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Die Welt · 1912-01-19 · 3 (19.1.1912) · page 7

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
3 (19.1.1912)
Date
1912-01-19
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Solange diese Splitterrichter und Sündenfischer sich jedoch aus denjenigen Kreisen rekrutierten, zu deren „Beruf" diese Art von Kritik gewissermaßen gehört, aus den Chalu kakreisen zweiter Auflage, deren persönliches Verhältnis zur Wiedergeburtsbewegung notwendig ein negatives ist; solange sich diesen Kritikern jene halben Anhänger der Renaissance-Bewegung anschlössen, die in der Rückkehr zum Judenlande nur e i n Moment zu würdigen wissen: die Verwirklichung ihres religiösen Traums, — sagten wir uns, daß dieser Kampf aus der Natur der verschiedenen Strömungen im jüdischen Leben folgt, und sahen darin keine Gefahr für den Bestand der Anstalt selbst. Daß eine moderne Schulanstalt gewissen Kreisen ein Dorn im Auge ist, galt uns als selbstverständlich. An derartige Kämpfe waren wir von jeher in den Ländern der Zerstreuung gewöhnt. In jedem kleinen Städtchen entfesselt die Eröffnung irgendeines Reform-Cheders oder eine ii Im liehe „Neuerung" erfahrungsgemäß einen „Sturm". Schließlich siegen aber die gesunden Bedürfnisse des Lebens, und die Gegnerschaft läßt mit der Zeit nach. Wir dachten nun, daß auch der Streit, der um das Hebräische Gymnasium in Jaffa tobte, die gleiche Entwicklung nehmen würde. Wie es scheint, haben wir uns jedoch verrechnet. Neue Kritiker sind gekommen, die das Hebräische Gymnasium nie gesehen haben, von seiner Erziehungsmethode, seinem Lehrplan und seinem Lehrstoff keine Ahnung haben, und ihre Vorwürfe auf sonderbaren, unkontrollierbaren, aus dritter Quelle geschöpften Zeugnissen und Berichten aufbauen. Auf Grund derartiger Ausstreuungen und unbestimmter, haltloser Gerüchte sprechen sie mit großem Ernst von der „Gefahr", die sich aus der Lehrtätigkeit des Gymnasiums ergibt und fordern die Leitung der Anstalt zur Buße auf. Hierbei hüllen sie sich selbstverständlich in den Mantel der Liebe — glühender Liebe zur Anstalt selbst und ihren Leitern; und als gute Freunde, die aus lauter Liebe Wunden schlagen, zählen sie alle die Mängel und Fehlgriffe einzeln auf, die sich leider in ihre Lieblingsanstalt eingenistet haben. Diese liebevolle Kritik kann es nur darauf abgesehen haben, an die Spitze ler Anstalt andere Männer zu stellen, die es verstehen, den goldenen Mittelweg" einzuschlagen. Nur dies kann der Zweck ler Kritik sein. Denn man kann doch fürwahr an reife Männer licht mit der Zumutung herantreten: Aendert eure Anschauungen oder verwahret sie sorgfältig in eurem Herzensschrein, md seid während des Unterrichts ganz andere Menschen als außerhalb desselben. Es zeugt doch von großer Naivität, in derartigen stubilen Fragen, die mit dem religiösen Empfinden zusammenhängen, zwischen den Anschauungen selbst und ihren Trägern, zwischen dem Menschen und seinem Stil zu unterscheiden. Wenn also die Anschauungen der Gymnasiallehrer gefährlich sind, dann gibt es eben kein anderes Mittel ils die Ersetzung der gegenwärtigen Lehrer durch andere, die anderen Anschauungen huldigen. Mögen nun diese Kritiker, deren Sorge um das Gedeihen der Anstalt ich mitempfinde, mir als Augen- und Ohrenzeugen, '«is einem, der die Arbeit, die Kämpfe und Kümmernisse der i• ehrer von allem Anfang an miterlebt hat mögen sie mir nzeihen, wenn ich ihnen sage, daß die Methode ihrer Kritik Grund aus falsch ist. Anstatt auf Grund vager Gerüchte id haltloser Voraussetzungen ein System der Kritik zu ereilten, wäre es ihre Pflicht, die Voraussetzungen selbst in iwandfreier Weise zu prüfen. Mögen sie doch die Schule ' buchen, sich durch den Augenschein von dem Geist, der; it herrscht, überzeugen, mögen sie die hunderte von 'lülern und Schülerinnen ins Gespräch ziehen und den starken tischen Geist, der im Herzen dieser Jugend pulsiert, wahr- '"•'''inen. — Erst dann sollen sie urteilen, erst dann richten. Vergessen wir nicht: Unsere Institute sind alle noch jung und bedürfen sorgsamer, zärtlicher Pflege. Nichts haben wir vorgefunden, fast alles mußten wir neu schaffen. An dieser Neuschöpfung beteiligte sich die gesamte palästinensische Gesellschaft, die Lehrer und die Eltern. Unendlich viel litten sie, mühten sie sich ab, suchten und tasteten sie, aber nach jahrelangen, unablässigen Bemühungen ist es ihnen endlich gelungen, eine Anstalt zu schaffen, die dem jüdischen Namen Ehre macht. Stein um Stein trugen sie zu dem neuen ,Bau herbei, der jetzt hoch und gewaltig aufragt. Die Bauleute sind noch nicht gealtert, noch ist ihr Schaffensquell nicht versiegt, noch suchen sie den Gott Israels und bahnen der jüdischen Zukunft einen Weg. Verbittert ihnen doch nicht das Leben! Hütet euch, unseren Pionieren ein Leid anzutun! Mögen die hebräischen Lehrer, unsere Vorkämpfer im Lande der Väter, wissen, daß sie im Galuth viele Freunde haben, die bereit sind, ihre schwere Bürde mittragen zu helfen, mindestens an ihrem seelischen Leid teilzunehmen und ihnen, wenn's nottut, zur Seite zu stehen. Wohl ist ihre Arbeit schwerer und verantwortungsvoller als die unsere, allein es mag ihnen einigen Trost gewähren, daß wir sie um ihr Los beneiden. Heil ihnen, daß sie die Ersten sind!" * Achad-Haam entwirft in seinem Artikel über das Hebräische Gymnasium, den er „Zwischen zwei Extremen" betitelt, einen Rückblick auf die Entstehungsgeschichte des Gymnasiums. Diese war ursprünglich aus dein rein praktischen Bedürfnis heraus entstanden, den Söhnen der neueingewanderten städtischen Intelligenz die Erlangung einer höheren Schulbildung im Lande selbst zu ermöglichen. Es handelte sich also anfangs nicht etwa um große nationalkulturelle Ziele, sondern um die Befriedigung eines elementaren geistigen Bedürfnisses allgemein-menschlicher Art. Wenn nun dieser Grundgedanke mit der Einschränkung, die er in sich birgt, festgehalten worden wäre, so hätte sich die Anstalt nach Achad-Haams Ansicht hinsichtlich ihres Lehrstoffes in einer klar vorgezeichneten Bahn bewegen können und hätte allen Ansprüchen gegenüber, die etwa von außen her an sie gestellt worden wären, einen leichten Standpunkt gehabt. Nichts ist einfacher, als für die allgemeinen Disziplinen einer höheren Schule, die ihre Zöglinge zum Universitätsstudium vorbereiten soll, einen Lehrplan zu entwerfen. An guten Mustern fehlt es ja nicht, und es handelte sich nur darum, aus der Reihe der verschiedenen europäischen Lehrpläne einen, der sich für die Jaffaer Schule am besten eignete, auszuwählen und ihn dem Unterricht in den allgemeinen Lehrfächern zugrunde zu legen. Was aber die jüdischen Disziplinen betrifft, so hätte man sich doch füglich damit zufrieden geben müssen, daß die Unterrichtssprache in allen Fächern ausschließlich das Hebräische war und man den jüdischen Lehrgegenständen soviel Zeit einräumte, als nach Absolvierung des allgemeinen Pensums eben übrig blieb. Wer hätte das Recht gehabt, von diesem Gymnasium in Jaffa mehr zu verlangen? Wo in aller Welt gibt es ein zweites Hebräisches Gymnasium dieser Art? Man hätte den Gründern, die eine solche Anstalt mit ausschließlich hebräischer Unterrichtssprache ins Leben riefen, nur dankbar sein können und ihnen nicht mit hochgespannten Erwartungen und übertriebenen Anforderungen nahen dürfen. Inzwischen trat jedoch in der Entwicklung der Anstalt ein völliger Wandel ein, der auch den Grundgedanken, von dem man bei Gründung der Schule ausgegangen war, wesentlich modifizierte. Die Schule konnte sich nämlich ohne Förderung vom Auslande her nicht erhalten, und die Gründer mußten an die nationale. Hilfsbereitschaft der nichtpalästinensischen Judenheit appellieren. Nun gab es ja allerdings außerhalb Palästinas viele nationale Juden, die der Ansicht waren, daß

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