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Die Welt · 1912-01-05 · 1 (5.1.1912) · page 6

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Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
1 (5.1.1912)
Date
1912-01-05
Page
– (sequence 6)
Language
German
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8 DIEIaEELT Nr. 1 Nachmittagssitzung. Unter gespannter Aufmerksamkeit des Parteitages — die Galerien sind überfüllt — hält Dr. Jakob Ehrlich sein Referat über „Die nationalen Aufgaben der Juden." Redner ändert zunächst diesen Titel. Das Thema midi heißen: Die nationalen Aufgaben der Zi-o n ist un. Wir müssen uns vorläufig damit abfinden, daß wir nur dem in unserem Lager stehenden, leider noch geringen Bruchteil der westösterreichischen Judenheit eine bestimmte Haltung in nationalen Fragen vorschreiben können. Wenn man die jüdischen Führer dieser Stadt, die durch ihre geradezu frivole deutsehnationale Politik durch Jahrzehnte einen von Haus aus kraftigen Teil des Judentums pauperisieren und entnationalisieren, über die nationalen Aufgaben der Juden befragen wollte, wird man vermutlich eine Antwort bekommen, die uns nicht behagen kann. Aber auch von größeren politischen Kapazitäten trennt uns die Kluft der Weltanschauung. So erfolgte z. B. die Anerkennung der jüdischen Sozialdemokratie seitens Daszyn sk i s und I) i a m a n t s mit der famosen Begründung, diese Organisation sei 'für jene Genossen da, die noch nicht zur polnischen Kultur emporgehoben worden seien, also vorerst eines Reinigungsbades, einer sozialistisch eingerichteten Assimilationsanstalt bedürfen. Unser Gegensatz /um assimilatorischen Judentum ist unerfreulich, aber nicht beschämend. Betrübend aber ist die Tatsache, daß nach 3 Lustren Kongreßzionismus im zionistischen Lager eine Debatte über die Grundprinzipien der nationalen Betätigung der Zionisten nötig ist. Zionismus ist die Lebensbejahunodes Judentums, Assimilation gewollte Auflösung. Zwischen Leben und Tod gibt es nur einen Kampf, in dem ein Teil siegen muH. Aus einem Kompromiß zwischen Leben und Tod aber ergibt sich das Siechtum. Z i o 11 i s m us i s t n i c h t s anderes als der bis zu r letzten K o n s e q u e n / d 11 r c h g e f ü h r t e nationalj ü d i s c h e G e d a n k e. Z i o n i s m u s o h n e N a t i o n a 1 - j udcntum i s t e b e n s o e i 11 U 11 d i n g , \v i e National- Judentum o h n e Z i o n i s m u s. Referent zitiert das von Her/.l verfaßte Programm der „Welt'-' und den Ausspruch des Führers: „Werdet Nat Fori a 1 j u den, dann reden wir weiter\" Seit dem ersten Auftreten Herzls durfte kein Zweifel darüber herrschen, daß wis uns nicht nur mit der reinen Palästinaarbeit zu befassen haben, sondern berechtigt und verpflichtet sind, allen anderen jüdischen Angelegenheiten unsere beständige Aufmerksamkeit zu widmen. Die Frage, ob sich Zionisten politisch betätigen dürfen, ist durch die Vorfrage bedingt, ob sich die J u d e n politisch betätigen sollen. Wird die Vorfrage bejaht - und eine Verneinung würde die Preisgabe unserer Rechte in den einzelnen Ländern bedeuten - dann ist auch die Frage nach der politischen Betätigung der Zionisten entschieden. Seit Einführung des allgemeinen Wahlrechts obliegt uns ganz besonders die Pflicht, die jüdische Bevölkerung nicht der Führung der Assimilanten zu überlassen. Wir kommen zu ihr, wenn wir sie brauchen und haben daher nicht das Recht, sie unberaten zu lassen, wenn sie unseres Rates bedürftig sind. In politisch bewegten Zeiten genügt es nicht, vom Nationalfonds und vom hebräischen Gymnasium zu reden — wie ja auch der Sozialist dem Arbeiter, der vor der Frage des Streiks steht, nicht vom Zukunftsstaat 'erzählen wird. N o r d a 11 s Wort: „In unserem Lager ist Israel, ihr andern seid müßige Trümmer", darf nicht leerer Schall sein. Der Zionismus verpflichtet nicht zur innerpolitischen Betätigung, aber er berechtigt dazu. Kein Zionist dart jedoch f r e m dnation a 1 e Politik treiben. Redner verurteilt die Olmützer Zionisten, die für einen Kandidaten des judenfeindlichen, reaktionären Nationalverbandes eintraten und gegen seine (des Redners) Zählkandidatur mit schwerem assimilatorischen Geschütz auffuhren. Die politische Betätigung der Zionisten ist wünschenswert und nötig — sofern sie nicht als Selbstzweck aufgefaßt wird, sondern nur als Mittel zur Erreichung des zionistischen Endzieles. Daß das innerpolitische Problem gerade in Oesterreich brennend werde, hängt mit der nationalen Struktur dieses Landes zusammen. ,,Die heutige Debatte fände nicht statt, wenn ,Öesterreichertum' ein nationaler Begriff wäre." Unsere Parole ist: Alle jene öffentlichen Stellen, die von Juden vergeben werden, müssen die Zionisten in die Hände bekommen. (Lebhafter Beifall.) Dr. Ehrlich schlägt folgende Resolutionen vor: 1. In LJebereinstimmimg mit den Beschlüssen des Krakauer Parteitages vom 1. Juli 1906 begrüßt der III. westöstefctreichische Zionistentag die nationalpolitische Betätigung der Juden aufs wärmste und erklärt: Da bei den gegenwärtigen in Oesterreich herrschenden Verhältnissen ein politischer Zusammenschluß der österreichischen Juden auf national-jüdischer Basis geeignet ist, dieselben wirtschaftlich und moralisch zu stärken, ihr Volksgefülil zu kräftigen, ihre Beziehungen zu klären und auf eine gesündere Grundlage zu steilen und insbesondere die Anerkennung der nationalen Existenz des jüdischen Volkes und dessen volle Gleichberechtigung unter den übrigen Völkern durchzusetzen, so erscheint ein politischer Zusammenschluß der österreichischen Juden als ein wichtiges Mittel zur Erreichung des zionistischen Endzieles. 2. Ein solcher Zusammenschluß kann jedoch nur dann dem zionistischen Endziele förderlich sein, wenn er auf rein nationaljüdischer Basis erfolgt. Der III. westösterreichische Zionistentag begrüßt daher die Wirksamkeit des „Jüdischen Nationalvereines für Oesterreich^, welcher einen derartigen Zusammenschluß darstellt und fordert jene Zionisten, welche sich innerpolitisch betätigen wollen, auf, in Uebereinstimmung mit dem genannten Vereine vorzugehen und ihn aufs kräftigste zu fördern. Die Debatte. Professor Dr. E n g e 1 beantragt folgende Zusatzresolution: „Der III. westösterreichische Parteitag erklärt die Einberufung einer nur politischen Konferenz für notwendig und ersucht den jüdischen Nationalverein, die diesbezüglichen Vorbereitungen ehestens einzuleiten." Dr. Hermann K a d i s c h: 5 Jahre nach dem Krakauer Parteitage und 31 :. Jahre nach der Wahl zionistischer Abgeordneter ist die endliche präzise Beantwortung folgender Fragen underläßlich: Sollen wir uns mit jüdischer Politik befassen? Wer soll das tun? Welchen Inhalt muß die Politik haben? Ist man der Meinung, daß der Zionismus die Erhaltungdes jüdischen Volkes bezweckt, hat man erkannt, daß man nicht nur für das Volk ein Land braucht, sondern auch f ü r d a s Land ein jüdisches und kein d e u t s c h n a t i o n a 1 e s, tschechisch radikales oder a 11 p o I n i s c h e s Volk, dann ist die erste Frage b e j a h t. Die zweite Frage ist eine technische Frage, die in den vorgeschlagenen Resolutionen des Referenten beantwortet ist. Die dritte Frage wird der angeregte, sehr dringende politische Parteitag behandeln müssen. Nur soviel: Die Politik muß einheitlich sein. Wenn wir auch 25 Abgeordnete hätten, und ihre Politik wäre nicht einheitlich, würden wir nichts erreichen und — was sehr wichtig ist — keine Bundesgenossen finden. Dagegen kann ein politisch geeinigtes jüdisches Volk in Oesterreich auch ohne Mandate sehr viel erreichen. Mandatshascherci muß uns fremd bleiben. Wirtschafts- und Kulturpolitik sind wichtiger als Parlamentspolitik. Redner lenkt die Aufmerksamkeit auf die türkenfreundliche äußere Politik Oesterreichs, die für den Zionismus von Bedeutung sei. (Starker Beifall.) Dr. Ignatz Zollschan: Mit Rücksicht auf die angekündigte politische Tagung unterlasse er es, seinen abweichenden Standpunkt in der Frage der Landespolitik in pragmatischem Zusammenhange zu entwickeln. Er sei für die vorgeschlagenen Resolutionen in ihrer allgemeinen Fassung, aber gegen die Art der politischen Betätigung selbst. Die j ü d i s c h n a r i o n a I e M a n d a t s p o I i t i k sei unzweckmäßig. Sie sei die Ursache der Zweiteilung der österreichischen zionistischen Organisation gewesen und beeinträchtige die Werbekraft unserer Idee in den intellektuellen und bürgerlichen Schichten. Zollschan bezweifelt, daß Landespolitik in rein nationaljüdischem Sinne vorteilhaft ist, weil sie seiner Ansicht nach wirtschaftliche Degeneration und Proletarisierung im Gefolge hätte. Er glaubt, daß die Juden als freie Verbündete anderer großer Parteien mehr erreichen. Jedenfalls sei die Frage noch problematisch und bedürfe der theoretischen Klärung. Adolf Böhm bekämpft die Ansicht Zollschans, billigt ihm aber zu, ein tiefes Problem berührt zu haben. Jüdischnationale Politik muß sich unbedingt von der nassiven und persönlichen Politik der Assimilanten unterscheiden durch aktive jüdische G r u p p e n T> o I i t i k , deshalb muß man derentarteten Assimilationspolitik entgegentreten. Dringend nötig ist allerdings die Schaffung theoretischer Grundlagen.

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