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Die Welt · 1912-01-05 · 1 (5.1.1912) · page 12

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
1 (5.1.1912)
Date
1912-01-05
Page
– (sequence 12)
Language
German
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14 falsch verstandenem Interesse eines „Ideals" verlegen sie den Weg dazu! Auch das ist übertrieben, daß Feldmann glaubt, man werde „erst dann in der ländlichen und städtischen Kolonisation besseren Zeiten entgegengehen", wenn die fünftausend Familien arbeitsamer und anspruchsloser Yemeniten erst einmal angesiedelt wären. — Man mag dieser gewiß wichtigen Frage alles Verständnis entgegenbringen, ohne doch deshalb in der allgemeinen Palästinaarbeit und Einwanderungsfrage gleich eine zehnjährige Yemenitenpause vorzuschlagen, wie Feldmann es hier förmlich tut. Unsere Bestrebungen, die zwar die ganze Nation umfassen wollen, basieren trotzdem weitaus vorwiegend auf der Notlage der osteuropäisch en Juden. Die osteuropäische Einwanderungsfrage zugunsten einer zehnjährigen Ansiedelungstätigkeit für die Yemeniten schlafen zu lassen, wäre ungefähr soviel, wie eine ebensolange Ausschaltung der ganzen zionistischen Tätigkeit, damit wäre auch für die Ansiedlung der Yemeniten nicht das geringste gefördert. Nun aber zum positiven Teil. Nachdem er es in der Einleitung seines Artikels zu bezweifeln scheint, daß mit 800 Francs gesparter Ueberfahrtskosten eine einwandernde Familie bei entsprechender Organisation sich eine Existenz aufbauen kann, behauptet Feldmann am Schluß seines nicht einmal langen Artikels, daß es bei den Yemeniten schon mit 500 Francs ginge. Ich möchte ihm hierin beipflichten und verzichte deshalb gerne darauf, den Widerspruch eingehender zurückzuweisen. Es genügt mir aber nicht, daß ich seiner Meinung bin, sondern ich möchte, daß diese Meinung auch sehr vielen anderen beigebracht werde. Es wäre eine sehr dankenswerte Aufgabe für Herrn Feldman n, der denkbar größten Oeffentlichkcit darzutun, auf welche Weise eine solche Yemenitenkolonisation mit 500 Francs pro Familie bewerkstelligt werden kann. — Geben Sie uns Beispiele, lieber Herr Feldmann, von bereits auf solcher Basis angesiedelten Yemenitengruppen. Definieren Sie genauer, was die Leute mit ihren 500 Francs anfangen können, wieviel Land sie dafür haben können, wie die von ihnen selbst gebauten Häuschen aussehen (möglichst mit Photographien und mit den Abmessungen usw. — auch Angaben über das Material). Mit einem Wort: machen Sie das, was Sie da am Schlüsse Ihrer Ausführungen in ein paar Zeilen erwähnen, zum Thema einer ganz ausführlichen und wohlbelegten Darstellung! Dann dürfte die Sache, für die Sie sich einsetzen, ziemlich leicht durchgeführt werden können und noch viel mehr dazu..... Die Geringfügigkeit unserer Kolonisationstätigkeit hat nämlich als Hauptgrund den, daß die Kosten für viel zu hoch gehalten werden. Für die Ansiedelung irgendwelcher jüdischer Familien, die 10 000 bis 25 000 Francs erfordern soll, findet man weniger Interessenten als für eine, die nur 500 oder 1000 Francs erfordert. Es sollte ganz klar sein, daß eine zw anzigfache Wirkung — auch absolut gen o m men — viel höhere Beträge zusammen kommen läßt als alle bisherige Propaganda. Wenn die Ansiedlung einer Familie 10 000 bis 25 000 Francs kostet, so kann beispielsweise auch der Nationalfonds so gut wie nichts in der Sache tun. Man kann nicht in sieben Ländern ein Jahr lang Sammlungen veranstalten, um eine halbe Familie anzusiedeln. Wenn dagegen zweifelsfrei festgestellt wird, daß eine Yemenitenfamilie mit 500 Francs zur Selbständigkeit gelangen kann, so liegen darin so außerordentliche Möglichkeiten für die Besserung der Lage unserer gesamten Kolonisation, daß der Nationalfonds (und selbstverständlich auch andere Institute usw.) leicht veranlaßt wer- Nr. 1 den kann, hier in großem Maßstabe mitzutun. Es wird auch Mittel und Wege geben. Beispielsweise könnte der Nationalfonds (oder irgendein Kolonisationsverein oder eine Gruppe von Landkäufern) die 500 Francs als eine Art Vorschuß hergeben, der im Laufe von Jahren durch Arbeit ausgeglichen werden kann. Wenn die angesiedelten Yemeniten ihre Pflicht tun, so erwerben sie damit ihr Häuschen samt einer Gartenparzelle. Im anderen Falle müßten sie beides an einen anderen abtreten. Feldmann rühmt ja die Zuverlässigkeit gerade dieses Elementes, so daß man von vornherein auf im allgemeinen gute Erfahrungen rechnen kann. Wenn die von Feldmann aufgestellte Behauptung sich — wie gesagt — zweifelsfrei feststellen läßt1), so dürfte es verhältnismäßig leicht sein, auf Grund dieser für die Allgemeinheit ganz neuen Ziffern tatsächlich die 250 000 Frs. per Jahr aufzubringen, die für die Ansiedelung von 500 Familien jährlich (gegenüber allem bisherigen eine kolossale Leistung!) erforderlich wären. Ich würde es sogar für ganz möglich halten, im Laufe von zehn Jahren durchschnittlich je eine Viertel Million Francs im Wege einer speziellen Sammlung für den Nationalfonds aufzubringen. Es würde dazu nur nötig sein, überzeugend nachzuweisen, daß mit ungefähr diesem Betrage die angegebene Wirkung tatsächlich erzielt werden kann. Eine Kolonisation auf dieser neuen Basis würde auch keineswegs auf die Yemeniten beschränkt bleiben. Wenn von mancher Seite eingewendet wird, daß die Yemeniten durch ihre große Anspruchslosigkeit und etwa auch Kulturrückständigkeit keinen Vergleich mit anderen — speziell osteuropäischen — Einwanderern zulassen, so haben wir bereits an den in der voraufgehenden Anmerkung erwähnten Tatsachen aus Moza gesehen, wie wenig das zutrifft. Wir haben in Palästina ein jüdisches Arbeiterelement, das l) Dies gilt der Allgemeinheit gegenüber. Ich selbst halte längst bei noch geringeren Ziffern. — Um nur einen Begriff von tatsächlichen und erprobten Möglichkeiten zu geben, sei folgendes erwähnt: In der Kolonie Moza bei Jerusalem sah ich im Jahre 190-1 die Mehrzahl der Kolonisten in alten Grabhöhlen untergebracht, von denen manche offen waren und andere einen hölzernen Vorbau besaßen. Manche dieser „Häuser" kosteten gar nichts. In derselben Kolonie sah ich ein „Haus" aus ohne Mörtel geschichteten Steinen. Das sehr interessante kegelförmige Bauwerk hatte sogar ein flaches Dach, zu dem eine Treppe hinaufführte, und der Besitzer pflegte von einer auf dem Dach errichteten Laubhütte aus in der Reifezeit der Früchte den Wächter zu spielen. Das ganze Haus hatte 120 Frs. gekostet! — Englische Firmen bieten übrigens Unterkunftshütten für Arbeiter usw. an, die 40 bis 50 M. kosten, und nach meiner Kalkulation können solche Häuschen — sogar möbliert — in Palästina für zirka 100 M. hergestellt werden! Ich habet gelegentlich schlechter gewohnt, als sich in solchen Behausungen wohnen läßt. Auch das Ausmaß von Land für die Bedürfnis>2 einer kleinen Familie ist nicht bedeutend, und es braucht nur ganz minimal zu sein, wenn landwirtschaftliche oder industrielle Nebenbeschäftigungen (oder Hauptbeschäftigung) vorgesehen ist. In manchen japanischen Distrikten ist ja der mittlere bäuerliche Besitz 0,08 Hektar, also etwas weniger als ein Dunam. Aehnliche Verhältnisse gibt es auch anderwärts. Schon in meinem Palästina-Handbuch ist darauf hingewiesen (2. Auflage, S. 269), daß nach den Angaben einer angesehenen deutschen Firma der ganze Gemüsebedarf für eine Familie von acht Köpfen auf weniger als einem viertel Dunam gezogen werden kann. Man kann hiier einen sehr großen Spielraum lassen, bei dem trotzdem der Bodenpreis pro Familie weit innerhalb einer Hundert-Francs-Grenze gehalten werden kann! Trotz meiner bereits so viel weiter haltenden Grundlagen, die uns eine „Groß-Kolonisation" bei minimalen Kosten ermöglichen, begrüße ich die Angaben eines kritischen Palästinensers und würde mich freuen, auf seiner Basis an einer größeren Aktion mithelfen zu können.

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