Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 1 (5.1.1912)
- Date
- 1912-01-05
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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führt und wird kaum einen ständigen Einfluß auf die mohammedanische Bevölkerung ausüben. Dagegen ist die Haltunjg der Jungtürken eine viel ernstere Sache für den Fortschritt unserer Arbeit, und es kann nicht abgestritten werden, daß wir einigen Grund zum Mißtrauen gegeben haben. Eine große Anzahl der jüdischen Ansiedler bleiben fremde Untertanen. Selbst solche, die schon längere Jahre im Lande weilen, haben sich unter den Schutz auswärtiger Konsuln gestellt. Während die Türken die Juden als solche vermutlich willkommen heißen und ihren Wert als Kolonisten erkennen würden, stellen sie sich natürlich und selbstverständlich der Immigration von Juden feindselig gegenüber, die als Untertanen fremder Mächte kommen und den ausländischen Einfluß stärken, der die Integrität des ottomanischen Reiches überall bedroht. In dieser Beziehung dürfen die Zionisten keine schwankende Haltung zeigen. Wenn ein russischer, deutscher oder englischer Jude nach Palästina geht, um dort zu wohnen, so muß er sich sofort entschließen, seine Pflicht gegenüber der herrschenden Macht zu erfüllen. Es ist auch für unsere Beziehungen zu den Jungtürken von Nachteil, daß eine Anzahl jüdischer wie auch christlicher junger Leute das Land in den letzten Jahren verlassen haben, um der Militärpflicht zu entgehen. Die Dienstverhältnisse sind zweifellos sehr schwer: 3 Jahre in einer türkischen Kaserne, in der Gesellschaft von allerlei Arabern, ist keine sehr verlockende Aussicht; aber da sie ins Land gekommen sind und erklären, daß sie darum bemüht seien, es zu ihrer Heimat zu machen, so müssen die palästinensischen Juden die üblichen Lasten der Bürgerpflicht auf sich nehmen und alle angemessenen Mittel anwenden, um Reformen im türkischen Militär durchzusetzen, die den Dienst erträglicher machen. Es ist zweifellos leicht für uns, die wir in Europa sind, oder einen vorübergehenden Besuch im Orient abstatten, das Verhalten der palästinensischen Juden zu kritisieren. Aber wir müssen uns auch das Recht zur Kritik erwerben. Wir, die wir keine Zionisten in dem absoluten Sinne sind wie jene, tragen die Verantwortung dafür, daß ihre Position gestärkt wird, soweit wir dies durch unsere pekuniären Leistungen erreichen können. Wir sind dazu berufen, das Gebiet der landwirtschaftlichen Kolonisation zu erweitern, Industrien im Lande zu fördern, um Beschäftigung für die Tausende von halbbeschäftigten Juden zu schaffen, die in den Städten zusammengepfercht sind, die Lebensverhältnisse in den Heiligen Städten zu verbessern und es jeder jüdischen Familie zu ermöglichen, für moderne, hebräische Erziehung zu sorgen. Nur in dieser Weise können wir hoffen, die besten Kräfte der jüngeren Generation im Lande zu behalten. In den etwa 30 sich selbst verwaltenden jüdischen Dörfern, in den hebräischen Schulen, in der hebräischen Presse und in den jüdischen Stadtvierteln, die noch im Werden sind, haben wir die Samenkörner des jüdisch-nationalen Lebens. Aber wenn jene Samenkörner gute Früchte erzeugen sollen, bedürfen sie ständiger Nahrung und Pflege. Für diese zu sorgen ist die praktische Aufgabe unserer Bewegung. III. Westösterreichischer Zionistentag zu Brünn (Eigenbericht.) II. Verhandlungstag. Die Vormittagssitzung begann mit einem ausgezeichneten Referat des Parteisekretärs Gg. Kurt Blumenfeld über Die Lage des Zionismus nach dem X. Kongreß. Der Referent wart zunächst einen Rückblick auf die Entwicklung des Zionismus in Ost und West. Der Weckruf Herzls wurde im Westen anders vernommen und anders gedeutet als im Osten. Die Westjuden waren stark assimiliert und mit westlicher Kultur durchsetzt. Sie wurden gleichsam ,,Zionisten von Goethes Gnaden". Das Ausleben ihrer Freiheit konnten sie sich nach ihrem Fühlen nur in der Staatsform denken. Deshalb waren ihnen „Judenstaat" und „Zionismus" identische Begriffe und der Charter der Inbegriff des Zionismus. Für die stark nationalen Ostjuden hingegen mit ihrer eigenen, durch den Goius niedergehaltenen Kultur, war der Judenstaat nicht die Voraussetzung ihres Judentumes, sondern nur ein ideales Glücksziel, ein Symbol für ihre Sehnsucht. Der Chartergedanke wurde von der Erkenntnis verdrängt, daß die Erarbeitung Palästinas die erste Voraussetzung der Erlangung unserer Heimstätte ist und daß nur die Schaffung jüdischer Werte die Vererbung des Zionismus von Geschlecht zu Geschlecht verbürgt. Früher war der Zionismus i n e r s ter L i n i e die Idee der Beseitigung der J udennot, jetzt aber ist er die Idee der Erhaltung des Judentum s. Die Erhaltung des Judentums ist von der Erhaltung des Zionismus abhängig. Durch diese Leitgedanken, sowie durch den Grundsatz, daß der Zionismus niemandem ein bloßer „Standpunkt" sein dürfe und durch die Erfahrung, daß zwischen Zionist werden und Zionist sein ein großer Linterschied besteht, sind die Aufgaben der vom X. Kongreß gewählten Leitung gegeben. Vor allem ist das Palästinawerk auf das energischeste zu fördern. Es ist wünschenswert, daß sich in den nächsten 10 Jahren auch zahlreiche Westjuden in Palästina ansiedeln, um dem Lande ihre spezifischen westeuropäischen Kulturelemente zuzuführen. Die Leitung fordert in organisatorischer Hinsicht, daß jedes Land ein starkes Zentralbureau hat, welches mit jedem Zionisten des Landes in Kontakt steht. Nur so ist die Möglichkeit des Vertrauens gegeben. Die Zentralgewalten müssen verantwortungsvolle Arbeitszentren werden. Gerade weitgehende Pflichten der leitenden Komitees ermöglichen eine Kontrolle der unter ihnen stehenden Organe. Die Propaganda ist anders zu betreiben als bisher. Die Leitung will zionistische Propaganda in höherem Sinne am Werke sehen, eine Propaganda, die zur Vereinheitlichung und Verinnerlichung der zionistischen Gesinnung führt. „Wir verlangen von den organisierten Zionisten unerhörte Anstrengung in jeder Beziehung. Wir sind gegen alles gefeit, wenn j e d e r S c h e k e I z a h I e r Zionist ist!" (Stürmische Zustimmung. Referent wird beglückwünscht.) Dr. H a n t k e, Mitglied des E. A. C, legt die Notwendigkeit dar, daß Westösterreich eine entsprechende Quote zum Zentralfonds beitrage, die sich auf \S 000 Kronen belaufe, und bringt folgenden Antrag ein: „Der III. westösterreichische Zionistentag macht es dem neugewählten Z. K. zur Pflicht, das A. C. in der Ausgestaltung des Zentralfonds mit allen Mitteln zu unterstützen." Namens der drei Distrikte wird die Annahme des Antrages und die Zusicherung des geforderten Beitrages von Böhm, Dr. Margulies und Dr. Friedmann, namens der N. F. Leitung von Dr. Z w e i g warm unterstützt und der Antrag unter Ovationen für die zionistische Leitung in Berlin einstimmig akzeptiert. Antrag B a t 6: Der Zionistentag drückt dem E. A. C. volles Vertrauen und Dank für seine Leitung aus. (Die Versammlung erhebt sich zu einer begeisterten Kundgebung.) Die hierauf vorgenommenen Wahlen in den Zentralausschuß ergaben folgendes Resultat: Mitglieder: Dr. Margulies, Dr. Zweig, F i n z i, Prof. Engel. Ersatzmänner: Ob.-Ing. S t r i c k e r, L i c h t w i t z.