Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 3 (19.1.1912)
- Date
- 1912-01-19
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 3 DIEÄELT 77 seine Meinung über die Juden äußern und Wünsche über die Behandlung derselben anbringen. Kleine Erlebnisse mit den Juden gab es natürlich mancherlei. Rabbiner, die sich beim Nahen ängstlich einschlössen und sich trotz hebräischer Aufforderungen nicht dazu herbeiließen, zu öffnen; rechnende Kaufleute, die, als ich sie photographieren wollte, erst mehrmals fragten, ob es nichts kosten würde. Man war auch im Morgenlande sehr argwöhnisch, ob meine jüdische Begeisterung nicht mit irgendeiner Bitte um Unterstützung schließen würde. Ich möchte aber hier bemerken, daß ich auf meiner ganzen Reise durch Tunesien und Tripolitanien, wobei ich mit Hunderten von Juden zusammengekommen bin, nie von Juden um irgend etwas angegangen wurde, während mich die Araber ständig in der schamlosesten Weise anbettelten. Ja, als ich sogar einmal einem jungen Juden, der mich lange geleitet hatte, Geld geben wollte, wies er es mit der Bemerkung zurück, daß er sich freue, einem Juden einen Gefallen getan zu haben. Ich habe mich drüben anfangs eines Wortes bedient, das uns in Deutschland recht geläufig ist, das man aber in Afrika gar nicht verstehen wollte, nämlich des Ausdruckes „Synagoge". Im ersten Augenblick war mir die hebräische Bezeichnung nicht geläufig. Leider gebraucht man nämlich in unseren Schulen und bei allen offiziellen Gelegenheiten in Deutschland die klingende Bezeichnung „Beth-Hamidrasch" recht selten, so daß ich erst ordentlich überlegen mußte, bis ich mich korrekt ausdrückte. — Wie es im Orient Sitte ist, wandert man auf größeren Reisen gerne in Trupps. Einmal hatte sich mir ein einfacher Jude angeschlossen, mit dem ich mich in hebräischen und arabischen Brocken unterhielt. Als meine arabischen Begleiter hielten und sich an einem Brunnen gütlich taten, meinte der tripolitanische Jude zu mir, so daß ich lachen mußte: „Kol goj jischrub meat" (Die Gojim saufen alle gehörig). Ich konnte ihm bestätigen, daß es in Deutschland nicht viel anders sei. Dabei sah ich von meinem Kamel hinab, ob denn diese Bemerkung wirklich von einem einfachen tripolitanischen Juden stamme. Der aber, den ich meinte, zeigte ein feines Auguren-Lächeln über irgendeine meiner Bemerkungen. . . . Ich legte mir die Frage vor, ob die Juden Tripolitaniens unserer Unterstützung bedürfen und ich kam zu der Auffassung, daß sie unsere soziale Hilfsaktion eigentlich nicht nötig haben. Im allgemeinen haben sie eine materiell ganz gut fundierte Existenz. Eine rein europäische Erziehung würde nur ihre Bodenständigkeit gefährden, würde zu leicht die Reste von Handwerkern reizen, ihre Kinder auch Kaufleute werden zu lassen. Aber in einer Richtung könnte eine äußerst erfreuliche Einwirkung geschehen. Durch die Begründung eines Seminars für Lehrer und Rabbiner könnte ein geordneter, moderner Schulunterricht in den einzelnen Orten mit der Zeit durchgeführt werden. Natürlich ist heute bei der Willkürlichkeit und der Systemlosigkeit der Erziehung der Jugend vieles zu bessern. Rabbiner und Lehrer sind vielfach ungebildet und haben absolut kein Verständnis z. B. für eine landwirtschaftliche Ausbildung der Jugend. Daß die Juden Fühlung mit dem Boden bekommen, ist nicht von nebensächlicher Bedeutung. In zweiter Linie würde die Einrichtung eines Krankenhauses in Tripolis von großem Werte sein. Die Augenkrankheiten z. B. grassieren stark und auch die Malaria kommt, besonders im Sommer, viel vor; Aerzte gibt es im Lande so gut wie gar nicht. Tripolitanien war bekanntlich einmal auch von der „Ito", der selig entschlummerten, ins Auge gefaßt worden. Es iwurde nicht einmal als Nachtasyl für das jüdische Volk als geeignet betrachtet. Ich glaube nicht, daß es in der Geschichte der Juden in nächster Zeit eine größere Rolle spielen wird. Mit einer Besitzergreifung des Landes durch die Italiener liegt die Gefahr vor, daß die Juden der Hauptstadt, bearbeitet durch die A. I. U., sich in der Assimilation an die Italiener nicht genug tun können und die jüdischen Interessen über Bord werfen. Die Juden der Dörfer folgen stets sklavisch dem Beispiel der Großstädter. Vielleicht aber gelingt es nach Beendigung des Krieges, junge, zu Lehrern geeignete Persönlichkeiten vorerst in den Schulen und Seminaren Palästinas zu erziehen. In Anbetracht der Nähe von Erez Israel, des Umstandes, daß in beiden Ländern arabisch die Umgangssprache ist und des großen Interesses der tripolitanischen Juden für das alte Heimatland, würde das Experiment sehr leicht auszuführen sein. Natürlich wäre die Begründung eines jüdischen Seminars an Ort und Stelle noch besser. Auf jeden Fall empfiehlt es sich, die Bevölkerung, auf die der Zufall unser Augenmerk richtete, nicht mehr außer Augen zu lassen, zu sorgen, daß aus diesen nationalen Juden nicht fremdvölkisch sprechende und sich gebärdende Juden werden, die in die alten Zelte zurückzuführen doppelte und dreifache Arbeit kostet. Diese Zeilen regen vielleicht manchen Leser an, das Land zu besuchen und das Problem zu verfolgen. Und in dieser Anregung sehe ich den Wert meiner Ausführungen. Ich will angedeutet und zur Diskussion gestellt haben, wie eine Weiterentwicklung der heute geistig unfruchtbaren, aber im Wesen gut jüdischen Bevölkerung Tripolitaniens vor sich gehen könnte. Zur Psychologie des Antisemitismus in Russisch-Polen Von M. Lange Zeit gab es in Polen keine jüdische Frage im eigentlichen sozial-ökonomischen Sinne. Die Juden füllten hier in gesellschaftlichen Leben diejenigen Funktionen aus, auf die die einheimische Bevölkerung nicht reflektierte. Der Handel, iele Zweige des Handwerks, der Kleinhandel usw. bildeten las Monopol der Juden. Die Aversion der Polen gegen den Handel und eine Reihe sonstiger historischer Ursachen, deren Beleuchtung über den Rahmen dieser Betrachtungen hinausgeht, trugen dazu bei, daß sich damals noch keine Tendenz bemerkbar machen konnte, die Juden aus ihrer ökonomisch gesonderten Stellung zu verdrängen. Es gab noch Jahrblum keine logischen Voraussetzungen für einen wirtschaftlichen Zusammenstoß zwischen den Polen und Juden, die gewissermaßen nicht mit-, sondern nebeneinander lebten. Der Antisemitismus war damals nur gesellschaftlicher und nicht ökonomischer Natur, mehr von Verachtung als von Haß durchtränkt; er trug keine Merkmale einer organisierten Hetzerei, vielmehr den Charakter eines psychologischen Verhältnisses der Polen zu den Juden, das in der Ueberzeugung von ihrer kulturellen und seelischen „ Ueberlegenheit den Juden gegenüber gipfelte. Dieser Zustand beginnt jedoch schon seit ca. anderthalb Dezennien, hauptsächlich jedoch in der letzten Zeit eine radikale