Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1912-01-12 · 2 (12.1.1912) · page 10

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
2 (12.1.1912)
Date
1912-01-12
Page
– (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3315709-3316514-3316517--55505-3349323
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

44 DIEl Melodie kommt. Und wenn es dann wirklich auch keine neue Melodie gibt, es war doch einmal ein kraftvoller Mißklang, ein schriller Akkord, der das Ohr wachruft; und wenn *r den Nerven wehe tut, um so besser; dem Philister schadet es nicht, wenn er einmal tüchtig aufgerüttelt wird! Wenn daher eine Persönlichkeit, welche neue Wege durch den Urwald menschlicher Thorheit schlagen will, sogleich von aller Welt mit offenen Armen aufgenommen wird, ist es gewiß, daß nichts Großes dahintersteckt. Glücklicherweise war dies bei Piinsker nicht der Fall. Es ist allgemein verbreiteter Irrtum, die Choveve-Zion wären Gegner der Politik. Politik ist nicht ein Ding an sich. Man kann ein Gegner dieser oder jener Politik sein. Es existierte auch eine choveve-zionistische Politik, die man akzeptieren oder verwerfen mag; sie entbehrte der Geste und war von Haus aus mit manchen Mängeln behaftet, aber sie kannte ganz genau die Probleme und behandelte sie in ihrer ■X^ eise. Ich möchte mit wenigen Strichen die Ideologie der Choveve-Zion zeichnen. Die Grundlage dieser Ideologie ist das Prinzip der langsamen Evolution. Für den Zionismus muß langsam und unaufhörlich in Palästina und in der Diaspora gearbeitet werden. Maßgebend sind folgende Gedankengänge: Wenn man einen Berg ersteigen will, so meint man bei 'edern Absatz, den man vor sich sieht: Nein, das ist zu schwer, da kannst du nicht hinauf — wagt mans aber, so gehts von Absatz zu Absatz und der Mut wächst im Steigen, die Luft dort oben wird immer reiner, je höher man kommt, und endlich ist man doch oben. Man kommt aber nicht anders hinauf, als daß man eben jede einzelne Höhe ersteigt. Wenn wir jetzt zurücksehen wollten auf die vielen Jahre hinter uns, auf die Proben, die uns damals zu schwer dünkten, die wir aber überwunden haben, müssen wir wohl manchmal lächeln über unser Verzagen bei Dingen, die uns so gering scheinen. Es hat jeder sein Linsengericht, um das er seine Erstgeburt verkaufen will; er muß es aber nicht. Die Hauptaufgabe ist Geduld. Geduld ist aber nicht das Schlendernlassen, sondern die Kraft, die ununterbrochen trägt, Tragkraft. Üie ist nicht die tatenlose Stille, die kraftlos trägt, was sie nicht bindern kann; sie ist nicht die dumpfe Schwäche, die keinen eigenen Willen hat. Sie ist eine Kraft, die überwindet; sie sinkt nicht unter der Last;' sie hebt sie auf. Vor Verzagtheit soll sich jeder hüten, wie vor Diebstahl. Immer soll man auf Enttäuschungen gefaßt sein. Wenn man am Spinnrad sitzt, und ein Faden reißt, ists dann das Richtige, nun die ganze Sache über den Haufen zu werfen, oder ist besser, in Geduld wieder anzuknüpfen? In der Renaissancearbeit, im Befreiungskampf unseres Volkes reiht sich an jede Begeisterungsstunde eine Demütigungsstunde. Halten wir uns nicht an unsere Begeisterungs- oder Demütigungsstunden, lassen wir uns durch die einen nicht sicher, durch die andern nicht verzagt machen, sondern halten wir uns fest an unser Pflichtbewußtsein. Die Erlösung des Volkes stürmt nicht daher; sie kostet Arbeit und Zeit. Wenn es leidenschaftlich im Volk stürmt und wenn es denkt: Nun kann ichs nicht mehr aushalten; dann möge es noch eine kleine Weile warten, vielleicht ist es der Ecke ganz nahe, die es herausbringt. (Das ist etwas anderes als der alte — er möge in allen Ehren bestehen! — Wunderglaube. Man muß die Volksbefreiung nicht in die endlose Form versetzen, das gibt keine Kraft, nur noch eine kleine Ecke, noch eine Epoche, noch so und so viele Taten. Durch Festigkeit in kleinen Dingen wirst du gewiß zum Ziele dringen; schau nur den kleinen Tropfen an, wie er den Stein aushöhlen kann. Man muß Palästina lieben. Besonders zu tragen hat man an seinen Lieblingen. Bei Lieblingen ist es in der. jjj[ELT — Nr. 2 Ordnung, daß man tüchtig was drauf kriegt von ihnen. Es kommen so allerhand kleine Dornen heraus, die man nicht vorausgesehen hat. Man darf nicht sagen: Das paßt mir nicht, so hatte ichs nicht gemeint, sondern es heißt nun: Nur vorwärts — hat du dich einmal hineingegeben ins Joch, nun so ziehe auch. Die Seelen, die uns im Laufe der Jahre untreu geworden sind, haben vergeblich ihre Federn und Worte in Galle getaucht. Von ihnen gilt der Spruch: Sie sind von uns ausgegangen, aber sie waren nicht von uns. Die Chovevim sagten sich: Wir sind Säeleute auf Hoffnung, dürfen noch nicht zugleich Blüte und Frucht erwarten. Jnsere ganze Arbeit ist eine grundlegende. Man kann kein Haus bauen ohne Fundament. So soll unser Volk fürs erste Palästina liebgewinnen; darauf muß sich dann alles aufbauen. Wenn man immer an einer werdenden Pflanze herumzerren wollte, käme es zu nichts. Wer vom Volke große Opfer verlangt, bevor große Liebe vorhanden ist, der ruiniert seine Ernte. Der große Opfermut kommt erst, wenn die Liebe erwacht ist. Darauf aber haben wir hinzuwirken, daß die Liebe erwache; deshalb müssen vv;r schönes, anregendes, befreiendes in Palästina schaffen. Sehen wir dann aber keinen Erfolg, sollen wir nicht sagen: „Es hilft nicht" — aber auch nicht herausholen wollen, was für später erst drin ist. Sorgen wir nur dafür, daß wir die rechten Stunden, die Gelegenheiten benutzen zum Ausstreuen des guten Samens. So wurde Baron Edmund Rothschild gewonnen. Das war ein Wendepunkt. Kolonien sind entstanden, Vorbilder, Proben, Miniaturen. Einige waren schon früher da, aber sie waren in Not geraten. Die Sache fand anfangs keinen Anklang. Ungläubig, abstoßend, hochmütig, geringschätzig verhielten sich die Großjuden diesem phantastischen Unternehmen gegenüber. Nun trat liebliche Freundlichkeit und fürstliche Freigebigkeit entgegen. Es war eine Frucht der „chovevezionistischen" Bemühungen, vorzugsweise ein Erfolg Rabbi Samuel Mohilevers. Diese Periode ist von einer seltenen Liebe, Ausdauer und Bescheidenheit erfüllt. Die Leute verstanden es, den Osten (Rußland) mit dem Westen (Paris) zu verbinden, das Eisen zu schmieden, so lange es glühend war, und den rechten Moment zu benutzen. Sie brachten die unbestimmte, eines Herzl harrende Bewegung in feste, bestimmte Taten, die nicht verfliegen wie der Wind, sondern der Seele einen Halt bieten für kommende Tage. Voll Hingabe beginnt die Arbeit, sie ist auch voll Irrtümer, wie jede Anfangsarbeit sein muß. Es war ein tiefer Jammer und doch wurde es zum Segen. Herzl hätte sich nicht vom unbestimmten Judenstaat zum palästinensisch bestimmten Zionismus durchringen können, wenn man ihn nicht auf Palästina hingewiesen hätte, auf die Tradition, die Zionsliebe, die Kolonien. Vor unserem Zionismus, in den letzten Jahren der Chibbath-Zion, begann der Geist zu ermatten. Wer jene ganze Periode genau gekannt hat, wird sich dessen wohl erinnern. Es galt deshalb nicht nur eine Organisation zu .schaffen, sondern auch eine neue Begeisterung zu wecken. Man dachte nicht daran, das Herz an äußere Ordnungen zu hängen und auf so oder anders geartete Einrichtungen die Zuversicht zu setzen. Zwar müssen Ordnungen in einer nationalen Bewegung sein. Die Wasser des Bachs fließen in bestimmten Ufern; aber die Ufer sind nicht das Belebende; unsere Einrichtungen sind nichts, wenn der Geist nicht in uns lebt. Gewiß war die neue Organisation eine großartige Leistung, ein Gut, das wir wahren und entwickeln müssen, ein Instrument, eine Handhabe, die für die Arbeit notwendig ist, aber wichtiger noch war das neue Erwachen, das erstarkte Bewußtsein, die zielsicheren Ansatzlinien zu einer nationalen Vereinigung, die horchsame, hellsichtige Volkspsyche, die auf

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.