Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 2 (12.1.1912)
- Date
- 1912-01-12
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3315709-3316514-3316517--55511-3349329- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
50 DIETOELT Nr. 2 Behandlung der bezüglichen Fragen forderten. Das Ansuchen der Opposition wurde selbstredend unter nichtigen Vorwänden abgelehnt. Da eröffnete Jabotinsky in der Presse einen ebenso geschickten wie leidenschaftlichen Feldzug gegen die autokratische Mißwirtschaft des Vorstandes, und die Herren mußten kleinlaut nachgeben. Die Tagesordnung der Generalversammlung wurde dem Wunsche der Opposition gemäß erweitert. Uni aber die Situation zu retten, griff man zu den äußersten Mitteln. Man setzte alle Hebel in Bewegung, man ließ die vielfachen Einflüsse und Beziehungen der Notabein wirken, um inzwischen möglichst viel neue „zuverlässige" Mitglieder zu werben und möglichst viel alte Mitglieder für das „Programm" des Komitees zu gewinnen. Daneben verschmähten es die Herren, die sonst über den Jargon verächtlich die Nase rümpfen, nicht, ein Bündnis jnit den Jargonisten zu schließen, um die verhaßten Hebraisten nach dem Grundsatze „divide et impera" zu schlagen und die Jargonisten, die sich für waschechte Nationaljuden und Anhänger eines neuen, verjüngten Judentums ausgeben, gingen das sonderbare Bündnis mit der absterbenden russifizierenden Assimilation ein, um nur den verhaßten Zionisten und Hebraisten in den Brei zu spucken. Um sich aber mit Jabotinsky und seinen Freunden im offenen Turnier einigermaßen messen zu können, lud man eigens einen „hervorragenden Gesinnungsgenosesn'4 Herrn Rechtsanwalt Rappaport aus Petersburg, und einen nicht minder hervorragenden Jargonistenführer, einen gewissen Dr. L. aus Berditschew, „zum Gastspiel'* ein. Am Donnerstag, den 4. Januar, war nun der entscheidende Tag. Vor einem Auditorium von mehr als 1200 Mitgliedern fand das große Treffen statt. Der Referent des Komitees eröffnete che Debatte mit einer langatmigen und langweiligen Rede über „allgemein menschliche Ideale'', „kulturellen Fortschritt4', „gemeinsame Interessen mit dem progressiven Rußland", verwahrte sich beleidigt gegen den Vorwurf der assimilatorischen Gesinnung, warnte vor den heimtückischen Zionisten, denen es eigentlich nicht um die hebräische Sprache, sondern nur darum zu tun ist, die Schule zum Werkzeug für ihre politischen Bestrebungen zu machen und schloß mit der Drohung, daß das gesamte Komitee seine Demission einreichen werde und daß die Aufsichtsräte der verschiedenen Schulen obendrein sich von der Bildungsgesellschaft lossagen würden, wenn die Resolution der Opposition auf Reform des hebräischen Unterrichts und der jüdischen Fächer überhaupt zur Annahme gelangen würde. — Daneben ließ man noch das Gerücht zirkulieren, daß die Ica der Gesellschaft ihre sehr beträchtliche Subvention entziehen würde, wenn man den jüdischen Fächern der gesamten Unterrichtsstunden — dies die konkrete Forderung der Opposition — widmen wollte. Allein, der ganze großartige Verteidigimgsplan brach bald beim wuchtigen Ansturm der Opposition wie ein Kartenhäuschen zusammen. Die glänzende, anderthalbstündige, nach Form und Inhalt gleich gediegene Rede Jabotinskys brachte die abgeschmackte und abgelebte Ideologie der Assimilation vor dem lebendigen Hauch der stolzen Willensäußerung eines regenerierten Volkes wie die bleichen Schatten eines Gespensterreiches zum Weichen. Es half auch nicht die Broschürengelehrsamkeit des Jargonistenführers, noch weniger die hoffnungslos inhaltsleere Zungenfertigkeit des Petersburger Rechtsanwalts. Trotz der Voreingenommenheit eines großen Teiles der Versammlung war doch die große Wirkung der Oppositionsredner (Jabotinsky, Klausner u. a.) unverkennbar. Zum Glücke für das Komitee konnte aber bei der übergroßen Anzahl von Mitgliedern die '-Abstimmung nicht zu Ende geführt werden. Im allgemeinen bot die Abstimmung das Bild von zwei numerisch gleich starken Gruppen. Die Entscheidung wird erst in 14 Tagen fallen. Sehr bezeichnend ist es, dar) in der Presse jetzt schon von nichtzionistischer Seite zu einem gütlichen Ausgleich gemahnt wird. Brief aus New York (Von unserem Berichterstatter.) Organisation des religiösen Unterrichtswesens Die Reorganisationsarbeiten für die jüdische Erziehung in New York haben in den jüngst vergangenen Wochen einen Rückschritt zu verzeichnen. Dr. Samson Benderly, der Direktor des Dezernats für das Unterrichtswesen der New Yorker Kehillah, hat sich den Sommer über mit dem Studium der Talmud Thora - Schulen und Chedarim befaßt. Er versuchte zu Anfang dieses Semesters mit den Talmud Thoras dahin übereinzukommen, daß ihnen ein bestimmter Betrag gezahlt würde, dessen Höhe sich nach der Zahl der Freischüler richten sollte, vorausgesetzt, daß die Talmud Thoras sein Lehrprogramm annähmen. Dieses Programm verlangte die Aufnahme des Ibrith b'Ibrith Systems, einheitlichen Studiengang, einheitliche Unterrichtsmethoden und die Konzessionierung aller Lehrer durch das Dezernat. Zuerst wurde der Plan günstig aufgenommen. Aber bald erhoben sich entweder infolge mangelnden Takts seitens Dr. Benderlys oder durch die Bosheit bestimmter Persönlichkeiten, unaufhörliche Angriffe gegen das „Unterrichtsdezernat". Diese erschienen im „Jüdischen Morgen-Journal", einem durchaus anti-zionistischen Blatt, und die Journalisten, die diese Angriffe brachten, wurden von einflußreichen Persönlichkeiten der Talmud Thoras unterstützt. Das Dezernat nahm wenig oder gar keine Notiz davon, und so wurden die Verleumder des Dezernats von Woche zu Woche dreister. Für den 26. November wurde eine Versammlung der Delegierten des Kehillah Konvents einberufen. Bei dieser Versammlung hatten die Gegner des Dezernats infolge der Gleichgültigkeit der Führer der Kehillah leichtes Spiel. Die Kritik des Dezernats richtete sich gegen Dr. Benderly persönlich. Die Versammlung endete tumultuös, und nur ein Ereignis sei erwähnt, nämlich der Austritt des Rabbiners Samuel R a b i - nowitz, eines der hartnäckigsten Feinde des Defzernats, aus der Kehillah. Am Sonntag, den 10. Dezember, fand abermals eine Versammlung statt. Diesmal stand sie unter der Devise „Opposition". Trotzdem wurden seitens der Kehillah Führer keinerlei Versuche gemacht, das Vorgehen des Dezernats zu erklären und so die Kritik zu entwaffnen, was ein leichtes gewesen wäre. Weder Dr. Magnes, der Präsident der Kehillah, noch Dr. Israel Friedländer, der Vorsitzende des Dezernats, noch Dr. M. M. Kaplan, noch Dr. Benderly waren zugegen, und die Verteidigung des Dezernats war Herrn Bernard Semel und Herrn Charles 1. Hyman überlassen, welche kein Gehör finden konnten. So wird jetzt infolge der Gleichgültigkeit der Führer der Kehillah, das Unterrichtsdezernat gegen die Voreingenommenheit der Öffentlichen Meinung zu kämpfen haben, die ihm früher günstig gesinnt war. Antisemitische Erscheinungen Es ist eine durch die Presse oft bestätigte Tatsache, daß in den größeren Städten der Vereinigten Staaten viele gesellschaftliche Vorurteile herrschen. In New York ist die Zahl der Hotels und möblierten Wohnungen, die keine Juden aufnehmen, viel größer, als öffentlich zugegeben wird. Vor einigen Wochen geschah es, daß in bestimmten möblierten Wohnungen in Chicago, die der Yale . Universität gehören, Juden nicht aufgenommen wurden. Es Wurde ein Brief an den Präsidenten der Universität Hadley gerichtet und um Autklärung ersucht. Präsident Hadley antwortete, daß, wenn die Universität möblierte Wohnungen einrichtete, bestimmte Verträge geschlossen würden, die gesetzlich bindend seien, und daß wahrscheinlich die Abweisung der jüdischen Familie auf solch einen Vertragsparagraphen zurückzuführen sei. Aber es stellte sich heraus, daß die Abneigung gegen Juden hauptsächlich der Abneigung des Agenten zuzuschreiben war, welcher die Wohnungen mietete, und dies wurde dem Präsidenten Hadley unterbreitet. Die Yale Universität entließ jedoch den Agenten nicht, und es werden keine Juden in den der Universität gehörigen Wohnungen in Chicago aufgenommen. Mit der Zunahme des politischen Einflusses der Juden in großen Städten sollte man meinen, würde dieses kleinliche Vorurteil verschwinden, aber das Gegenteil ist Tatsache. Sogar in New York, wo die Juden ein Viertel der Bevölkerung ausmachen, scheinen die Andersgläubigen eine ,,Zone, die von Juden frei bleibt44, schaffen zu wollen, wo die amerikanische Luft nicht von „Fremdlingen" verunreinigt wird. m~ > o o £ö_ PALASTINA ooo || Aus Pethach-Tikwah Dieser Tage fand hier im neuerbauten Arbeiterklub der Delegiertentag der Organisation landwirtschaftlicher Arbeiter Judäas statt. Fünfundzwanzig Delegierte aus den verschiedenen Kolonien nahmen an den Be-