Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 1 (5.1.1912)
- Date
- 1912-01-05
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 1 DIEl^ELT- 13 Zur Diskussion der Kolonisationsfrage Von Davis Trietsch (Berlin). Es ist doch heute schon besser als es war. Vor genau neun Jahren — nämlich in der ersten Januarnummer des Jahrgangs 1903 — war in dieser Zeitschrift schon einmal versucht worden, die Frage der Organisation der jüdischen Wanderung zur öffentlichen Diskussion zu bringen. Kurze Zeit darauf wurde auf Grund eben äieses Artikels die Errichtung eines Emigrationsamtes in Aussicht gestellt. Es sollte zum Herbst des Jahres 1903 ins Leben treten, als Sitz der neuen Institution war Berlin vorgesehen, und es ging aus der im Einverständnis mit Dr. H e r z 1 in der „Welt" veröffentlichten Erklärung hervor, daß die Leitung der Sache mir übertragen werden sollte. Trotz der überragenden Wichtigkeit des Themas und trotz der doch immerhin sehr merkwürdigen besonderen Umstände — trotzdem überdies um Zuschriften aus dem Leserkreis direkt ersucht worden war, kam absolut nichts: nicht ein Brief und nicht eine Postkarte.' Ja, es ist mir nicht einmal bekannt geworden, daß in der zionistischen Presse die Sachei rgendwie weiter erörtert worden sei. (Dies letztere ist um so merkwürdiger, als ich von nicht-zionistischer Seite aufgefordert wurde, das Projekt eines jüdischen Emigrationsamtes in allgemein-jüdischen Blättern zu behandeln.....)i Heute — wie gesagt, halten wir doch weiter. Auf meine Artikel in den November- und Dezemberheften der „Welt" ist bereits eine Einsendung erfolgt und zwar von einem so guten Palästinenser wie unserem Freunde Jehoschua Feldmann in Jaffa, und ich hoffe, daß schon die erste Antwort nicht ohne praktische Folgen bleiben wird. Es ist freilich nicht von mir zu erwarten, daß ich mich mit Feldmanns allgemeinen Ausführungen einverstanden erklären könnte. Dazu pendeln seine Aeußerungen zu sehr zwischen — wenn auch gut gemeinter — Ironie und Anerkennung hin und her. Andererseits möchte ich mit ihm nicht streiten, sondern versuchen, aus dem Material, das er uns hier geboten hat, etwas Positives zustande zu bekommen. — Ein paar Bemerkungen über den polemischen Teil seines Artikels können trotzdem nicht ganz unterdrückt werden. Zunächst: Es ist eine übertriebene Art der Betrachtung, sich um eine große Einwanderung erst dann kümmern zu wollen, wenn das Problem der kleinen Auswanderung aus Palästina beseitigt sei. Auswanderung und Einwanderung gehen in den meisten Fällen nebeneinander her. Zu einer gesunden großen Einwanderung gehört sogar eine Auswanderung ungeeigneter oder unzufriedener Elemente. Ja, sogar: sehr gute Elemente werden sich zur Auswanderung veranlaßt sehen, wenn beispielsweise die durch die Einwanderung auf eine gewisse Höhe gebrachte Produktion des Landes die Möglichkeit bietet, anderwärts den Vertrieb der Produkte zu organisieren und zu leiten. Wir haben z. B. gesehen, daß die Weinindustrie Palästinas einer ganzen Anzahl ziemlich bekannter und guter Palästinenser Veranlassung gab, sich im Ausland niederzulassen. Wenn wir einmal hundert solche Industrien und dergleichen haben werden, so hoffe ich, daß jährlich einige hundert guter Leute zu längerem oder auch dauerndem Aufenthalt ins Ausland gehen, um die Interessen des Absatzes usw. zu fördern. Es ist selbstverständlich, daß wir i m allgemeinen trachten müssen, brauchbare Elemente im Lande zu behalten, aber niemals darf übersehen werden, daß die Auswanderung aus Palästina im schlimmsten Falle eine sehr kleine Frage ist, im Gegensatz zu der sehr großen wünschenswerten und möglichen Einwanderung. Herr Feldmann wendet sich dagegen, daß Kolonisten ihre „ganze wirtschaftliche Existenz" auf die Kultur des Oelbaums gründen. Darin bin ich ganz seiner Ansicht. Wenn ich das Beispiel dieser Kultur so oft anführe, so geschieht es deshalb, weil ich nach all der offiziellen Propaganda für diese Spezialsache am besten mit sozusagen „bekannten Größen" operieren kann. Zahlreiche andere Kulturen sind ebenso gut und besser, und bei vielseitiger Wirtschaft werden vollständige Fehlschläge oder Mißernten am besten vermieden. Aber das sind Selbstverständlichkeiten, über die man mich wirklich nicht zu belehren braucht. Der verschiedene Ausfall der Ernten bei Oelbaumpflanzungen, über den sich Feldmann mit einer für einen Palästinenser auffallenden Unbestimmtheit ausdrückt, ist gleichwohl kein Argument gegen diese Kultur. Entsprechende Organisation ist imstande, noch viel größere Ungleichheiten zu bewältigen. Beispiel: die Lebensversicherung! Ein Versicherter stirbt gleich beim Inkrafttreten seiner Police, ein anderer lebt siebzig Jahre länger. Lebensversicherung ist trotzdem eines der besten Geschäfte in der ganzen Welt. Hier ist der Unterschied sicher größer als bei den wechselnden Erträgen des Oelbaums, die noch dazu der Hauptsache nach durch bessere Erntemethoden ausgeglichen werden können und in fortgeschritteneren Ländern kaum eine Spur von den großen, im Orient üblichen Schwanktingen zeigen. Auch wenn Herr Feidmann die Gründung von Ortsgruppen für bestimmte Bestrebungen in Palästina selbst in Vorschlag bringt, oder wenn er dem Turnen das Wort redet, kann ich ihm nur beipflichten und ihm raten, diese Anregungen an den ihm bekannten zuständigen Stellen vorzubringen. Hingegen muß ich seine Bedenken bezüglich der Schädigung der Volksgesundheit durch gewisse Industrien doch zurückweisen. Die Volksgesundheit wird nämlich durch das Fehlen solcher Beschäftigungen noch viel mehr geschädigt, und auch die Auswanderung, die Feldmann so beklagt, ist gerade hierauf zurückzuführen! — Wenn es Industrien oder Hausindustrien gibt, die gesundheitsschädigend wirken können, so ist darauf zu erwidern, daß wir Mittel und Wege finden müssen, solchen Schädigungen entgegenzuarbeiten. Außerdem aber ist die Sache nicht so schlimm, wie Feldmann befürchtet, denn die klimatisch soviel günstigeren Landesverhältnisse Palästinas schalten fast alles aus, was anderwärts durch Mangel an Luft und Licht, durch mangelhafte Heizungsanlagen und dergleichen an Schädigungen in Betracht kommt. Schließlich aber wollen wir doch nicht fortwährend den einen Fehler machen, zu verlangen, daß mit der Kolonisation in Palästina gleich alle Fragen mit einem Male gelöst werden sollen. Wenn beispielsweise in irgendeinem schmutzigen Nest Tausende von Juden in schlechten Verhältnissen leben, so bin ich für djen Anfang schon damit ziemlich zufrieden, wenn sie einstweilen unter gerade so schlechten Verhältnissen in das neue Land gebracht werden könnten. Darin läge schon die eine (und meiner Ansicht nach wichtigere) Hälfte ihres Problems. % Für die Lösung der anderen Hälfte kann dann weiter gesorgt werden. Wer warten wollte, bis die Betreffenden unter einwandfreien Verhältnissen in das neue Land kommen könnten, der kann geradeso gut auf den Messias warten. Soziale Schäden müssen schrittweise bekämpft werden. Daher das Wort Fortschritt. Theoretiker, die gegen eine nicht vollständige Lösung eifern, schaden mehr als sie nützen, denn im