Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 1 (5.1.1912)
- Date
- 1912-01-05
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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kommen: so erschien ihm der Plan, mit dem seine Gedanken sich befaßten. Gleich nach der Trauerwoche wollte er an die Arbeit gehen. Nur die große Menge der Armen und Hoffnungsr losen beschäftigte ihn. An den Reichen lag ihm nichts, Er wußte, daß er von ihnen weder Verständnis noch Ermutigung zu erwarten hatte. Sie gehörten nur insofern in seinen Plan, als er von ihnen Geldmittel zu erwirken hoffte. Er wollte alle diejenigen, deren Existenz ruiniert war und denen keine Erwerbsmöglich'keit sich bot, vereinen und mit ihnen, nach dem Beispiel der anderen Städte, zu Fuß das Land verlassen, um sich in Fiume nach Amerika einzuschiffen. Alles sollte nach einem bestimmten System vor sich gehen: der Verkauf aller Habe, die nicht mitgenommen werden konnte, das Einkassieren der Gelder, und die nötigen Reisevorbereitungen. Er gestand sich, daß es mit der Fußtour bis Fiume seine Schwierigkeiten haben werde, desto mehr aber versprach er sich von Amerika. Ueber diese kleine Gemeinde, die unter seiner Führung das Land verließ, wollte er dort wachen. Er wollte eine rege Tätigkeit entfalten, wollte diese Schar Hoffnungsloser zu glücklichen, freien Menschen heranbilden. Er dachte an Vorträge, Vorlesungen, Leseabende, Theater und an ein Zwangssparsystem, das die Anlage eines Kapitals ermöglichte, dessen Ertrag allen Beteiligten gleichermaßen zugute kam. Wenn dann sein Wirken Erfolg hätte, würde er an die Erweiterung seines Planes schreiten und viele solcher Institutionen schaffen. Er würde gewiß viele Mitarbeiter finden! Freilich hatte er auch Augenblicke, da das Ganze ihm lächerlich und unausführbar erschien, da der erlittene Verlust ihm so recht zu Bewußtsein kam und die Verzweiflung von neuem an seinem Herzen rüttelte. Aber so oft die Bekannten ihn besuchten und er in ihren Mienen alles zu lesen glaubte, was sie bedrückte, und sich berichten ließ, wie unendlich groß die Not seiner Brüder war, raffte er sich wieder auf und dachte an seinen Plan und wünschte, endlich an dessen Ausführung schreiten zu können. Am Morgen nach der Trauerwoche stand er auf. Er sah sich im Zimmer um, und seine Gedanken weilten einen Augenblick in der Vergangenheit, die ihm plötzlich so ruhig und schön und voll des Glücks erschien. Einen Augenblick krampfte sich sein Herz in banger Empfindung zusammen: zwischen der Vergangenheit und dir liegt ein Abgrund; was wird die Zukunft bringen? . . . Aber er ermannte sich, und mit einer unwillkürlichen Armbewegung nahm er Abschied von seinem früheren Leben. Einen Monat später verließen etwa vierhundert Auswanderer die Stadt. Als sie die letzten Häuser bereits hinter sich hatten und langsam auf der Landstraße dahin wanderten, gebeugt unter der Last der Kisten und Koffer und sonstigen Gepäckstücke, mancher mit den noch tränenfeuchten Wangen und schmerzzuckenden Lippen, oder mit stumpfen Mienen und leerblickenden Augen, da mochte ihnen die Zukunft, der sie entgegengingen, so erscheinen, wie der Tag, durch den sie zogen: trübe, ungewiß, nebelverhangen. Aber nach kurzer Zeit und besonders in den folgenden Tagen hatten sie sich mutig dreingefunden. Es befanden sich unter ihnen einige besonders Beherzte, die das ganze auf die leichte Schulter nahmen und es fertig brachten, zu singen, zu scherzen und allerhand närrische Geschichten zu erzählen. Aber es konnte auch bloß ein Mantel sein, hinter dem sie ihre nagende, immer wache Verzweiflung zu verbergen suchten. Die wenigen Frauen, die mitgingen, litten schwer und man mußte ihretwegen oft rasten, obschon es der Wunsch aller war, so rasch als möglich Budapest zu erreichen. Von da aus hofften sie, durch Intervention einflußreicher Persönlichkeiten, die Weiterreise nach Fiume mittels Eisenbahn fortsetzen zu können. Und Jacob Silber bildete die Seele des ganzen Zuges. Er war der Geduldigste, Mutigste, Unermüdlichste. Seine Kräfte schienen mit jedem Tage zu wachsen. Wenn man rastete, besprach er mit allen die gemeinsaimien Pläne und Ziele und redete sich oft in eine warme, hoffnungsfreudige Begeisterung hinein, die sich wie ein belebender Geist der ganzen Masse mitteilte. Einige junge Leute, darunter manche, die das Gymnasium nahezu beendet hatten, waren immerfort um ihn und bildeten eine Schar verständnisvoller, freudig aufhorchender Jünger. Es fiel da manch ein bedeutendes Wort auf fruchtbaren Boden, und einige dieser Leute, die sich jetzt in Amerika befinden und ein Leben voll geistiger, beglüdkender und gewinnbringender Arbeit führen, verdanken ihren Aufsdhwung jenen Tagen, die sie in Gesellschaft Jacob Silbers verbrachten. Zuweilen, wenn er in ihrer Mitte dähinschritt und ihnen von seinem früheren Leben erzählte, da feierte er das Andenken seines Sohnes in Worten, die wie in stillem, mühsam verhaltenem Weh von seinen Lippen fielen; es war wie eine heilige Feldandacht, zu der die Sonne oft ihre letzte, sterbende Herrlichkeit spendete. Als sie Budapest erreichten, wurde ihnen am zweiten Tage ihres Aufenthaltes gerade von jener Seite, von der sie die meiste Hilfe erhofften, in unzweideutiger Weise eröffnet, sie täten besser daran, umzukehren. Das europäische Gewissen war erwacht. Alle diese Scharen Unglücklicher, die seit Wochen wie eine unversiegbare Flut durch Oesterreich-Ungarn und Deutschland zogen, waren ein lebendiger Protest, eine laute, nach Gerechtigkeit schreiende Anklage. Dieses Massenelend, diese totbringende Hoffnungslosigkeit, diese Unendlichkeit vernichteter Existenzen legten Zeugnis ab von einem Lande, das, inmitten kultivierter Staaten, sich in Willkürlichkeiten gefiel, die in das dunkelste Mittelalter hineingehörten. Freilich — diese Staaten mit der hochgepriesenen Zivilisation fragten nicht nach der Ursache dieser Auswanderungen. Sie wollten bloß, des lieben eigenen Friedens halber, diese nach außen hin dringende Erscheinung beseitigen — nicht das eigentliche Uebel! Mochte die rumänische Regierung tun, was ihr beliebte — aber diese Massenflucht Verzweifelter, die so friedenstörend und unbequem war, mußte verhindert werden! So sah dieses europäische Gewissen aus! Es war ein kalter, nebliger Tag. Jacob Silber befand sich mit einem Teil der Auswanderer auf der Franzi- Jos efs-Brücke, einer Kommission gegenüber, deren Haupt ihm in gequetschten und gewundenen Redensarten die Zwecklosigkeit der Auswanderung klarzumachen suchte und ihm gleichzeitig bedeutete, daß nur für den Fall der Rückkehr eine materielle Hilfe zu gewärtigen sei. Er sah dem Sprecher ins Gesicht, der so schön gekleidet war und so wohlgenährt — was wußte der von all dem überwundenen und noch zu erwartenden Leid! — und eine Empfindung des Ekels stieg in ihm auf. „Also," sagte er langsam, jedes Wort betonend, „die Herren halten es für das richtigste, daß wir nach Rumänien zurückkehren?" . . . Sein Antlitz war bleich und in seinen Augen glomm ein wildes Feuer. Freilich, hieß es, das wäre für den Moment die einzig mögliche Lösung.