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Die Welt · 1912-01-19 · 3 (19.1.1912) · page 8

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
3 (19.1.1912)
Date
1912-01-19
Page
– (sequence 8)
Language
German
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74 ein gewöhnliches Gymnasium in Palästina, das der Auswanderung der städtischen Intelligenz entgegenwirkt, tatkräftige Unterstützung verdiene. Allein nationale Begeisterung hätte eine solche Anstalt nicht wachrufen können. Die Begeisterung für das Gymnasium wurde erst dann rege, als der Gedanke in den Vordergrund trat, daß diese Anstalt berufen sei, eine nationale Mission zu erfüllen und zur Verwirklichung desjenigen nationalen Postulats beizutragen, das bereits 13 Jahre vorher in der hebräischen Literatur aufgestellt worden war, nämlich die Heran Züchtung eines neuen Typus jüdischer Intellektueller in Palästina, in deren Geiste das jüdisch-nationale und das allgemein menschliche Bildungselcinent zu einer unauflöslichen Einheit verschmolzen wären, so daß uns ganze Menschen, ganze Juden erstünden, Juden ohne inneren Widerstreit, ohne jenen klaffenden „seelischen Rill", der den gebildeten Juden im Gallith zu einem Zwitterwesen, zu einem seelischen Krüppel macht. Von dein Augenblick an führt Achad-Haam weite aus - -, w o dem Jaffaer Gymnasium diese Zw eckbestinmi g gegeben war, trat eine völlige Verschiebung der ursprünglichen Sachlage ein, und der Lehrplan des Gymnasiums wurde zu einem überaus komplizierten Problem. Nunmehr mußte das Gymnasium der Düppelaufgabe, die ihm gesetzt war, der Erziehung ganzer Menschen und ganzer Juden , gleichermaßen in vollem Umfange gerecht werden. Es handelte sich jetzt nicht mehr um die Frage der Möglichkeit, sondern um die der Notwendigkeit. Genau so wie das Gymnasium, wenn es seinem Lehrziel treubleiben wollte, den Schülern ein volles Ausmaß allgemeiner Kenntnisse, wie sie von jeder höheren Schule gefordert werden, vermitteln mußte, so mußte es seinen Zöglingen auch eine ausreichende jüdische Bildung zuteil werden lassen. Der Einwand der Unmöglichkeit galt nicht mehr; ein ernsthafter Mensch unternimmt nicht, was von vornherein undurchführbar erscheint oder über seine Kräfte geht. Hier also begannen die Schwierigkeiten. Auf dem Gebiete der jüdischen Lehrfächer gab es keinerlei Vorarbeiten, und die Lehrer mußten sich einen ganz neuen Weg bahnen. Immer wieder tauchten neue komplizierte Probleme auf, sowohl mit bezug auf den Lehrinhalt wie auf die Lehrmethode. Achad-Haam skizziert im weiteren Verlauf seines Artikels diese Schwierigkeiten im einzelneu und fährt dann fort: Damit bin ich endlich beim Kernpunkt des Meinungskampfes angelangt, der in letzter Zeit um das Gymnasium entbrannte. Die Lehrer versuchten die verwickelte 'Frage, die an sie herantrat, nach ihrem besten Wissen zu lösen, wobei sie sich wohl bewußt waren, daß ihre Lösung lediglich ein Versuch war. Würde der Versuch glücken, so war es gewiß gut. sollte er aber mißlingen, so würden sie eben daraus lernen, wie es besser gemacht werden muß. So geht es bei jedem neuen Unternehmen; einen anderen gangbaren Weg gibt es nicht. Inzwischen drangen aber unbestimmte Gerüchte jber die neuen Versuche in die (Öffentlichkeit und der Kampf begann. AU ob es nicht möglich gewesen wäre, auf der einen Seite diesen Versuch zu kritisieren undauf begangene Fehler aufmerksam zu machen, auf der anderen Seite hinwiederum die kritischen Bemerkungen ruhig anzuhören und auf ihre Berechtigung zu prüfen. Anstatt dessen erscholl auf beiden Seiten der Kampfruf: Philister über dich, Simson." Allein ,,Philister'1 gab es weder hier noch dort, es gab bloß auf der einen Seite viele Irrtümer, auf der anderen Seite eben- *ovieie Uebertreibungen; Irrtümer aus .Mangel an Erfahrung, Uebertreibungen aus Unkenntnis. So /. B. schreibt einer der Besten unter den Kritikern, ein Mann, an dessen Redlichkeit und guten Absichten man nicht zweifeln kann: „Im Hebräischen Gymnasium in Jaffa hat man den Unterricht in der jüdischen Religion, in allen Nr. 3 Wissenszweigen des überlieferten Judentums gänzlich ausgeschaltet .... Ein Zögling dieses Gymnasiums kann die Anstalt von der ersten Vorbereitungsklasse an bis zur achten Gymnasialklasse, also während ganzer elf Jahre, besuchen, ohne aus dem Unterricht auch nur einen schattenhaften Begriff mitzunehmen von dem Wesen des synagogalen Kultus, von der Liturgie, von den praktischen Religionsvorschriften, von den Pflichten der Sabbat- und Festtagsbeobachtung usw.'4 (S. Epstein im „Haschiloah"). Wenn es sich nun wirklich so verhielte, so wäre dies in der Tat eine schwerwiegende Versündigung nicht nur an der Religion, sondern auch au dem geschichtlich begründeten Charakter unseres Volkstums, ist es denn möglich, daß jemand ein richtiges Bild von der Geschichte unseres Volkes und seiner geistigen Entwicklung erhält, wenn er „nicht einmal eine schattenhafte Vorstellung" von all den aufgezählten religiösen Gegenständen hat? Ohne Zweifel gründete sich diese Beschuldigung auf den Unistand, daß in dem gedruckten Programm des Gymnasiums von derlei religiösen Disziplinen nicht das geringste zu finden ist. In Wirklichkeit ist das Gymnasium aber ,,besser1' als sein Programm, und die Schüler gewinnen in der Anstalt ratsächlich einen mehr als nebelhaften Begriff von der jüdischen Religion, der Gebetordnung, den Festtagen usw. Der Lehrplan wurde nach dem Grundsatz entworfen, zu dem sich die Leiter der Anstalt in einem ihrer Schulberichte bekennen, und der dahin geht, daß im Gymnasium sämtliche nationalen Lehrgegenstände Bibel, Talmud, auch Gebete und religiöse Vorschriften gelehrt werden sollen, aber „nur unter dem Gesichtspunkte der Literatur, nicht der Religion". Während jedoch Bibel und Talmud im Lehrplan ausdrücklich angeführt sind, birgt sich die Kunde von den Gebeten und religiösen Vorschriften unter der Maske der „hebräischen Literatur*', vielleicht um ,,üble Nachreden'1 zu vermeiden .... Liest man da im Lehrplan: „Hebräisch verständnisvolle Lektüre, mündliche Wiedergabe des Gelesenen, Gespräche usw.44 Nun besuchte ich zufällig eine Klasse während der „verstäncinisrollen Lektüre" und hörte,wie der Lehrer den Schülern aus einem Lesebuch einen Abschnitt über die Bedeutung des V e r s ö h n u n g s t a g e s vorlas Worte voll innigen Empfindens, voll Verständnis für die Heiligkeit des Tages, für die Beziehungen Israels zu seinem Gotte usw. Der Lehrer fügte weitere Erläuterungen im Geiste des überlieferten Glaubens hinzu, die Schüler aber stellten verschiedene Fragen, die davon zeugten, daß ihnen die religiösen Vorstellungen und Bräuche durchaus nicht fremd waren. Unwillkürlich dachte ich an den Schriftvers: „Wahrlich an dieser Stätte weilt Gott, ich aber wußte es nicht" .... Später hörte ich, daß auch richtige Gebete bei der hebräischen Lektüre erläutert werden, daß beim Herannahen der einzelnen Feste deren Bedeutung besprochen wird usw. Der zweite Vorwurf hingegen, den Herr Epstein dem Gvmnasium macht, daß nämlich die hebräischen Lehrfächer im Lehrplan nicht den ihnen gebührenden Platz einnehmen, ist allerdings begründet. Dies kann man freilich nicht wie der genannte Kritiker an Hand der Stundenzahl, die diesen Gegenständen eingeräumt ist, feststellen. Infolge verschiedener Umstände wird im Gymnasium nicht nach dem vorher bestimmten Stundenplan unterrichtet. Es gibt aber ein anderes zuverlässiges Kriterium, nämlich die Kenntnisse der Schüler. In den höheren Klassen haben die Schüler des Gymnasiums eine hinlängliche Kenntnis von der hebräischen Sprache und der neuen hebräischen Literatur. Dies beweist, daß diesem Unterrichtszweig die erforderliche Sorgfalt und Aufmerksamkeit geschenkt wird. Die Kenntnisse der Schüler in den anderen jüdischen Lehrfächern Talmud, mittelalterliche Literatur, jüdische Geschichte nach der Zerstörung des Tempels DIE^ELT

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