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Die Welt · 1912-01-05 · 1 (5.1.1912) · page 4

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
1 (5.1.1912)
Date
1912-01-05
Page
– (sequence 4)
Language
German
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6 DIE3 älteren jüdischen Kolonien wurden von Privatpersonen größere Kapitalien investiert, besonders für Orangenpflanzungen, und eine Anzahl vermögender Leute hat sich Villen gebaut. Die Verhältnisse der Kolonisten haben sich ständig verbessert, so daß die meisten von ihnen von der J. C. A. unabhängig sind. Die Gesellschaft Agudath Netaim, die ein besonderes Interesse für solche Zionisten hat, die größere Summen zu investieren beabsichtigen, erweitert ihre Operationen fortgesetzt. Die Anfänge zur wissenschaftlichen Erforschung der landwirtschaftlichen Möglichkeiten in Palästina sind von Herrn Aronsohn auf dem Gute der Versuchsstation in Athlit gemacht worden. Trotz dieser Tätigkeit aber sind die Fortschritte der landwirtschaftlichen Kolonisation jämmerlich klein im Vergleich zu dem, was noch zu tun übrig bleibt. Auch heute noch besitzen wir nicht viel mehr als den fünfzigsten Teil der Bodenfläche in Palästina, und der Zuwachs der jüdischen Landbevölkerung steigt nicht in richtigem Verhältnis zum Zuwachs der Stadtbevölkerung. Augenblicklich sind die Gelegenheiten zum Landkauf sehr günstig. Aber unsere Institutionen haben absolut keine Mittel dafür. Trotz der frommen Beschlüsse des Kongresses erhält die P. L. D. C. nicht die erforderliche Unterstützung seitens der Zionisten, die diese Kolonisationsgesellschaft verdient. Und wie groß auch der Fortschritt dqs jüdischen Lebens in den Städten sein mag, dürfen wir doch nie vergessen, daß eine gesunde und rationelle jüdische Ansiedlung in Palästina auf der Landwirtschaft basieren muß. In den Städten ist der Fortschritt sichtbarer als auf dem Lande. In Jaffa ist vor allem das Entstehen von Tel Avviw bemerkenswert, und wir hoffen, daß dieses nur das Vorbild einer ganzen Reihe solcher jüdischer Stadtviertel sein wird, die in jedem jüdischen Zentrum gebaut werden sollten. Die Jaffaer Gemeinde ist mit Recht stolz auf Tel Awiw, denn der Anblick eines so schönen und gut angelegten jüdischen Viertels an einer Stelle, wo vor drei Jahren nur Sandhügel waren, ist eine Augenweide. Wenn man wagen darf, etwas so Schönes zu kritisieren, möchte ich bemerken, daß dieses Viertel zu reich angelegt ist, und daß man bei ähnlichen Gründungen nicht nur Villen für Wohlhabendere, sondern auch Häuser und Wohnungen für Arbeiter anlegen sollte. In Haifa ist Land für ein jüdisches Viertel in der Nähe des Terrains für das Technikum bereits erworben und die Pläne für dasselbe sind schon entworfen. Die jüdische Bevölkerung in Haifa wächst fortdauernd, und es ist ein vortrefflicher Beweis des praktischen Sinnes der deutschen Zionisten, daß sich eine kleine deutsche Gruppe dort niedergelassen hat, um ihre Berufe zu betreiben. Fast alle jüdischen Gemeinden der Welt sind schon in Palästina vertreten, und die Mischung der Besonderheiten, die die Ansiedler von ihrer Heimat mitbringen, wird für die schließliche Entwicklung recht bedeutsam werden. In Jerusalem breitet sich die wachsende jüdische Bevölkerung längs der Hügel westlich und nördlich der Stadt aus, und je weiter sie sich von dem Mittelpunkt entfernt, desto mehr verlieren die Wohnungen den Ghettocharakter. Es herrscht in Jerusalem ein großes Bedürfnis nach Wohnungen in den Vorstädten. Das Problem der Chalukka bleibt so schwerwiegend wie es war, aber dennoch wird das jüdische Leben der Stadt allmählich gesünder. Jüdische Unternehmungen dehnen sich mehr und mehr aus, und während die christlichen Kirchen in dem Bau von protzigen Wohltätigkeitsgebäuden [ELT Nr. t miteinander wetteifern, die ihre politischen Ziele nur schlecht verbergen, werden die Bevölkerung und der Handel mehr und mehr jüdisch. Jerusalem ist bereits mehr als irgend ein anderer Ort die Metropole des jüdischen Volkes. In Tiberias und Safed haben sich die Verhältnisse in den letzten Jahren kaum geändert. Sie sind noch äußerst jämmerlich, obgleich die Gründung einer Filiale der Anglo-Palestine Company in Safed nicht nur den Handelsverkehr erweitert, sondern einer großzügigeren nationalen Auffassung zum Durchbruch verholfen hat. Ueberall bildet das Personal der Bank den Kern einer gebildeten Gesellschaft und bringt den Hauch eines neuen Geistes mit sich. Sollte es gelingen, vorstädtische Kolonien in der Nachbarschaft der beiden heiligen Städte zu eröffnen, so dürfen wir hoffen, daß mit der Zeit der alte Chalukkageist verschwinden und durch eine gesündere Auffassung des Judentums ersetzt werden wird. So wird eine junge jüdische Generation entstehen, die von den Almosen unabhängig ist und auf dem Lande oder in nutzbringenden Gewerben arbeiten wird. Zweifellos ist die Entwicklung des Schulwesens das bedeutsamste Merkmal und die wichtigste Verheißung für den Fortschritt des jüdischen Lebens in Palästina. Die Wiederbelebung der hebräischen Sprache, die sich auf dem Baseler Kongreß in so auffallender Weise wiederspiegelte, hat sich in den Kolonien wie unter der städtischen Bevölkerung mit Hilfe der Elementar schulen vollzogen. Der Hilfsverein spielt in dieser Hinsicht bereits eine große Rolle und erweitert sein Tätigkeitsgebiet fortdauernd. Viel bleibt noch zu tun, besonders in den sogenannten Heiligen Städten, ehe es möglich sein wird, jedem jüdischen Knaben und jedem jüdischen Mädchen eine hebräische Erziehung angedeihen zu lassen. Das aber ist die Idee, der wir nachstreben sollen. Die höheren Schulen in Jaffa und Jerusalem, die vor allem ein Resultat der zionistischen Arbeit sind, zeichnen sich durch ihren raschen Aufschwung aus und erfordern weitere Unterstützung, damit sie den Ansprüchen der jüdischen Bevölkerung gerecht werden können. Diese Schulen sind: das Gymnasium in Jaffa, die Tachkemonischule, die jüdische Mädchenschule in Jaffa, der Bezalel und das Gymnasium in Jerusalem. Den markantesten Fortschritt von allen hat der Bezalel gemacht, wo die Anzahl der Schüler und Arbeiter in den letzten vier Jahren von 80 auf 400 gestiegen ist. Prof. Schatz glaubt bestimmt, daß er Beschäftigung für 4000 finden könnte, wenn er nur die Mittel für ihre Ausbildung hätte. Die Schulen sind unser bestes und tatsächlich unser einziges Instrument, um den demoralisierenden Einfluß der Chalukka zu bekämpfen. Durch ihre Wirkung allein können wir hoffen, eine starke selbständige Generation aus der heterogenen Masse zu erziehen, die die östlichen und westlichen Ghettos verlassen haben, um eine Heimat in Palästina zu suchen. Soviel über die günstige Seite des Bildes. Einige Worte müssen noch über dasjenige gesagt werden, was nicht so glänzend ist. Zunächst hat sich die Lage der Juden in politischer Hinsicht während der letzten drei Jahre nicht verbessert. Vielmehr haben sich in dieser Periode die Anfänge antisemitischer Strömungen in Palästina gezeigt, und das Mißtrauen der Türken gegenüber den zionistischen Projekten ist gewachsen. Vor dem antisemitischen Kreuzzug brauchen wir uns nicht sehr zu fürchten. Er wird hauptsächlich von europäischen Christen und christlichen Arabern ge-

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