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Die Welt · 1912-01-12 · 2 (12.1.1912) · page 15

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
2 (12.1.1912)
Date
1912-01-12
Page
– (sequence 15)
Language
German
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Nr. 2 DlEt&ELT 40 Gg. Dr. A. C o r a 1 n i k hielt die Conference, worauf die besten Arbeiten des jüdischen Volkshumoristen von bewährten Interpreten vorgelesen wurden. Die in den Räumen des Heimes abgehaltene Makkabäerfeier war volkstümlich und würdig. Gg. Ob.-Ing. Stricker sprach in seiner Festrede über das Wirken Theodor Herzls, des ersten Juden in der Diaspora, den man als Volksheros den Hasmonäern zur Seite stellen dürfe. Das Kuratorium veranstaltet an allen Sonntagnachmittagen der Saison Vorträge und Konzerte, die sich rasch einbürgern werden. Auch die Vorarbeiten für das in Aussicht genommene Kreditinstitut sind in vollem Gange. Der „Jüdische Volkstyerein für die Leopoldstadt" hat den in der Großstadt so schwer zu erzielenden Kontakt mit den breiten jüdischen Volksschichten gefunden und dem Zionismus neue Kräfte zugeführt. Er ist des Dankes und der Unterstützung aller bewußt-jüdischen Kreise sicher und wird hoffentlich in absehbarer Zeit in die Lage kommen, im Wiener Judenbezirke ein eigenes jüdisches Haus zu bauen. Brief aus London (Von unserem Berichterstatter.) „Reformen44 Die Londoner Reformgemeinde, die im Jahre 1842 gegründet wurde, hat sich seitdem auf einer verhältnismäßigkonservativen Basis erhalten. Es waren Leute wie der bekannte Philanthrop F. D. Mocatta, die es nicht zuließen, daß sich die Reform allzusehr ausbreite. Vor einigen Jahren entstand die Jqwish Religions Union, die sich zur Aufgabe machte, solche Elemente für die jüdische Gemeinschaft zurückzugewinnen, die sich aus religiösen Gründen von ihr entfernt hatten. Die Union war ein Verein, dem Mitglieder aller religiösen Schattierungen angehören sollten. Ihr spiritus rector war Mr. Claude G. Montef iore, der auch die bedeutenden Unkosten fast ganz allein bestritt. Die Union ist aber nicht stehen geblieben und hat sich allmählich zu einer regelrechten Gemeinde, der Liberal Jewish Synagogue, entwickelt. Im Gegensatz zu der Reformgemeinde ist sie äußerst: radikal. Das aber hat einige Mitglieder der Reformgemeinde nicht ruhen lassen, und als erstes Opfer fiel die hebräische Sprache. Bedeutsam bleibt der Protest, der dagegen vom Präsidenten, Sir Philip M a g uns, erhoben wurde. Sir Philip Magnus, der einst Rabbiner der Reformgemeinde war, ist einer der bedeutendsten Autoritäten auf dem Gebiete der Erziehung in England, und ist der Deputierte der Londoner Universität im Parlament. Sir Philip erklärte sich entschieden für die Beibehaltung der hebräischen Sprache im jüdischen Gottesdienste; als religiöses Erziehungsmittel sowie als Bindemittel zwischen allen Teilen des zerstreuten jüdischen Volkes wäre sie unerläßlich. Es half aber nichts, und Sir Philip Magnus demissionierte. Nun sind die Damen und Herren wieder daran, den religiösen Sinn durch die Verkürzung des Hebräischen zu wecken. Nach ihrer Ansicht wird die Erneuerung des Judentums stattfinden, wenn ein Psalm hier und ein Gebet da statt in der Ursprache englisch gelesen oder gesungen werden wird. Die Naiven! Brief aus Rußland (Von unserem Berichterstatter.) Gegen die Taufseuche Dieser Tage fand in Petersburg eine zweite Beratung von Vertretern der intelligenten jüdischen Kreise über Mittel und Wege zur Bekämpfung der Taufseuche statf. Diesmal war die Stimmung viel radikaler als beim ersten Male. Die empörenden Tatsachen, die der Versammlung mitgeteilt wurden und die die schmachvolle Leichtfertigkeit der Täuflinge und den nicht weniger schmachvollen Indifferentismus der jüdischen Intelligenz dem Renegatentum gegenüber ins grelle Licht setzten, verfehlten ihre Wirkung auf die Anwesenden nicht. S o erfuhr man auf der Versammlung die haarsträubende Tatsache, daß in einer südrussischen Stadt 35 von 40 Abiturienten, die gleichzeitig die Mittelschule absolvierten, eine Taufliga gründeten, die in öffentlichen Versammlungen die Frage erörterte, welche Konfession bei der Taufe vorzuf ziehen sei, welche Maßregeln zur Wahrung der Rechte der Täuflinge ergriffen werden sollten usw. < Dieses mit unverschämtem Zynismus zur Schau getragene Ueberläufertum wurde in manchen jüdischen Kreisen als öffentliche jüdische Angelegenheit behandelt, ja sogar z. T. offenkundig gefördert. Diese und ähnliche Tatsachen, die zur Sprache kamen, bewirkten, daß die Versammlung einstimmig die Notwendigkeit anerkannte, unverzüglich den Kampf gegen die überhandnehmende Taufepidemie aufzunehmen. Ein Teil der Anwesenden war für die allwöchentliche Veröffentlichung der Ueberläuferliste nach Wiener . und Berliner Muster. Ein anderer Teil fand, daß diese Maßregel bei den russischen Verhältnissen undurchführbar sei. Von juristischer Seite wurde geltend gemacht, daß die Täuflinge die Bekanntgebung ihrer Namen gerichtlich verfolgen könnten. Ein Antrag auf systematische, unnachsichtliche gesellschaftliche Boykottierung der Täuflinge wurde mit einer Mehrheit von zwei Stimmen aus praktischen Rücksichten abgelehnt. Hingegen wurde der Beschluß gefaßt, daß Täuflinge in keinerlei jüdischen Vereinen und Organisationen geduldet werden dürften. Diejenigen jüdischen Organisationen und Vereine, die in ihrer Mitte Täuflinge beherbergen, sollen angehalten werden, dieselben sofort auszuschließen. Die Versammlung arbeitete ferner einen Aufruf an die jüdische Gesellschaft aus, der demnächst in der Presse erscheinen wird. In diesem Aufruf wird entschieden der Standpunkt vertreten, daß die jüdische Gesellschaft die Pflicht habe, das Tischtuch zwischen sich und den Renegaten zu zerschneiden. Der Kampf um die jüdische Volksschule Die Odessaer jüdische Biidungsgesellschaft hat das traurige Privilegium, die letzte Zitadelle der überall aufs Haupt geschlagenen aktiven Assimilation zu bilden. Während in der Petersburger Zentrale und in allen anderen Zweigvereinen die nationale Erkenntnis schon längst mehr oder weniger zum Durchbruch gelangt ist und das nationale Moment in der Erziehungstätigkeit der Gesellschaft immer mehr zu Ehren gelangt, wollen die „im Dienste der allmenschlichen Ideale ergrauten" Odessaer Notabein nichts von den neuen Strömungen und Stimmungen wissen, und fahren allerdings nicht sowohl aus zielbewußter Aktivität und Tatendrang, als vielmehr infolge des sozialen Trägheitsgesetzes in ihrem Entjudungswerke, das sie euphemistisch den Anschluß an die allgemein menschliche Kultur nennen, ruhig fort. Und so werden denn in den von der Odessaer Biidungsgesellschaft erhaltenen bzw. subventionierten Volksschulen hebräische Sprache und jüdische Geschichte blutwenig und herzlich schlecht ge'ehrt. Gegen diese Mißstände kämpften nun unsere Freunde and Gesinnungsgenossen seit Jahren an. Schon vor etwa 10 Jahren traten Achad-Haam und D u b n o w mit einer gründlichen Kritik der herrschenden Zustände auf und dieser Kampf erneuerte sich immer wieder und wieder, ohne daß es jedoch bis jetzt gelungen wäre, die kernfaule Assimilantenclique jus ihren Positionen zu schlagen. Im Frühling 1 Ol 1 war es nun Wladimir J a b o t i n s k y , ein Publizist und Redner allerersten Ranges, der in den Vordergrund des Treffens trat. Auf der damals tagenden Generalversammlung gelang es ihm, durch eine wuchtige und überzeugende Kritik der obwaltenden Assimilationspoliiik das Komitee in die Enge zu treiben und die Versammlung auf seine Seite zu reißen. Es fehlte nicht viel, daß eine von ihm vorgeschlagene Resolution, die eine gründliehe Reform des hebräischen Unterrichts verlangte, angenommen worden wäre und daß die Versammlung ihren Unwillen über das Auftreten des vom Komitee ohne Vorwissen der Mitglieder zur Petersburger Bildungskonferenz entsandten Delegierten geäußert hätte, der den völligen Ausschluß des hebräischen Unterrichts aus den weiblichen Schulen in Vorschlag brachte. In seiner Not löste damals der Vorstand die Versammlung „wegen vorgerückter Stunde" auf, nachdem er die Fortsetzung der Beratung über die aufgerollten Fragen in einer „demnächst stattzufindenden" Versammlung in Aussicht gestellt hatte. Seither waren neun Monate verflossen und das Komitee hatte die ganze Zeit hindurch mit einem unbestätigten Budget gearbeitet, ohne sich den Gefahren einer neuen Generalversammlung aussetzen zu wollen. Schließlich mußte man sieh doch zur Einberufung einer Generalversammlung entschließen, man suchte sich aber dadurch zu helfen, daß man die gefährlichen Punkte trotz des ausdrücklichen Versprechens einfach nicht auf die Tagesordnung setzte. Jabotinsky und seine Freunde reichten dann dem Vorstand eine Eingabe ein, in welcher sie höflich aber entschieden die

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