Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 2 (12.1.1912)
- Date
- 1912-01-12
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Sprachgefäß uns wieder zu eigen zu machen, mußte daher die Vorarbeit sein. Denn die hebräische Sprache allein ist Form und Gefäß aller hebräischen Kultur, die einzig und allein der Weg zum jüdischen Kulturleben ist. Aber sie ist zugleich auch selbst eine der wichtigsten Lebensäußerungen jüdischen Kulturgeistes. Wenn sich jetzt in Deutschland mehr und mehr Stimmen hören lassen, die ein großes Bedürfnis nach hebräischer Sprachkenntnis verraten, so beweist das, daß der nationaljüdische Gedanke keine Redensart geblieben ist. Denn leicht war es ja zu verlangen, daß andere hebräisch lernen mögen. Wenn man in früheren Jahren nur für das Land Israel und die dortigen Juden die hebräische Sprache für notwendig erachtete, sein eigenes Nationaljudentum aber vor der Unbequemlichkeit des Hebräischlernens sorgfältig schützen zu können vermeinte, so hat man jetzt längst erkannt, daß man damit nichts anderes tat, als jene früheren Juden, die selbst nicht fromm sein wollten, aber gern ihren Obolus für Jeruschalajim gaben, damit man dort für das „Golus" fromm wäre und auch fleißig Kaddisch sage, anstatt der Geschäftsleute, die sich damit nicht mühen wollten, aber gern arme Juden gegen Entgelt in der heiligen Stadt mit dieser Pflicht pietätvollen Gedenkens betrauten. Diese nur theoretische Liebe zum Hebräischen ist in Deutschland bereits auf dem Aussterbeetat. So wie eine neue Jugend für sich selbst vielfach mit einer Zukunft in Erez Israel rechnet, so will diese Jugend auch selbst die hebräische Sprache gern erlernen, wenn auch in Deutschland die Schwierigkeiten, in den hebräischen Sprac'hgeist einzudringen, viel größere sind, als sogar die Hindernisse, die sich dem in den Weg stellen, der sich darum müht, sich selbst die Möglichkeit einer Ansiedlung im Lande Israel zu verschaffen. Trotzdem machen sich auch in Deutschland überall Regungen geltend, die ein neues Verständnis der Wichtigkeit der hebräischen Sprache für die Erhaltung des Judentums anbahnen. Man erkennt mehr als je die Notwendigkeit der hebräischen Sprache, und an allen Orten ist eine vermehrte Liebe zum Hebräischen bei Alt und Jung, besonders aber in der reifen Jugend zu verspüren. Diese Entwicklung ist eine unaufhaltsame. Dieses neu hervortretende Bedürfnis ist zum Teil bereits durch die Organisation für hebräische Sprache und Kultur bewirkt worden. Es ist an ihr, dieser idealen Regung allmählich die materielle Grundlage zu schaffen, damit sie aus der Theorie und dem Gefühl sich in reale Tatsachen umsetzen kann. Es genügt nicht allein die Liebe zum Hebräischen und die Erkenntnis seiner Notwendigkeit. Vielmehr muß dieses Verlangen zur Ausbreitung seiner Kenntnis und zur Vertiefung in die Sprache führen. Diesem Ziele kann uns aber allein die Erstarkung und der Ausbau der hebräischen Organisation näher bringen. Denn nur durch Vereinigung der vorhandenen Kräfte wird die Möglichkeit fruchtbringender Arbeit geschaffen werden. Es ist daher die wichtigste Aufgabe, die uns jetzt in Deutschland erwächst, das notwendige volle Verständnis für die Organisation für hebräische Sprache und Kultur zu erwecken. Denn erst die Organisierung und Vereinigung aller vorhandenen Kräfte und allen erwachenden Verlangens nach Hebräisch wird die Möglichkeit einer Ausbreitung des Hebräischen ergeben. Das Bedürfnis nach hebräischem Unterricht zu befriedigen, ist nur dann möglich, wenn die Organisation so erstarkt, daß es von ihr aus systematisch in Angriff genommen werden kann. Ein hocherfreulicher Anfang ist in Berlin bereits gemacht worden. Dort sind allein in diesem Winter 18 Kurse mit Hunderten von Schülern in fruchtbringender Tätigkeit. Das ist ein vielversprechender Anfang, der trotz aller entgegenstehenden Schwierigkeiten durchgesetzt wurde. Wollen wir allmählich dazu kommen, diese Unterrichtsarbeit auszubauen und sie vor allen Dingen auch nach andern Orten mit jüdischer Bevölkerung zu übertragen, so bedarf es umfassender Arbeiten, die nur von einer größeren Organisation geleistet werden können. Nur die Zusammenfassung aller vorhandenen Einzelkräfte vermag dem Landeskomitee der Histadrut ibrit die Möglichkeit zu geben, in langsamer und stetiger Entwicklung die wirksame Unterrichtsarbeit auch in anderen Orten in geeigneter Weise weiter zu führen. Fehlen doch zurzeit noch alle Lehrbücher und sogar die Lehrer, die den Unterricht nach neuen und modernen Grundsätzen zu leisten und zu leiten vermöchten. Die dringendsten Aufgaben des Landeskomitees sind im Augenblick die Schaffung der notwendigsten Lehrmittel und die Heranbildung der ersten Lehrer. Das ist keine kleine Aufgabe, sondern ein Werk, das ebenso große materielle Mittel wie aufopferungsvolle Hingabe an das gesteckte Ziel, an das uns allen gemeinsame Ideal erfordert. Die Schwierigkeiten, ein geeignetes Lehrbuch nach modernen Grundsätzen zu schaffen, erhellen allein schon aus dem Umstände, daß von den zahllosen Büchern zur Erlernung des Hebräischen, die es gibt, kein einziges auch nur im entferntesten diesem Bedürfnis gerecht wird. Selbst die Grammatiken sind entweder allzu elementar oder zu streng fachwissenschaftlich gehalten. Die Unterrichtsmittel, die im europäischen Osten und im Lande Israel mit so ausgezeichnetem Erfolge angewendet werden, haben für die deutsche Judenschaft doch nur recht bedingten Wert. Ganz abgesehen davon, daß hier das jüdische Milieu mangelt, ist das Bedürfnis nach einer Lehrmethode in Deutschland ein anderes als im Osten. Der Deutsche hat nun einmal das Bedürfnis, einer Sprache auch theoretisch näher zu kommen, und der deutsche Jude hat es mit ihm gemein, daß er für die Erlernung einer Sprache grammatische Arbeit zu Grunde legen will. Auch aus diesem Grunde versagen in Deutschland die Lehrbücher aus Rußland und dem Lande Israel. Dazu kommt, daß unsere meisten Schüler und Schülerinnen keine Kinder und der Schule längst entwachsen sind. Sie bedürfen anderer Lehrer, eines anderen Lehrganges und anderer Uebungen. Wir h a b e n heute noch kein Lehrbuch und bedürfen deren mindestens zwei, nämlich eines, das den Bedürfnissen des Unterrichts durch einen Lehrer die nötige Unterlage gewährt, das zweite, das den Schüler, der sich — wie das bei Männern im Beruf fast stets der Fall ist — einem Unterrichtskursus nicht anschließen kann, die Möglichkeit gewährt, in einer leichtfaßlichen Methode durch Selbstunterricht sich die Kenntnis des Hebräischen anzueignen. Die Vorarbeiten zu beiden sehr weit ausschauenden Unternehmungen sind zwar vom deutschen Landeskomitee der Histadrut bereits^ in Angriff genommen worden. Aber es ist selbstverständlich, daß nur eine kraftvolle und ausgebreitete Organisation die materiellen und ideellen Mittel für die Durchführung' dieser Unternehmungen gewähren kann. Daß die Ausbildung der notwendigen Lehrer ebenfalls nur ein Werk der wohlgefügten Organisation sein kann, ist ebenfalls unzweifelhaft.