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Die Welt · 1912-01-12 · 2 (12.1.1912) · page 14

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
2 (12.1.1912)
Date
1912-01-12
Page
– (sequence 14)
Language
German
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48 DIES&ELT Nr. 2: erhaben ist, so ziemlich alle Ungeheuerlichkeiten des Kultusgemeindestatutes vor, welche die zionistische Oeffentlichkeit seit Jahren bekämpft. Herr Kultusvorstand S. Brod ist allerdings ,,Seiner Majestät allerergebenstc Opposition". Gleichwohl ist es sehr anerkennenswert, daß sich in diesem so rückständigen Kollegium ein Mann gefunden hat, der unser Programm in Kultusgcmeindeangelegenheiten wenigstens in der Paradeversammlung der alljährlichen Budgetberatung vertritt. In der Wiener israelitischen Kultusgemeinde herrscht bekanntlich ein beispiellos volksfeindliches System. Eine derart plutokratische Verquickung von Steuerrecht und Wahlrecht, wie bei uns, wird man vergeblich anderswo suchen. Da das Steuerininimum 20 Kronen beträgt, sind kaum 6".» der jüdischen Gesamtbevölkerung wahlberechtigt. Ein Drittel des Vorstandes — 12 von 36 — wird von den Höchstbesteuerten besetzt, die zumindest 200 Kr. an Steuergeldern abführen 5 des Kultusstatuts). Um den bösen Oppositionellen zum Trotz und Schaden den Kreis der Wählerschaft noch enger zu ziehen, ist gemäß S l (a) und § 2 (h) der Wahlordnung festgesetzt, daß nur diejenigen Steuerträger zur Urne kommen dürfen, die durch drei volle Jahre — das Wahljahr mit einbezogen — ihrer Steuerpflicht genügt haben. Dagegen findet sich im § 2 (b) dieser famosen Wahlordnung die Norm, daß „die eigenberechtigten Söhne von wahlberechtigten Angehörigen der Kultusgenieinde sofort nach Zahlung der Kultussteuer wahlberechtigt sind — also wenn sie auch nur für das laufende J a h r ihre Steuern abgeführt haben. Diese einzig dastehende Klausel, eine Art beschränkten W a h 1 e r b r e c h t s für die B e g ütertcn vom Kai und Sc h o 11 e n r i n g zeigt den gerühmten liberalen „Freisinn" der Machthaber im Kahal aut voller Höhe. Eine liebliche Bestimmung ist auch der durch § 97 des Kultusstatuts ermöglichte Kauf des Wahlrecht s. Eigenberechtigten Söhnen der beati possidentes ist es durch unsere Wahlordnung ermöglicht, durch e i n m a 1 i g e E n t r i c h - tun g v on 10 Kr o n e n wahlberechtigt z u w erde n. Herr Kultusvorstand S. Brod hat nun in der erwähnten Sitzung einige Aerulerungen vorgeschlagen und sie aus dem (ieiste der Zeit und dem Geiste des Judentumes, der weit davon entfernt ist, den (leidsack über alles zu steilen, trefflich begründet. Er verlangte — gewiß eine sehr zahme Forderung - Herabsetzung des Steuerminimums auf 10 Kronen. Es handle sich hierbei vor allem darum, die Int er es seil a h m e an den jüdischen An g e I e g e n h e i t e n auf einen größeren Kreis auszudehnen. Die Bestimmung der Wahlordnung, die einem langjährigen Steuerträger das Wahlrecht nimmt, wenn er bis zum Ablaufe des Wahlreklamationstermines seiner Steuerpflicht für das Wahljahr nicht nachgekommen ist, sei endlich zu beseitigen. Die Mitgliederzahl des Kultusvorstandes sei zu erhöhen und die Wirksamkeit der Bezirksvertretungen eine von uns Zionisteii mit besonderem Nachdruck vertretene Forderung -- sei bedeutend zu erweitern. Es wird natürlich vorläufig beim alten bleiben. Aber die Zeiten, da Herr Kultusgemeindepräsident Dr. Stern einer zionistischen Deputation gegenüber, die von ihm verlangte, im Kahal für eine Aenderung der Wahlordnung zu wirken, mit den Worten antwortete : ,,D a s fällt mir nicht i m Trau m e e i n,4t sind wohl längst vorüber. Das „Reinigungshad" Die Anerkennung der galizisch-jüdischen Sozialdemokratie seitens der Partei Daszynskis ist bekanntlich mit einer merkwürdigen 'Begründung erfolgt. Nicht weil die 811 000 Juden Galiziens als Nationalität neben den Polen und Ruthenen bestehen, gehören sie in eine eigene Organisation, sondern weil sie n o c h k e i n e P o 1 e n sind. Gg. Dr. Ehrlich hat diese Erklärung der Genossen Daszvnski und Diamant treffend charakterisiert. Die jüdische Partei wird von den Herren gleichsam als H e i n i - g u n g s b a d , als sozialistisch adoptierte A s s i - m i 1 a t i o n s a n s t a 1 t betrachtet, in welche jene jüdischen Genossen hineingesteckt werden, die noch nicht reit sind, in der polnischen Partei Aufnahme zu finden. Anfangs hat man über diese Episode vom polnisch-sozialdemokratischen Parteitag gelacht, wie über ein heiteres Bonmot. Der polnisch-nationale iParteigott stempelt die de facto längst selbständige jüdische „Bruderpartei" zur Strafkolonie, die fortan den Zweck haben soll, widerspenstige bewußt-jüdische Elemente zur polnischen Fiochkultur zu erziehen. Wohlgemerkt: Zur p o 1 n ischen Kultur — denn Ruthene dürfte ein galizischer Assimilant nicht werden . . . Nun Isieht man aber die geeichte Parteitheorie des jüdischen Genossen Otto Bauer am Werke, das Vorgehen der polnischen Führer „wissenschaftlich zu belegen". Da schlägt die humoristische Stimmung in Ekel um. Es ist nachgerade widerlich, zu sehen, wie dieser deutsch-jüdische Genosse der Theorie Gewalt antut, um nur herauszudividieren, daß alle Nationen und alle nationalsozialen Bestrebungen weiter bestehen dürfen, wenn nur vorerst anerkannt wird, daß die Juden verschwinden müssen. Die nationale Ideologie der Polen und Ruthenen ist ihm nicht nur verständlich, sie erscheint ihm auch für die Entwicklung der Sozialdemokratie sehr wichtig. Der Nationalismus der Juden aber ist natürlich reaktionär, da doch die „Assimilation der Juden ein naturnotwendiges Ergebnis der wirtschaftlichen Entwicklung" ist. Weil dies Genosse Bauer, der ungestört in der deutschen Partei sitzen möchte, so haben will, verurteilt er die Rückständigkeit des ruthenisch-sozialdemokratischen Parteitages, der die jüdische Sozialdemokratie „einfach" als proletarische Bruderpartei und als gleichberechtigtes Mitglied der österreichischen Internationale anerkannt hat. Für den lächerlichen Beschluß der polnischen Genossen aber findet Bauer volles Verständnis und bemerkt wohlwollend, daß die „polnische Partei eine weit höhere Entwicklungsstufe der proletarischen Bewegung repräsentiert, als die ukrainische/* Es wäre wirklich unzeitgemäß, Herrn Bauer heute noch nachweisen zu wollen, daß das jüdische Volk weder untergehen kann, noch w i 11. Nicht der moderne jüdische Nationalismus ist reaktionär, wohl aber der Standpunkt des jüdisch-assimilatorischen Theoretikers, der einem ganzen Volke mit uralter Kultur und mit kostbaren Entwicklungsmöglichkeiten das Recht aut jdie eigene Nation rauben möchte. Merkwürdig: Die nichtjüdischen sozialdemokratischen Autoren verstehen den Internationalismus ganz anders als die Herren Bauer, FI artmann, Adler und A u s t e r 1 i t z. Wir zitieren nur ein gutes und schönes Wort Renners über Sinn und Wesen des Internationalismus, das unserer Auffassung vom Zweck der nationalen Idee und dem erstrebenswerten Verhältnis der Völker zueinander vollkommen entspricht: „Was bedeutet der Internationalismus? Hebt er die Nationen auf? Löscht er sie von der Erde aus? Ersäuft er die nationalen Kulturen in dem chemisch destillierten Gewässer des Esperanto? Er erkennt in den Nationen lebende Organismen, er erkennt sie als solche an, liebt und erhält ihre Eigenart. Aber er sieht sie nicht mechanisch nebeneinander gelagert, w ie die Algenfäden im Teichschlamm, sondern er baut aus ihnen den allergrößten Organismus auf, die Menschheit — der stolzeste kühnste Gedanke, der jemals Menschengehirne beschäftigt hat." Das judische Volksheim Seit der Eröffnung des jüdischen Volksheims — bekanntlich ein Werk des jüdischen Volksvereins für die Leopoldstadt -- sind erst kurze Wochen verflossen und doch darf man schon heute sagen, daß die Gründung dieses Heimes eine Tat war. Anläßlich der feierlichen Eröffnungs Versammlung, zu welcher die zionistische Leitung und die zionistischen Vereine geladen waren, wurden die Räumlichkeiten unter Führung des Kuratoriums besichtigt. Ein geräumiger, schön ausgestatteter Saal dient tagsüber als gut frequentierte Lesehalle — der Besuch ist natürlich unentgeltlich —, abends Geselligkeitszwecken, Versammlungen und Vorträgen. In den zahlreichen kleineren Räumlichkeiten haben der Ausschuß des „Jüdischen Volksvereins für die Leopoldstadt'*, der „Jüdische National verein für Oesterreich'*, die Verbindungzionistischer Akademiker „Theodor Her/1", der zionistische Verein „Nes Zionah'* sowie die Redaktion der ,,Jüdischen Zeitung*4 ihren Sitz. Das jüdische Rechtsschutzbureau, das ebenfalls im Volksheim seinen Sitz hat, hält bereits seine Amtsstunden ab und entfaltet eine segensreiche Tätigkeit. Das Heim wird insbesondere von Ostjuden sehr zahlreich besucht und bildet schon jetzt ein Zentrum für die Judenheit des Bezirkes. Der Akademikerverband „Theodor Herzl" hält einen Vortragszyklus über neue jüdische Literatur ab, der mit einem Scholem-Alechem-Abend aufs trefflichste eingeleitet wurde.

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