Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 2 (12.1.1912)
- Date
- 1912-01-12
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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40 DIES^ELT Nr. 2 leute nicht in Betracht kommen, und einiger Judefn, die ebenfalls keine Rolle spielen, keine einzige nichttürkische Nationalität, auf die das Komitee sich noch stützen könnte. Alle stehen im entgegengesetzten Lager, dessen Kerntruppen die Albaner, ein starker Teil der Araber und die Griechen bilden. Solange das gegenwärtige Parlament noch bestellt, ist das von großer Bedeutung, denn es sind nur diese kleinen nationalen Gruppen., diese Griechen und Albaner, die bei den Abstimmungen den Ausschlag geben. Darum hat es auch den Anschein,, daß die Unionisten alles mögliche aufwenden, um die Griechen für sich zu gewinnen, was ihnen jedoch kaum sehr leicht werden dürfte. Die Griechen, in schlauer Berechnung der Lage, spannen ihre Forderungen recht hoch und werden wohl kaum zu einem Kompromisse bereit sein, solange die Union ihnen nicht alle Postulate, die bisher ihr Patriarchat vergebens der Regierung entgegenhielt, bewilligt haben wird. Mit den Albanern wird das Komitee erst recht gezwungen sein, seinen Frieden zu machen. Wenn nicht, so lodert aufs neue eine Revolution in den Bergen auf, die zu blutigen Kämpfen führen, die schon so kritische Situation in den europäischen Provinzen zu einer ganz gefährlichen machen und möglicherweise die Intervention der Mächte herbeiführen würde. Auch die Armenier sind recht erbittert gegen das Komitee, dessen Regierung bisher gar nichts dazu getan hat, Leben und Besitz ihrer Bauern in Armenien und Anatolien zu sichern und ihnen die unter dem alten Regime geraubten Güter wieder zu verschaffen. — Die Bulgaren in Mazedonien leben unter Bombenstimmung. Wie die Araber größtenteils gesonnen sind, beweist nichts besser als ein dieser Tage in der Kammer gefallener Zwischenruf: „Das Blut der im Hauran Gemordeten schreit nach Rache!4' Diesen Tatsachen gegenüber wird das Komitee ganz un möglich länger seine chauvinistische rein türkische Taktik aufrecht erhalten können. Es wird einsehen, gerade jetzt, wo seine Vorherrschaft im Lande stark angezweifelt ist, daß den Forderungen der Völker im Reiche unbedingt Rechnung getragen werden muß, daß deren Traditionen, Vorrechte und kulturelle Selbstbestimmung nicht länger angetastet oder in Frage gestellt werden dürfen. Es wird eingesehen haben, daß nur so das türkische Reich weiter zu regieren ist und erhalten werden kann. Bleiben die Nationalitäten länger unzufrieden, so werden sie das Land von innen heraus mit Unzufriedenheit durchsetzen und die Einmischung der Mächte von draußen wird die unvermeidliche Folge werden. Hätte die Union von Anfang an diese Einsicht gehabt, so wäre es nicht zu all den Krisen und Erschütterungen gekommen, auch nicht zu der beklagenswerten Zerstörung des historischen Nimbus der Befreier der Türkei von dem Joche ihrer Tyrannen. Die im Kampfe gegen den entwicklungshemmenden Zentralismus und reintürkischen Chauvinismus einigen Nationalitäten haben sich dieser Tage ihr gemeinsames Organ geschaffen, die vom Armenier Wamwakas herausgegebene „Tribüne des Nationalites'*, die allwöchentlich erscheinen wird. Sonderbarer Weise haben die politischen Interessen der Juden in dieser Revue anscheinend keinen Platz gefunden. Es ist da nur von mohammedanischen und christlichen Nationalitäten die Rede. Man sollte fast meinen, daß sich die Juden der Türkei über gar nichts zu beklagen hätten. Oder man muß leider annehmen, daß sie von den anderen Völkern als politisch vollkommen unzuverlässig oder als quantite negligeable betrachtet werden. Es ist traurig, aber wahr: Die Juden haben sich dieses Verhalten der Anderen selbst zuzuschreiben. Wenn das Großrabbinat unter den Patriarchaten und die jüdischen Parlamentarier unter den anderen Abgeordneten nicht mitzählen, so ist das niemandes als ihre eigene Schuld. Sie werden die Verantwortung dafür vor der Geschichte zu tragen haben. Die Nachwehen des Ichtiper Bulgarenmassakers Wie wichtig es für die Juden ist, auch mit den christlichen Völkerschaften der Türkei in gutem Einvernehmen zu leben, geht aus den Folgen hervor, die für sie die Ichtiper Ereignissie nicht nur in der Türkei selbst, sondern sogar bis ins bulgarische Königreich hinüber gehabt haben. Die bekannten Anklagen des Saloniker „Pravo" gegen die Ichtiper Juden haben, trotz ihrer Widerlegung durch die offizielle Enquetekommission und die bulgarischen Deputierten selber, doch Eingang in die großbulgarische Presse gefunden und sind dort mit übelwollenden Kommentaren versehen, gegen die Juden im allgemeinen ausgebeutet worden. Besonders ein Sofioter Blatt hat sich in dieser Taktik hervorgetan. Der Großrabbiner von Bulgarien hat sich genötigt gesehen, gegen diese Ausstreuungen durch ein Dementi aufzutreten. Er hat das in einer Chanuka-Predigt getan, deren Text alsdann von der Landespresse wiedergegeben wurde und zur Beruhigung der erregten Gemüter beitrug. Publikationen über den Zionismus Der Zionismus ist hier durchaus noch nicht aus der öffentlichen Diskussion verschwunden. Zwar ist die mit so großem Lärm angekündigte Broschürenserie über die „Geheimnisse des Zionismus4' nach der ersten Nummer plötzlich unterbrochen und die zweite, trotz ihrer Fertigstellung, vom Verfasser zurückgezogen worden. Dafür aber haben wir eine neue „Darstellung" in dem oppositionellen Blatte des Herrn Lutfi Fikri Bej erfahren. Es sind in diesem Artikel nicht nur die alten Anklagen gegen den Zionismus aufgeführt, sondern auch ganz einfach antisemitische Töne angeschlagen. Es wird auf das Beispiel Rußlands verwiesen, das trotz seiner Macht gezwungen sei, sich durch allerlei Notmaßregeln gegen den überragenden Einfluß und die Konkurrenz der Juden im Innern zu wehren. Um wieviel gefährlicher sei es, das jüdische Element in der Türkei durch Einwanderung so stark werden zu lassen, daß es mit der Zeit die ganze Herrschaft in Handel und Wandel, in Politik und Kultur an sich reiße. Wieder also ein Beweis dafür, wie verderblich für das judentum im allgemeinen der von Juden in der Türkei zuerst entfaltete Verleumdungskrieg gegen den Zionismus war. Aus dem gewollten Antizionismus ist ein sehr ungewollter Antisemitismus geworden. Kurze Zeit vor diesem neuen Anklageartikel erschien — und das ist als ein erfreuliches Zeichen zu begrüßen — iin überaus zionistenfreundlicher Aufsatz in dem armenischen Blatte „Arevelk". Der Verfasser gibt hier einen knappen Abriß der kolonisatorischen Arbeit der Juden in Palästina, wobei ihm freilich das komische Versehen unterläuft, zu glauben, daß diese ganze Arbeit von der — Alliance Israelite ausgeführt worden sei; er stellt den Segen fest, den diese Kolonisation, nicht nur für Palästina, sondern auch für das ganze Reich bedeute, und schließt mit dem Bedauern, daß seine Volksgenossen, die Armenier, nicht in ähnlicher Weise wie die Juden, sich kolonisatorischen Unternehmungen zu Gunsten ihrer Landsleute hingäben, anstatt sich in Parteistreitigkeiten aufzureiben. Aus dem jüdischen Leben Das Gemeindeleben stagniert. — Nach wie vor ist der Mischlisch zur Untätigkeit verdammt, da das Publikum mit unerschütterlicher Energie an seiner Steuer-Obstruktion