Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 3 (19.1.1912)
- Date
- 1912-01-19
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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76 spätere historische Entwicklung" vorenthält und ihm nur den „natürlichen Glanz" des biblischen Altertums zeigt, so muß das Ergebnis das gleiche sein, wie mit Bezug auf die eigentliche Kenntnis der Bibel: Vor lauter ängstlichem Bemühen, den Geist des Kindes von den Schlacken des Galuth zu befreien Nr. 3 und ihm den alten ,,Urquell" näher zu bringen, macht man ihm die Dinge so verworren, daß es sich in seiner nächsten Umgebung nicht mehr zurechtfindet und seine Beziehungen zu den übrigen Volksgenossen, die noch vom „Galuthgeist" beherrscht sind, durchaus verkennt." DIE^ELT Ein Reisebrief Von Felix A. Theilhaber 2. Tripolitanien. Ein Reisebrief ist keine wissenschaftliche Abhandlung. So darf ich also, ohne Gefahr zu laufen, die Frage ab ovo entwickeln und die Gründe angeben zu müssen, konstatieren, daß die Juden wie in aller Welt, so auch hier zu Lande, vor allem Kaufleute sind. Die Araber haben sie sicher nicht in diesen Beruf hineingezwungen. Alles deutet darauf hin, daß die Juden in früheren Jahrhunderten, wo das Reisen äußerst gefährlich war, mehr das Handwerk betrieben. Noch heute sind vorzügliche Handwerker unter den Juden. Allerdings ist es nicht immer die ganz schwierige körperliche Arbeit, die sie verrichten. Sie sind Ziseleure, Goldarbeiter, Spengler usw. Aber am liebsten handeln sie. Grothe u. A. haben sie noch Ende des letzten Jahrhunderts in der Oase der Stadt Tripolis das Land bebauen sehen und loben sie als Weinbauern und Dattelpflanzer. Ich habe die Juden der Hauptstadt nicht kennen gelernt, nur gehört, daß die landwirtschaftliche Betätigung bei ihnen nachläßt. Die Gründe werden wir später besprechen. Die Gemeinden, die ich kennen lernte, wie die von Soia, Norma, Rektanine usw., glichen in ihrem ganzen Wesen der Gemeinde, wie ich sie in Unterfranken und Hessen beobachtete. Die Geschäfte auf dem Marktplatze gehören den Juden. Die Jugend fängt erst sehr spät an, eine geregelte Tätigkeit auszuüben. Sie ist im Unterschied zu den höchst ärmlich bekleideten Einheimischen sehr gut gekleidet. Während die Araber ohne jede Schulbildung aufwachsen, haben die jüdischen Gemeinden sämtlich jüdische Schulen, in denen die heranwachsende Generation denselben Unterricht erhält, wie er in Polen erteilt wird. System und Stoff sind dieselben. Nur die orientalische Umgebung hat etwas auf die Juden abgefärbt. Die Intensität, mit der jüdische Talmudstudien getrieben werden, ist geringer. Man hat etwas von dem türkischen Phlegma angenommen. Die Bücher stammen aus italienischen Druckereien, größere Talmudwerke usw. sind in Polen hergestellt, die Thorarollen sind größtenteils im Lande geschrieben. — Das von Westeuropa kommende jüdische Schulwesen erzieht die tripolitanischen Juden naturgemäß zur Abkehr von ihrer Umgebung. Hören wir, was M. de Malthusfeux in seinem durch die Akademie frangaise preisgekrönten Werk „A travers la Tripolitairie" von der Alliance Israelite, die er bezeichnenderweise nicht Universelle, sondern (der Witz ist gut!) de Paris nennt, sagt. Nachdem er von der chauvinistischen Arbeit französischer Mönche gesprochen hat, fährt er von dem Werk der A. I. U. fort: „C'est la meme assiduite laborieuse, la meine preoccupation exclusive de faire aimer la France." Ich glaube, es ist noch zu wenig Augenmerk auf diese Sachlage gerichtet worden. Wenn die türkische Verwaltung des Landes auch zurzeit den Vorgängen unter den Juden keine besondere Aufmerksamkeit schenkt, so kommt die Beurteilung der Situation doch instinktiv zur Geltung. Der Jude fällt der Verachtung anheim. Man traut seinem Patriotismus nicht. Aber gerade die Alliance Israelite Universelle hätte die geweckten Bewohner der Hauptstadt in Bahnen erziehen müssen, die sie zu treuen Staatsbürgern gemacht hätten. Der Zionismus verlangt von seinen Anhängern, daß sie treu zu ihrem Vaterlande stehen. Ich bin kein Freund davon, eine andere jüdische Vereinigung zu verdächtigen. Ich glaube aber, daß die stete Verhetzung, wie sie die A. I. U. treibt, die Zionisten dazu bringen muß, aus vitalstem Interesse die Dinge zu zeigen, wie sie in Wirklichkeit sind. Daß die Politik der tripolitanischen Juden mit keiner Katastrophe endigte, braucht uns nicht mit optimistischen Gedanken zu erfüllen. Haben wir noch nicht genug Gewitter in den letzten Jahren über uns hereinbrechen sehen? Aber nur für den Laien sind Gewitter Zufälligkeiten, wie es auch in der Politik und in dem öffentlichen Leben Ursachen und Wirkungen gibt. Das Prestige der einheimischen Juden hängt von ihnen selbst ab. Allerdings passiert das traurige, daß Juden, die das Land bereisen, kein Interesse an ihren Stammesgenossen haben. So waren unter den Europäern, die zu meiner Zeit im Hauptquartier der Türken sich aufhielten, drei Juden: der Vertreter der Morning Post, Kapitän Bettelheim, dann Sir Montagu, der als Leutnant in der türkischen Armee Dienste tat und sich auch als Engländer bezeichnete, und meine Wenigkeit. Auch wer nur flüchtig seine Volksgenossen aufsucht, weckt in ihnen die Zukunftsfreudigkeit. Ich habe das erfahren, wenn ich im Kreise tripolitanischer Juden von den deutschen Juden und von der Entwicklung unseres Volkes in Palästina sprach. Besonders aber imponiert es den Arabern, wenn ein europäischer Effendi sich zu den Parias zählt, und ich mußte oft lachen, wenn man es mir nicht glauben wollte, daß ich Jude sei. Ein Deutscher steht schon auf Grund seines Reisepasses hoch im Ansehen der Leute. Ein Einzelner kann natürlich nicht viel bewirken, und bei der Interesselosigkeit meiner beiden Schlafgenossen mußte ich eben allein meiner Mission nachgehen. Ich bin aber überzeugt, daß die Reisen zu exotischen Judengemeinden mit der Zeit modern werden dürften und daß die häufigen Besuche jüdischer Europäer auf die jüdische Entwicklung der Gemeinden sehr günstig einwirken werden. Die Vorbedingung für solche Fahrten ist die Kenntnis der Landessprache (arabisch) oder des Hebräischen. Außerdem ist der Eindruck auf die Behörden dann am mächtigsten, wenn der Fremde mit großem Aufwand angereist kommt. Nirgends imponiert das rein äußerliche Auftreten mehr als im Orient. Bei den eigenartigen Zuständen ist übrigens jeder Europäer Gast der Militärbehörden und kann so leicht die Fühlung mit den maßgebenden Kreisen anknüpfen,