurteil der Kammer vom Senate gefällt werden, in dem eine Majorität dafür, auch ohne Pairschub, schon gesichert erscheint. Was nachher kommt, ist schwer vorauszusagen. Es heißt, baldige Neuwahlen sollen folgen. Da sie unter der testen Hand der Komiteebehörde gemacht werden, ist die Aussicht auf eine neue, freilich etwas gewaltsam hereingebrachte Korniteemajorität vorhanden. Es kann aber auch der Bruderkrieg und allgemeine Anarchie folgen. Gewisse Provinzen sind auch ohnedies nicht weit mehr davon entfernt. Mazedonien ist mit einem neuen Anarchistenbunde beglückt worden. „Les freres rouges'"' ist sein Name; er versandte jüngst einen offenen Brief an die Regierung, an das Komitee und die Presse und kündigte darin den Beginn des Terrors an, der durch den Stempel der roten Brüder, einen schwertdurchbohrten Totenkopf, noch etwas mehr Nachdruck erhält. Man wird daher mit der trüben Möglichkeit zu rechnen haben, der der britische Botschafter dem Großwesir gegenüber jüngst Ausdruck gegeben haben soll, nämlich, daß die Mächte ihre Einmischung in Mazedonien und die Einrichtung eines neuen Kontrollzustandes in dieser Provinz wieder autnehmen werden. Somit wäre dann die vorrevolutionäre politische Situation vom Sommer 1908 wieder hergestellt und die jiingtürkische Großmachtstellung begraben. RegungeiTim türkischen Judentume Die ottomanischen Juden sind bereits zu weit vorgeschritten in ihrer Erweckung, um ruhigen Gemüts in dem Sumpfe zu bleiben, zu dem sie die elende bisherige Organisationsiorm der Gemeinden verdammt. Daher lassen ihnen die Gedanken an die Schaffung neuer Organisationen und Institutionen, die ihnen ein neues geistiges, soziales und politisches Dasein garantieren können, keine Ruhe. So kehrt insbesondere die Idee eines ottomanischen Gemeindekongresses immer wieder. Nachdem erst die „Tribuna libera^ in Saloniki, wie an dieser Stelle schon berichtet, den Plan eines solchen Kongresses lanciert hatte, ist nun, ebenfalls von Saloniki aus, eine grundsätzliche Zustimmung erfolgt, und zwar durch den „El Liberal4(, ein Blatt, das aus der früheren „Nation" und der „Epoca", zwei nicht zionistischen Blättern, hervorgegangen ist. Was der „El Liberal" zur Begründung der Notwendigkeit des Kongresses schreibt, ist von allgemeinem Interesse: „Nahezu eine halbe Million Juden lebt in der Türkei, da und dort verstreut, ohne Gleichartigkeit in ihrer Lebensweise, ohne irgendein Band unter sich, ohne irgendwelche Beziehungen zwischen einer Gemeinde und der anderen; jede lebt für sich und Gott für sie alle. Die Lage unserer Brüder bekümmert uns nicht; wir wissen nichts von ihnen; wir haben keine Ahnung, was in der anderen Gemeinde vorgeht; die Preßangriffe,- die immer häufiger werden, lassen uns gleichgültig; die Bekehrungen unserer Töchter und andere, uns zu unserm Schaden zugefügte Ungerechtigkeiten gehen uns nichts an; wir leben in den Tag hinein, ohne uns den Kopt zu zerbrechen über das, was die Zukunft uns vorbehält. Unter diesen Umständen fragen wir: Was sind wir eigentlich, wir Juden der Türkei? Nichts! kann man antworten; und das wird eines Tages unser Unglück werden. Die Erziehung, die wir bis auf diesen Tag erhalten haben, hat uns Böses getan wie Gutes. Gutes, indem sie uns die Augen öffnete. Aber sie hat uns zivilisiert und mitten aut dem Wege liegen lassen. Sie hat uns aus einer Welt herausgeführt, ohne uns in eine andere einzuführen. Diese Erziehung hat uns zu keiner Einheitlichkeit verholfen. Sie hat Männer aus uns gemacht, hat aber nicht vermocht, eine Gruppe mit e i n e m Gefühle, mit einem gleichen Ideale aus uns zu formen. Darum wird es umso schwerer sein, uns zu organisieren. Und dennoch drängt sich die Organisierung des ottomanischen Judentums unabweisbar auf, wenn wir wünschen, daß unsere Gegner uns achten, wenn wir nicht ein quantite negligeable unter den anderen Elementen bleiben wollen, wenn wir darauf halten, endlich, daß bei irgendwelchen Wahlen nicht völlig ausgeschaltet w e rd e n. *i Diesem ersten Artikel des „EI Liberal4' ist bald ein zweiter gefolgt, der darlegen soll, wie den Schwierigkeiten der Organisierung und der Einberufung des geplanten Kongresses begegnet werden könne. Das Blatt äußerte den interessanten Gedanken, daß die beste Vorbereitung des Gemeindekongresses durch einen vorhergehenden jüdisch-ottomanischen Presse- Kongreß geschehen könnte. Dieser Pressekongreß soll die doppelte Aufgabe haben, die Vertreter der jüdischen Publizistik erstens über die Fragen zu einigen, die das türkische Judentum interessieren, und zweitens zu diskutieren, wie die Grundlagen für einen Reichsgemeindekongreß zu schaffen wären. Diese an und für sich sympathische Idee scheint uns tatsächlich geeignet, in dem gewünschten Sinne fruchtbar zu werden. Die jüdische Presse der Türkei ist in Wirklichkeit bereits auf ein Niveau gelangt, daß sie über die meisten übrigen Faktoren im türkischen Judentume erhebt und sie befähigt, in Dingen des Fortschrittes an die Spitze zu treten. Die Ausnahme Eine einzige Ausnahme existiert freilich ■- noch immer. Selbst, wenn sie nicht genannt würde, wäre es klar, daß es sich um den „Tiempo'4 handelt. Der „Tiempo''* ist anderer Ansicht, als alle übrigen Blätter. Er findet, daß das ottomanische Judentum über nichts zu klagen hat und daß es nur eine künstliche Verhetzung durch die Zionisten bedeutet, wenn man die Zustände geändert haben will. Er fällt über die ,,Tribuna Libera'* her und über den „Judio,k, die die Gegenwart so pessimistisch kritisieren. Der „Tiempo" lebt in der besten aller Welten. Das ist begreiflich. Er hat, wie er in seinen eigenen Spalten erklärt, von seinen Freunden frisches Geld erhalten. Da ist das Weltbild rosig. Er hat sich neue Buchstaben dafür kauten und sein antizionistisches Schießgewehr dafür wieder schmieren können. Auch sonst scheint er zu meinen, daß ihm die Situation wieder mehr lächle. Nach dem gelungenen Coup der Allianceleitung in Paris, der künftig jedes iMitsprechen der Mitglieder in der weiten Welt ausschließt, kann frisch und fröhlich zu den orientalischen Intriguen zurückgekehrt werden. Der „Tiempo" ist neun Monate lang stumm gewesen. Er irrt sich, wenn er glaubt, daß die Zeit wieder da ist, neue Schandtaten zur Schmach und zum Unglücke der Judenheit zu begehen. Brief aus Palästina (Von unserem Berichterstatter.) Konferenz der judischen Landarbeiter Mitte Kislew fand in Pethach Tikwah die zweite Konterenz der judäischen Landarbeiter statt, an der sich 25 Delegierte und mehrere Gäste, unter diesen auch der Schriftsteller J. Eisen Stadt aus Jerusalem, beteiligten. Die Konferenz verhandelte zunächst über die Notwendigkeit einer unparteiischen Gesamtorgariisation der judäischen Landarbeiter. Bis nun gab es in Judäa zwei Arbeiterorganisationen: „Hapoel Hazair" mit seinem rein nationalen Programm und dem gleichnamige!/