Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 3 (19.1.1912)
- Date
- 1912-01-19
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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78 DIESqK LT: Nr. 3 Aenderung zu erfahren. Die Zunahme der einheimischen Volksmenge und der jüdischen Bevölkerung in den Städten, die mittlerweile emporgeschossene Industrie und der dadurch hervorgerufene Zuzug der Landleute nach den Städten, überhaupt eine Aufeinanderfolge ökonomischer Faktoren einerseits und der politische Druck andererseits brachten es mit sich, daß sich zum früheren, gewissermaßen harmlosen instinktiven Antisemitismus ein moderner, organisierter Judenhaß der Tat gesellte. Es trat auch hier die übliche Erscheinung ins Leben. Die Juden als Minorität werden solange toleriert, wie sie ihrer Umgebung, der Majorität nötig sind, ihr Vorteile bieten. Mit dem Moment aber, da die autochthone Bevölkerung, durch den Fortschritt und den Konkurrenzkampf gedrängt, gelernt hat, aus eigener Mitte das nötige Kontingent für die bisher nicht besetzten Positionen zu liefern, beginnt die systematische Verdrängung der Juden aus den Stätten ihres ehemaligen Monopols. Es wütet nun in der letzten Zeit in Polen eine, an Intensität immer mehr zunehmende Bewegung, die Juden ökonomisch zu unterdrücken. Diese Strömung wird fast von der ganzen polnischen Presse in unablässigen hetzerischen Artikeln zu einer nationalen Losung emporgehoben. Einige Zeit noch seinen es der Keuschheit der polnischen Nation, die oft das (ierechtigkeitsgefühl der Kulturwelt anrufen muß, nicht opportun, das Kind beim Namen nennen, und so wurde nur ein Losgehen gegen die „Litwaks" (russische Juden), als „Ankömmlinge", die angeblich das Land russifizieren wollen, ins Werk gesetzt. Es war dies ein Trick der polnischen Presse, um dadurch auch diejenigen Elemente, bei denen man noch Ueberbleibsel von Fortschrittstendenzen befürchtete, für den Kampf gegen die Juden zu gewinnen. Diese halbe Scham wich jedoch nach kurzer Zeit dem offenen Zynismus, mit welchem jetzt das Zugrunderichten jüdischer Existenzen gepredigt und betätigt wird. Tausende von jüdischen Arbeitern, Handwerkern, Krämern, Kleinhändlern, werden gezwungen, den Wanderstab zu ergreifen, und die jüdische Emigration aus Polen nimmt große Dimensionen an. Als Illustration für die Atmosphäre der Gehässigkeit, von der die Juden in Polen umgeben sind, mag der Umstand dienen, daß jetzt die ganze polnische Presse ohne Ausnahme im Dienste des Antisemitismus steht. Als wir vor 10 15 Jahren an die hiesigen jüdischen Assimikmlen die logische Frage richteten, warum sie sich all Söhne der polnischen Nation" aufdrängen, während letztere von dieser erdichteten Adoption nichts wissen will und ihnen nur Verachtung entgegenbringt, haben die Assimilanten mit Tränen der Rührung auf jene kleine „edle Schar", auf die Vertreter des „Fortschritts", auf das Gestirn Swientoc h o w s k i und seine Jünger hingewiesen, die die Juden als ebenbürtige Polen anerkannten. Nun ist auch diese klägliche Illusion dahin. Nach der Hetze gegen die „Litwaks" und der Parole der ökonomischen Unterdrückung der Juden taten sich auch die übrigens an Einfluß ganz unbedeutenden — Vertreter des Fortschritts zusammen, um das große Wort von der „Entjuching des Fortschritts" zu verkünden. Diese .,liberalen"' Literaten, die durch jüdisches Geld und jüdischen Einfluß zur Popularität gelangten, die nur von Juden .großgezogen und gelesen wurden, zeigten, daß sie nun den Geist der Zeit verstehen; sie begriffen, daß, wenn sie noch jetzt, wo sieh, das ganze polnische Volk für den Kampf gegen die Juder; aussprach, ihren jesuitischen Philosemitismus weiter betreiben, sie Gefahr laufen, zwischen sich und der polnischen Gesamtheit eine unüberbrückbare Kluft zu schaffen. Sie nahmen nun ihre viele Jahre hindurch getragene Maske ab und stürzten sich mit der ganzen Wucht lange unterdrückter Gefühle in \ die Woge des Antisemitismus. Es genügt hervorzuheben, daß in der „Kultura Polska", dem Organ Swientochowskis, die Juden als „Ratten, die die Kultur untergraben", bezeichnet werden. Die „Fortschrittler" verließen in bezug auf die jüdische Frage die Höhen der sonst so angebeteten Wissenschaft, um in den Abgrund demagogischer Hetzerei gewöhnlicher Berufsantisemiten hinabzusteigen. Der verstorbene J e 1 e n s k i, gegen den diese ,,Liberalen" einst ins Feld zogen, würde seine ehemaligen Feinde in Verzückung umarmen, wenn es ihm gestattet wäre, die Gefilde des Elysiums zu verlassen und sich an der üppigen Frucht des von ihm ausgestreuten Samens zu weiden. Charakteristisch für die geschilderte Stimmung ist es, daß, während früher zwischen der polnischen, überwiegend konservativen Presse und den winzigen Organen des sogen. Fortschritts auf allen Gebieten sozialer Probleme ein unausgesetzter Kampf tobte, der Einzug der „Liberalen" in das antisemitische Lager eine Versöhnung herbeigeführt hat. Rührend war die Aufnahme, die die polnische Presse diesen „Heimkehrenden" bereitet hat; all ihre Jugendsünden, sogar ihr einstiger Kampf gegen den Katholizismus, wurden ihnen verziehen, weil sie doch endlich die Volkspsyche erfaßten und in das Unisono des modernen „Hep, Hep" einstimmten. Für uns Zionisten war diese Wendung natürlich keine Ueberraschung. Uns konnte der polnische Liberalismus nie ansprechen, dieser kalte, selbstische, kleinliche Liberalismus, der sich nie dazu emporhob, im Juden den Menschen, den Selbstzweck anzuerkennen und der die Existenzberechtigung einer ganzen Nation an dem Maßstab ihrer Nützlichkeit für die stärkere Umgebung mißt. Und dennoch bilden sehr oft nicht ökonomische, sondern psychische Faktoren die Dominante des Judenhasses, der oft mehr eine Gefühlsals Vernunft- oder Wehrpolitik ist. Nehmen wir als Beispiel eben die „Litwaks", gegen die sich die ganze Schärfe des polnischen Antisemitismus richtet. Wenn man eine Bilanz der ökonomischen Beziehungen der aus Rußland angekommenen Juden zu den Autochthonen ziehen würde, müßte man — so pardox, ja so frech dies der Eigenliebe der polnischen Nation scheinen mag — zur Einsicht gelangen, daß erstere den Polen unvergleichlich mehr gegeben, als von ihnen bekommen haben. Die Einwanderung tausender russischer Juden nach Polen fällt nämlich mit dem bis dahin ungeahnten Aufschwung der polnischen Industrie zusammen. Aus diesen „Litwaks" rekrutiert sich die kolossale Armee der Handelsreisenden, die für die polnische Industrie und den Handel ganz Rußland durchkreuzen und der hiesigen Gewerbetätigkeit — oft auf Kosten des Moskauer Handels — die entlegensten Absatzgebiete abringen. Tatsache ist es doch, daß z. B. in Lodz weder die Polen noch die übrigen Deutschen das allergeringste Kontingent dieser Reisenden aus ihrer Mitte liefern können und ausschließlich auf diese „Litwaks" angewiesen sind. Die Beschäftigung dieser Voyageure ist nämlich mit allzugroßen Entbehrungen, mit einer allzu empfindlichen Verzichtleistung auf ein geregeltes Familienleben, ja oft sogar mit Lebensgefahr verbunden, als daß sich die autochthone Bevölkerung auf diesen Arbeitszweig legen würde, während die jüdischen „Ankömmlinge" aus Rußland, die Suchenden, die vor einem erhöhten, zugespitzten Kampf ums Dasein stehen, Pioniere neuer, schwerer Erwerbsmöglichkeiten sein müssen. Diese so verhaßten „Litwaks" verschaffen hunderttausenden polnischer Arbeiter Beschäftigung in den Fabriken, die für jüdische Arbeiter geschlossen sind. Dies ließe sich auch von vielen anderen Erwerbssphären der Juden in Polen sagen, die die schöpferischen Pionierarbeiten konkurrenzlos besorgen und dadurch Wohlstand in das Land hineintragen.