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Die Welt · 1912-01-19 · 3 (19.1.1912) · page 9

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
3 (19.1.1912)
Date
1912-01-19
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 3 DIE^KELT 75 usw. —' sind hingegen durchaus unbefriedigend. Dies ist ein untrüglicher Beweis dafür, daß eben diese Fächer nicht in genügendem Ausmaß gelehrt werden. Und der Bibelunterricht? — Ich habe — sagt Achad- Haam —, den Bibelunterricht absichtlich nicht unter den anderen Unterrichtsgegenständen angeführt, weil dies ein wichtiges Kapitel für sich ist, das eine gesonderte Behandlung erfordert. So sehr ich es vermeiden möchte, der jungen Anstalt, die noch zärtlicher Pflege bedarf, Schaden zuzufügen, so muß die Wahrheit doch ausgesprochen werden. Diese Wahrheit kann der Anstalt selbst nicht schädlich werden, denn Fehler lassen sich gutmachen, Lehrmethoden können geändert werden, und schließlich dürfen wir wohl hoffen, daß die neue Schule mit der Zeit den richtigen Weg finden und für unsere nationale Wiedergeburt zum Segen werden wird." Achad-Haam gibt im Verlaufe seiner weiteren Ausführungen einen Auszug aus einem Artikel Dr. Mossinsohns, des Lehrers für Bibel am Jaffaer Gymnasium. In diesem Artikel behandelt Dr. Mossinsohn das Problem des Bibelunterrichts in der national-jüdischen Schule und gelangt u. a. zu der Schlußfolgerung, daß die Bücher der Bibel nicht fortlaufend, nach ihrer überlieferten Reihenfolge gelehrt werden dürften, sondern nach sachlichen Gesichtspunkten. Zuerst müßten die historischen, dann die prophetischen, die poetischen und endlich die gesetzlichen Bücher an die Reihe kommen. Da aber die einzelnen Bücher verschiedenen Inhalt aufweisen, so müßten z. B. die poetischen Teile des Pentateuchs an die poetischen Teile der übrigen Bücher, die erzählenden Abschnitte an die historischen Bücher usw. angereiht werden. Was nun den gesetzlichen Teil der Bibel betrifft, so meint Mossinsohn, daß das Problem der Behandlung dieses Teils in der Schule sehr verwickelt sei, und es vielleicht geraten wäre, diesen Teil vollständig aus dem Schulunterricht auszuschalten oder ihn doch so spät als möglich vorzutragen. Achad-Haam. weist nun nach, daß die vorstehend kurz skizzierten Anschauungen Dr. Mossinsohns im Lehrplan des Gymnasiums und im Bibelunterricht selbst in die Tat umgesetzt worden sind. In der ersten und zweiten Gymnasialklasse werden die historischen Partien der Bibel durchgenommen, in der dritten Klasse beginnt der Unterricht in den prophetischen Büchern nach chronologischen Gesichtspunkten, mit der Behandlung der poetischen Bücher beginnt man in der fünften Klasse und beendet diesen Lehrstoff in der sechsten Klasse. Für die zwei obersten Klassen, von denen bis jetzt nur eine, die siebente, eröffnet ist, sieht das Programm „wissenschaftliche Einleitungen4' in die Bibel im allgemeinen vor. Der gesetzliche Teil fällt also, entsprechend den Ratschlägen Dr. Mossinsohns, vollständig weg. Die Möglichkeit ist demnach gegeben, daß die Abiturienten des Jaffaer Gymnasiums von der Existenz des Buches Leviticus oder Deuteronomium lediglich aus den „wissenschaftlichen Einleitungen" etwas erfahren .... Dafür wird allerdings das Studium der prophetischen Literatur mit besonderer Vorliebe gepflegt, und es wird darauf geachtet, daß die Schüler eine lebendige und klare Kenntnis von diesem Schrifttum erlangen, eine Kenntnis, die sich auf die Geschichte der Prophetie, die Entwicklung der prophetischen Gedanken usw. gründet. Wie sich Achad-Haam aus seinen Gesprächen mit den Schülern überzeugte, sind diese in der Tat mit den Propheten wohl vertraut. Sie wissen den geistigen und politischen Zustand des Volkes zur Zeit der einzelnen Propheten, die Persönlichkeit dieser Propheten, den Inhalt ihrer Weissagungen, das Wesen ihrer religiösen, ethischen und politischen Anschauungen, ihre Beziehungen zu den vorangegangenen Propheten usw., überaus anziehend und lebensvoll zu schildern. „Allein" fährt Achad-Haam fort —, „wie sehr erstaunte ich, als ich erkannte, daß die Schüler wohl die Propheten, nicht aber die Bücher der Propheten kennen! Ein verständiger Gymnasiast, der mir einen recht hübschen Vortrag über einen Propheten hielt, gab mir, als ich ihn bat, einen Abschnitt aus dem betreffenden Propheten zu lesen, die ausweichende Antwort, er habe das Buch bereits vor einem Jahre gelernt und das Gelernte wieder vergessen. Und als er sah, daß ich mich darüber wunderte, meinte er treuherzig: „Wie könnte man all dies auch behalten? Die Dinge sind ja so verworren." Diese naive Antwort, berichtet Achad-Haam weiter, habe ihm die Augen geöffnet. Der Umstand, daß dem Bibelunterricht der überlieferte Text der Druckausgaben überhaupt nicht zugrunde gelegt, sondern mit den Gymnasiasten Textkritik und „Quellenscheidung" getrieben wird, muß notwendig dazu führen, daß den Schülern das Bibelstudium verworren" erscheint. Achad-Haam illustriert die Art des Bibelunterrichts! im Gymnasium, der sich an die kritischen Arbeiten moderner Universitätslehrer anlehne, durch Wiedergabe von Notizen aus dem Schulhefte eines Jaffaer Gymnasiasten. Er schließt seinen Aufsatz mit folgenden Betrachtungen: „Tout comprendre, c'est tout pardonner." Wer die Ausführungen Dr. Mossinsohns in dem erwähnten Artikel aufmerksam liest, wird die inneren, psychologischen Ursachen erkennen, die ihn und seine Kollegen zu solchen Extremen getrieben haben. Die tiefe Sehnsucht nach einer Wiedergeburt des jüdischen Volkes in seiner Urheimat führt die palästinensischen Lehrer dazu, ihre Gedanken ganz in die ferne Vergangenheit zu versenken, in jene ruhmreiche Zeit, da das jüdische Volk ein freies nationales Leben auf eigener Scholle führte. Da sie überdiesin Palästina leben, umgeben von geheiligten Erinnerungen und historischen Denkmälern jener alten Zeit, neigen sie dazu, in ihrer Phantasie die Gegenwart mit der fernen Vergangenheit ohne jedes Bindeglied zu verknüpfen, als ob die zweitausend Jahre des Gallith, die dazwischen liegen, bloß eine flüchtige Episode wären, die man einfach übergehen kann und — muß. Die „Verneinung des Galuth" ist die Quelle aller anderen Negationen, denen wir bisweilen in Palästina begegnen. Dieser Geist der „Verneinung" erscheint uns besonders erklärlich, wo es sich um die Bibel handelt. Die Bibel dünkt diesem palästinensischen Kreis als ein Gebilde, das den geistigen Niederschlag aller Zeitalter der jüdischen Geschichte aufweist, so daß ,,ihr natürlicher Glanz verblaßt ist". Was Wunder also, daß sich in Palästina das Bestreben kundgibt, den alten Glanz der Bibel wiederherzustellen, alles zu entfernen, was Generationen des nationalen Niedergangs angeblich in ihr und um sie aufgehäuft haben und sie dadurch geeignet zumachen, „in den Herzen der jungen Juden ein mächtiges Streben wachzurufen, das alte, ruhmvolle Leben unseres Volkes zu erneuern." „Wir hingegen, die Söhne des Galuth" — sagt Achad- Haam — „so sehr wie auch die Denkweise dieser Lehrer verstehen und so achtungswert uns auch die Quelle ihrer Irrtümer erscheint, können dennoch diese Irrtümer selbst nicht gutheißen. Man kann nicht über zwei Jahrtausende nationaler Geschichte hinwegschreiten und heutzutage „alte Hebräer" nach Vorbildern aus der Zeit Jesaias heranziehen. Wenn man die Mittelglieder aus der historischen Kette entfernt, ist die Verbindung zwischen Anfang und Ende der Kette zerstört. Das jüdische Kind unserer Tage — auch in Palästina — ist ein Produkt des nationalen Lebens aller Geschlechter, und um sich und sein Volk zu erkennen, muß es mit allen unseren Kulturgütern — auch mit der Bibel — nicht nur in ihrer „ursprünglichen" Gestalt, sondern in allen den Formen bekannt gemacht werden, die sie im Laufe der Geschichte angenommen und in denen sie als lebendige Kraft auf das Volksleben eingewirkt haben. Wenn man dem Kinde die

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