Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 1 (5.1.1912)
- Date
- 1912-01-05
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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X. Landeskonferenz der galizischen Zionisten in Stanislau (Eigener Berich t.) Die zehnte Jahreskonferenz der galizischen Zionisten fand Sonntag, den 25. Dezember 1911, zum ersten Male in einer Provinzstadt, in Stanislau, statt. Anwesend waren aus 100 Städten des Landes ca. 200 Delegierte, die vor Eröffnung der Konferenz in lebhaftem Meinungsaustausch die Tische und die Tribüne umstanden. Lauter alte, aus besseren Zeiten einander bekannte Gesichter, Opposition und „Regierung" von einem Gedanken beseelt, alles zu tun, daß die Arbeit rascher, besser, fruchtbarer weitergehe. Um 10 Uhr eröffnete Adolf Stand die Konferenz durch eine kurze, von öfteren Akklamationen unterbrochene Ansprache, in der er den leitenden Gedanken der jetzigen Konferenz Ausdruck verlieh. Als erste Pflicht, die er gerne erfülle, betrachte er, der Redner, dem engeren A. C. das Vertrauensvotum und die Versicherung der unverbrüchlichen Treue zur Idee zu übermitteln. Ferner begrüße er die in Brünn tagende westösterreichische zionistische Landeskonferenz. Redner entwirft dann in kurzen Worten ein Bild der heutigen Situation im Zionismus im allgemeinen und der galizischen Organisation im besonderen und fordert die Versammelten auf, die nächsten Monate einer intensiven Palästinaarbeit zu widmen. Insbesondere soll sich die gesamte Organisation dafür einsetzen, die Herrn Dr. S. L e w i n für den Zentrair fonus zugesicherten 30 000 Kronen baldigst zu sammeln. Galizien muß aufhören, ein passives Land zu sein. Zur Gegenwartsarbeit übergehend, betont der Redner, die jetzige politische Lage der galizischen Judenheit zwinge die Zionisten, am Wahlkampfe Anteil zu nehmen und überhaupt Landespolitik zu treiben. Redner sei überzeugt, daß unsere landespolitische Arbeit die Hebung der galizischen Judenheit in politischer und ökonomischer Hinsicht bewirke und deshalb in der Entwicklungslinie unserer Palästinabewegung liege. Judaei sumus, nil Judaei nobis alienum puto. — Die zehnte Konferenz ist, wie der X. Kongreß, eine Jubiläumskonterenz, sie fällt auch mit dem Jubiläum des Jüdischen Nationalfonds zusammen. Sie soll, wie der X. Kongreß, auch eine Friedenskonferenz sein. — Nach der Wahl des Bureaus hält der Präsident der Versammlung, Adolf Stand, dem verstorbenen Reichstagsabgeordneten Dr. Heinrich Gabel einen warmen Nachruf, der von allen stehend angehört wurde. Im Namen des abtretenden Zentralkomitees gab Dr. Michael Ringel den in unserer vorigen Nummer wiedergegebenen Rechenschaftsbericht, in dem Dr. Ringel nicht nur die Tätigkeit des Zentralkomitees selbst, sondern auch alles schilderte, was Dank den Bemühungen einzelner Mitgieder oder einzelner Organisationen geschaffen wurde. Referent nahm dabei die Kongreßberichte zum Muster, und gab in seinen zweistündigen Ausführungen ein ziemlich genaues Bild dessen, was seit den letzten 20 Monaten im zionistischen Leben Galiziens geschah. Die von ihm angeführten Ziffern sprechen eine beredte Sprache für die Stärke der zionistischen Idee in unserem Lande. Aehnlich wie sein Vorgänger, verteidigte Dr. Ringel mit Wärme den Standpunkt des Zentralkomitees, daß die Landespolitik ein integrierender Bestandteil unseres zionistischen Landesprogrammes darstellt. Der Bericht schloß mit dem Hinweis auf die starke Entwicklung unserer ökonomischen Institutionen, insbesondere der Kreditunion, und auf die ungeahnte Blüte der junghebräischen Bewegung, die sich im Hebräertag und dem hebräischen Schulverein äußere. Der Bericht wurde aufmerksam angehört, stellenweise, wie bei der Erwähnung des Hebräertages, lebhaft akklamiert. — Hierauf wurde die erste Sitzung geschlossen. Die Mittagspause wurde zu lebhaften Auseinandersetzungen über den Rechenschaftsbericht verwendet. Die Opposition ließ sich in zwei Gruppen scheiden, von denen die einen mit der Summe der rein zionistischen Arbeit der Parteileitung wenig zufrieden waren, die zweiten in der politischen Tätigkeit selbst Fehler und Mißgriffe auszusetzen hatten. Die ersten schwiegen, die zweiten kündigten scharfe Kritik an. Sie waren es auch meistens, welche die Generaldebatte durch fast volle zwei Tage unermüdlich führten. Als erster Redner sprach Dr. P i I s e r aus Krakau gegen den Rechenschaftsbericht, der seiner Meinung nach alles andere enthalte, als den Bericht über die Tätigkeit des Zentralkomitees. Die Parteileitung habe nichts geleistet, die Organisation sei nicht durchgeführt, die kulturellen Bestrebungen mancher Gruppen seien ungenügend oder überhaupt nicht unterstützt, die zionistische Presse schlecht geleitet worden. Die Landespolitik sei von der Parteileitung nur als Wahlpolitik aufgefaßt, und die Zeit zwischen den Wahlen vernachlässigt worden. Während der Wahlaktion selbst seien grobe Fehler und taktische Mißgriffe vorgekommen, die jedwedes Vertrauen der Leitung gegenüber schwer, wenn nicht unmöglich, machen. Löbel Taubes kritisiert scharf die Taktik des Zentral komitees während der Wahlen, und wirft ihm Nachlässigkeit in der Volkszählungskampagne vor. Juda Born stein (Debica) verstärkt durch seine kritischen Ausführungen die oppositionelle Stimmung. Er spricht im Sinne seiner Vorgänger. Dr. Gerschon Zipper verteidigt das Zentralkomitee, resp. sich selbst als der Leiter des Zentralwahlkomitees gegen die schweren Vorwürfe der Opposition. Redner versucht auf Grund einer interessanten Schilderung der Situation während der Wahlen den Vorwurf zu entkräften, daß die Parteileitung Kompromisse eingegangen ist, er beweist, daß die weite Front, welche durch Aufstellung vieler Kandidaten verursacht wurde, ein Gebot der Ehre und die Zurückziehung der westgalizischen Kandidaturen ein Akt politischer Weisheit war. An der Niederlage sind die Verhältnisse schuld, nicht die Männer der Leitung, die ihr Bestes getan. Hierauf wurde die Generaldebatte unterbrochen, und Dr. David Schreiber nahm das Wort zum Referate über die Organisation. Dr. Schreiber beantragt die Abschaffung der Distrikte, Kreierung eines Parteisekretariates, Wahl eines Parteirates und Aenderung in der Zusammensetzung des Zentral- .komitees. Seiner Ansicht nach soll das Zentralkomitee aus einem Präsidenten und acht Referenten bestehen, die von der Landeskonferenz gewählt und ihr persönlich für ihre Tätigkeit verantwortlich sein sollen. Diese Anträge wie auch kleine Aenderungen des Wahlmodus zur Landeskonferenz, der größeren Gruppen eine stärkere Vertretung ermöglicht, wurden dem Permanenzausschuß zur Beratung überwiesen, worauf Herr David Spin d ei sein Referat über die nächsten Aufgaben unserer Palästinaarbeit erstattete. Dr. Spindel entwarf im ersten Teile seines Referates die Geschichte der jüdischen Palästinakolonisation, berührte im zweiten Teile seiner Ausführungen fast alle unsere Institutionen, zu deren tatkräftigster Unterstützung er begeistert aufforderte, dann erwähnte er besonders die von Dr. Lew in beantragte Gründung eines Beth-ha-ain (Volksheim) in Jerusalem und die P. L. D. C., die er in den Mittelpunkt des allgemeinen Interesses zu stellen bemüht war. — Seine warmen Worte wurden von allen, ganz besonders aber von der dichtgedrängten Zuhörerschaft beifällig unterstrichen. Als dritter referierte Dr. Leon Reich über unsere politischen und ökonomischen Aufgaben. Wir wurden stets, wie ein Blick auf die historische Entwicklung beweist, als besondere Volksgruppe betrachtet, wir sind es auch und haben als solche das Recht, an den Staat Forderungen in politischer, ökonomischer und kultureller Hinsicht zu stellen. Die Basis unserer politischen Entwicklung kann nur die nationale Autonomie sein. Aus diesem Grundprinzip ergeben sich unsere politischen Forderungen ganz von selbst. Wir verlangen allgemeines, gleiches, direktes, geheimes Wahlrecht in alle autonomen gesetzgeberischen Körperschaften, nationale Kurien im Parlament und Landtag, wir verlangen den uns gebührenden Anteil an der Führung der Staatsgeschäfte und die Abschaffung aller gesetzgeberischen und faktischen Hindernisse auf dem Wege zu unserer vollständigen Gleichberechtigung. Oekonomisch ist unsere Partei die Vertreterin der kleinen Bourgeoisie, wiewohl sie sich der Vertretung der anderen Volksschichten mit Rücksicht auf die anormale Oekonomik der Juden nicht entschlagen kann. Redner stellt eine Reihe von Postulaten ökonomischer Natur auf, welche die notwendigen Reformen auf allen Gebieten des Erwerbslebens umfassen und in erster Linie auf die Hebung des Kaufmanns- und Handwerkerstandes abzielen. In kultureller Hinsicht verlangt Redner vom Staate die Anerkennung unserer Volkseinheit und Besonderheit, die Einführung des Hebräischen in Volks-, Mittel- und Hochschule, überhaupt in Schulsachen das Selbstbestimmungsrecht, nach innen verlangt Referent die Eroberung der Kultusgemeinden und Nationalisierung der bestehenden Formen der jüdischen Assoziationen. Schließlich streift Redner die