Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 2 (12.1.1912)
- Date
- 1912-01-12
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 2 . DIEÜ warum er zu den Erörterungen über den Kongreß und das Misrachi-Abkommen am zweiten Tage keine Stellung nahm. Auf Grund des Referates des Herrn Herzberger wurde eine Kommission gewählt, um die Frage der Eroberung der Gemeinden zu studieren. Anläßlich seines Referates wurde auch das Verhältnis zu den anderen Organisationen berührt, insbesondere die Frage, wie man sich zur Alliance verhalten IE LT 43 soll. Dr. Orn stein stellte unvermittelt den Antrag, die Versammlung möchte wegen der letzten Vorkommnisse die Mitgliedschaft in der Alliance mit der Mitgliedschaft im Niederländischen Zionistenbund für nicht vereinbar erklären. Der Antrag wurde jedoch zurückgezogen, da von anderer Seite darauf aufmerksam gemacht wurde, er sei zu wichtig, als daß er ohne jede Vorbereitung angenommen werden könne. Die K 1 a g e m a u e r. — Stumm und mit dennoch so beredten Zungen erzählt sie uns von unserer Größe, die im Staub dahingesunken. Generationen wallen zu ihr. Sie sehen Geister ihren Tiefen entsteigen, die sich zu leuchtenden Reihen gliedern. Hier stand der Tempel. Hier klangen die Lieder der Levitenharfen, hier schlugder Dichterkönig seine Zaubersaiten. Des Glaubens Heiligtum, der Ahnen Ruhm, der Freiheit Thron — hier standen sie einst. Mit düsterem Glühen haftet der Blick des jüdischen Volkes an diesen zerborstenen Steinen. Ein Klagen dringt durch die Luft und braust nach allen Fernen. Schirmend hebt das Volk die Hände über diese Mauer, wie die Cherubim über den heiligen Schrein. Alles var hier sein: von unbestritten echten, sichtbaren und wirklich alten Denkmälern ist ihm nur diese Mauer geblieben. Die anderen haben Kirchen und Moscheen, um die sie sich andächtig scharen. Sie bauten und bauten an ihnen mit gewaltiger Faust. Unser Jerusalem ist ja die Schatzkammer der Heiligtümer. Wir achten fremdes Gut und fremden Glauben. Unser, der Zionisten Ziel, ist die Besiedelung des verwahrlosten Landes. Stark in Treue brauchen wir unsere Männer, die in Kraft zusammenstehen werden, den Boden zu erschließen, Gesittung zu verbreiten, Wohlstand zu fördern. An heilige Stätten soll niemand rühren. Das war und bleibt unser Spruch und Panier. Wie ein Gespenst spukt nun eine unwahrscheinliche, aber leider nicht ganz unbegründete Kunde, daß gewisse Kreise des Stadtrates in Jerusalem unsere „Köthel Maarabi" sich aneignen wollen, d. h. als einen nicht den Juden, sondern dem Staat gehörenden Ort, zu dem die Juden für ein gewisses Entgelt zugelassen werden könnten, zu qualifizieren beabsichtigen. Das soll nicht geschehen! Dieser Schmach gegenüber, die habsüchtige oder aufgehetzte Menschen auf uns häufen wollen, wird das jüdische Volk nicht stumm gegenüberstehen. Es gibt einen Zorn, den man den heiligen nennt! Kläglich bestellt wäre es um ein Volk, in dessen Brust es nicht heiß Hammend emporschlüge, wenn dem Edelsten und Besten, was in der Menschenbrust atmet, Hohn und Unglimpf geschieht! An diesem Ueberrest einer Mauer hat sich die Zeit ihre Zähne ausgebissen; ringsumher die Trümmer unseres einstmaligen Glücksstandes, — diese Mauer ist geblieben, die höchste, erste, eine unserer Ruinen, deren Anblick uns beseelt, ganz erfüllen muß. Nein, dieses Ureigentum soll uns nicht genommen werden! Das ganze jüdische Volk wird wie ein Mann den entschiedensten, feierlichsten Widerspruch dagegen erheben. Die Kundgebungen werden Schlag auf Schlag zum erschütternden Sturme anwachsen. Die Zaghaftesten, die Gleichgültigsten werden vor Aufregung erglühen. Oie Leute, die solche Ränke schmieden, mögen wissen, welche mgeheuere Verantwortung sie auf sich laden und welch furchtbares Zorngericht sie auf ihre Häupter herauf beschwören würden, wenn sie von den wahnwitzigen Einflüsterungen einiger interessierter Fanatiker sich hinreißen ließen zu einem solch vermessenen Beginnen. Die höchste Duldung war seit jeher, in den finstersten Zeiten ein Vorzug des Türkenvolkes. Umsornehr muß Gerechtigkeit mit Freiheit gepaart, diese Tugend pflegen. Die zentrale Regierung hat auch mit diesem Plane gar nichts zu tun. Auch hat der gesunde Teil des arabischen Volkes Verstand und Gewissen genug, um die Sinnlosigkeit eines so ignoblen Vorhabens einzusehen. Es sind nur bestimmte Kreise, die von dem aalglatten, zungengewandten, gleißenden Scheusal der Verleumdung verpestet werden. Diese Kreise wollen uns durch Nesselstiche quälen. Sie glauben, uns zu treffen — die verleumdeten Zionisten. Fehlgeschossen: die ,Köthel Maarabi" ist kein zionistisches Beginnen; es ist Volkseigentum und jeder Versuch einer Besitzergreifung dieses jüdischen Ortes, um des schnöden Geldes willen, wäre eine gräßliche Entweihung. Jedes Gerücht über ein ähnliches Vorhaben läßt das jüdische Ehrgefühl flammend emporzucken. Es ist, als ob man Thorarollen in Kot zerren würde. Demgegenüber verstummen innere Parteiunterschiede, Für die heiligen Denkmäler trägt unser Volk in sich ein so warmes, vollschwellendes, des höchsten Aufschwunges fähiges Empfindungseben, daß kein einziger Jude der Diaspora sich einem solchen empörenden Raub gegenüber gleichgültig verhalten würde. Hands off! * * Das Programm und d i e G r u n d s ä t z e d e r Choveve-Zion. Die Choveve-Zion schicken sich an, das 30jährige Jubiläum ihres Bestehens zu feiern. In Rußland und in Rumänien sind es tatsächlich schon dreißig Jahre her, seitdem sich Zionsfreunde zu gemeinsamer Arbeit für und in Palästina organisiert haben. Die Anfänge stehen uns noch ganz frisch vor Augen: Personen und Ereignisse. Schreiber dieser Zeilen war damals nicht fromell chovev-zionistischer Parteimann; manche Rüge, die er sich Auswüchsen gegenüber gestattet hatte, brachte ihm sogar durch einen polemischen Uebereifer jener ersten Sturm- und Drangperiode das Epitheton eines Lauen, vielleicht gar eines Outsiders. Er kann desto unbefangener die ganze Periode überschauen und auf Grund unzähliger Eindrücke und Erlebnisse beurteilen. Ja, es mußte lange beobachtet, Erfahrungen gesammelt, Vergleiche gemacht worden sein, um, nach all den Bedenken und Zweifeln, zum Endresultat zu gelangen: Der Zionismus ist mehr als Chibbath-Zion, aber ohne Chibbath-Zion konnte der Zionismus nicht e n t stehen und vermöchte auch jetzt nicht zu b e stehen. Die „Autoemanzipation" enthielt ein Programm, das fertig aus dem Geist eines Mannes hervorgegangen ist, das Spiegelbild seiner Persönlichkeit. Daß dieses Programm Kopfschütteln erregte, das Lächeln der klugen Leute hervorrief, daß es alle „Besonnenen'* vor den Kopf stieß, war ein gutes Zeichen! Die Geschichte hat ihre Freude daran,^ jedesmal, wenn sie einmal einen gescheiten Gedanken verwirklichen will, dem „gesunden Menschenverstand" ein Schnippchen zu schlagen. Wenn die Allerweltsvernunft ewig den Taktstock führte, würde die Musik der Weltgeschichte zum Schlafen langweilig. Da müssen erst Männer mit „fixen Ideen" aufstehen — so urteilt wenigstens die Masse —, daß einmal etwas Feuer, etwas Leidenschaft, eine geniale Raserei in die