Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 1 (5.1.1912)
- Date
- 1912-01-05
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Frage der Taktik, die seiner Ansicht nach durch die logisiche Anwendung der oben festgelegten Grundsätze stich von selbst ergibt. , 4 Das Referat wurde mit großer Spannung angehört und durch lebhafte Beifallsrufe belohnt. Dr. Reich proponierte nicht die Scheidung der Landespolitik vom Zionismus und die Schaffung einer besonderen Organisation für die erstere, er kam vielmehr vor der Landeskonferenz oder während derselben zur Ueberzeugung, daß diese Scheidung lieber in eine Arbeitsteilung umzuändern sei^ und befürwortete dieselbe im Permanenzausschuß, der ernst und intensiv über diese wichtigen Fragen nachsann. Im Plenum wurde nur die Frage des politischökonomischen Programmen der Gegenwartsarbeit aufgeworfen und die Diskussion durch Dr. Reich inauguriert. Hiermit wurde der erste Tag um 9 Uhr geschlossen. Zweiter Tag. Die Sitzung des zweiten Tages wurde vormittags um 10 Uhr eröffnet. Das Präsidium führt Adolf Stand. Die Generaldebatte dauert fort. Dr. F e 1 d m a n n (Zloczow) behauptet, die Leitung habe den Kontakt mit den Massen verloren und begreife nicht das historische Judentum. Die Landespolitik ist eine lokale Frage und gehöre nicht zum Zentralkomitee. Sie muß ausgeschieden werden. In unserem Programme hat nur die ökonomische und kulturelle Arbeit zu bleiben. Joachim N e i g e r (Tarnow) ist gegen den Ausschluß der Landespolitik. Unser Sieg vor vier Jahren wurde unser Verhängnis, weil wir statt langsam und stetig die Judenheit zu erobern, auf weitere Wunder rechneten. Das muß aufhören. Auch die Taktik war falsch. Die Aktion in der Schänkerfrage und der Volkszählung war nicht das Werk des Zentralkomitees, vielmehr war es das Zentralkomitee, das die westgalizischen Kandidaturen bagatellisiert hat. Dr. Schmorak (Stryj) wünscht die Uebergabe der Landespolitik an irgendeine andere Organisation und die Entlastung der zionistischen. Auf Antrag des Präsidiums wird beschlossen, die weitere Debatte gemeinsam über die bisher erstatteten Referate zu führen. Im Namen der zionistischen Frauenorganisation spricht Frau Katz (Stryj), die unter großem Beifall eine stärkere Würdigung der von zionistischen Frauen geleisteten Parteiarbeit verlangt. Dr. Glasberg (Brody) verweist auf den notwendigen Kontakt zwischen dem Zentralkomitee und den Lokalorganisationen. Dr. Wal d mann (Tamopol) ist gegen die Gründung einer besonderen jüdisch-nationalen Partei. Die Frage ist jetzt nicht akut, sie wäre es, wenn wir gesiegt härten, Redner bekämpft den Standpunkt des Herrn Dr. Reich in der ökonomischen Frage er behauptet, daß die Aufgabe der zionistischen Partei in der Organisation des Betriebskapitales in kooperativer Form bestehe. Die wichtigste Aufgabe sei die Regelung der Auswanderung. Der Ausgangspunkt aller unserer Aufgaben ist die zionistische Lösung der Judenfrage. Was auf diesem Wege liegt, gehört zum Programm. Leon B ox en bau m (Kolomea) macht dem Zentralkomitee Vorwürfe betreffs Vernachlässigung des Lemberger Mandates. Rabbiner Weber beantragt die Schaffung eines allgemeinen jüdischen Hilfsvereins mit einem Arbeitsvermittlungsbureau und Arbeiterkassen., Leon Wechsler (Buczacz) bemängelt das Referat des Herrn Dr. Reich. Die Propositionen des Herrn Dr. Reich sind einem normalen Volke angepaßt, wir aber entwickeln uns anormal. Wenn dem so wäre, wie Dr. Reich es haben möchte, so brauchten wir gar keinen Zionismus. Er spricht sich gegen eine nationale Kurie und gegen die Aufstellung ein es Nationalitätenprogra mm es aus. Hierauf wird unter allgemeinem stürmischen Beifall ein Brief des Herrn Dr. Schmarja L e v i n an die Landeskonferenz verlesen, in welchem Dr. Levin seinen früheren mündlichen- Antrag auf Gründung eines galizischen Beth-ha-am! in Jerusalem der Konferenz aufs wärmste empfiehlt. Das Präsidium teilt mit, daß für diesen Zweck auf der Konferenz bereits 800 Kr. gesammelt wurden. (Beifall.) Mit gleich stürmischem Beifall wurde auch der herzliche Brief des Engeren Aktionskomitees verlesen. An der weiteren Debatte nahmen die Herren Hochmann, pr. Schmorak, Dr. Pi 1 s e r und Tr op teil. Der letztere berichtete im Namen des Legitimationsausschusses, daß ein einziges Mandat ungültig erklärt wurde. Präsident Adolf Stand erteilt unter allgemeinem Jubel in hebräischer Sprache das Wort Herrn Dr. Osias Thon zum Referate über die kulturellen Aufgaben. Der Referent untersuchte in einer längeren hebräischen Rede die sich heute darbietenden Möglichkeiten einer intensiven Kulturarbeit und beantragte eine Reihe von Resolutionen, die beifällig angenommen wurden. Besonders starkes Gewicht legte der Referent auf die Förderung der starken neuhebräischen Strömung im Lande. Die Resolutionen lauteten: 1. Die galizisch-zionistische Landeskonferenz verpflichtet alle Zionisten, die hebräische Sprache selbst zu lernen und ihre Kinder in hebräischem Geiste zu erziehen. 2. Die Landeskonferenz betrachtet die Verbreitung der hebräischen Sprache und Literatur als eine der Hauptaufgaben der zionistischen Organisation. 3. Die Landeskonferenz verpflichtet die galizischen Zionisten, alle existierenden kulturellen Organisationen und Institutionen zu unterstützen. Das Zentralkomitee wird aufgefordert, seinen ganzen Einfluß auf die Unterstützung und Förderung der kulturellen hebräischen Bemühungen zu verwenden. Diie Resolutionen wurden ohne Debatte einstimmig angenommen. Frau Budracki (Drohobycz) agitiert für das unter der bewährten Leitung der Frau Melzer stehende jüdische Mädchenpensionat, wonach auf Antrag des Herrn Dr. Aschk e n as e die Generaldebatte geschlossen wird. Dr. Michael Ringel verteidigt das Zentralkomitee gegen die heute erhobenen Vorwürfe. Auf Antrag des Herrn Horowitz aus Kossow wird dem abtretenden Zentralkomitee das Vertrauensvotum und der Dank für seine Tätigkeit einstimmig ausgesprochen. Das Präsidium schlägt die Absendung von drei Begrüßungstelegrammen und zwar an das E. A. C, die Brünner Konferenz und Herrn Dr. Marcus Braude (Lodz) vor. Der Antrag wird beifällig angenommen. Im Namen des Permanenzaussehusses referiert Dr. Laufer. Der Permanenzausschuß habe in langen ununterbrochenen Sitzungen nach reiflicher Ueberlegung beschlossen, der Konferenz folgende Anträge vorzulegen. Betreffs der zionistischen Landespolitik: 1. Die zehnte Landeskonferenz der galizischen Zionisten hält am Beschlüsse der VI. Landeskonferenz fest, kraft dessen die politische, ökonomische und kulturelle Tätigkeit im Lande einen wesentlichen Bestandteil des Arbeitsprogrammes der galizischen zionistischen Organisation bildet; die zehnte Landeskonferenz befürwortet auch fernerhin alle Bestrebungen zur politischen, ökonomischen und kulturellen Hebung der galizischen Judenheit. In punkto Organisation: 1. Die Distrikte werden beibehalten. 2. Die entsprechenden Bestimmungen des Organisationsstatuts werden in der Richtung geändert, daß jede Gruppe von 200 Genossen höchstens 6 Delegierte zur Landeskonferenz zu senden berechtigt ist, Gruppen von 200—500 haben das Recht, für je weitere 50 Genossen einen Delegierten zu wählen. Gruppen von mehr als 500 einen Delegierten für je weitere 100 Genossen. 3. Es wird als neue Parteiinstanz zwischen dem Zentralkomitee und der Landeskonferenz ein Parteirat aus 30 Mitgliedern gewählt. 4. Das Zentralkomitee besteht aus 1 Präsidenten, 2 Vizepräsidenten und 6 Mitgliedern und hat kein Recht der Kooptation. Dr. Jonas beleuchtet im Auftrage des Permanenzausschusses die Rolle, welche Herr Dr. Kipper im letzten Wahlkampfe gespielt hat und beantragt im Namen des Permanenzausschusses Decharge für Dr. Zipper. Die Organisationsdebatte nimmt einen lebhaften, stellenweise sehr erregten Verlauf. Dr. Reich (Lemberg) ist der Meinung, der Permanenzausschuß sei seiner Aufgabe nicht gerecht geworden. Redner habe ein Programm vorgelegt, der Permanenzausschuß sei mit einer Resolution gekommen, die eben jenen status quo ante einführt, der allgemeine Unzufriedenheit erregt. Seiner Ansicht nach sind die breiten Volksschichten nur in einer besonderen jüdisch-nationalen Organisation zu organisieren. Er befürwortete