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Die Welt · 1911-12-29 · 52 (29.12.1911) · page 19

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Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
52 (29.12.1911)
Date
1911-12-29
Page
– (sequence 19)
Language
German
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Nr. 52 i trauen und ischung hinm besessen, hätte ihnen?m Abgrund Er trug sich sehen Städte , um seinen e zu seinem weder seine e dafür hin. dnislosigkeit in, als auch >n Gedanken Generation, der Bildung;chaffen und hlecht einer genzureifen. [verstorbene Knaben An- :he geistige Wort, das i sich, wenn oder einen 1 geriet und Ibständigen, rürde er in renden, tat- :u entfalten wische und s jenes Ernd Handeln i Laufe der ilvolle Veris Land an len reichem xv mühsam ue und da end konnte der Scholle, war. Dazu welche dem Regierungs^ ite mit der 1 Elemente, Frsache der die Volks- . Die einsemitischen immer sich iberall die Pilze nach e Blättchen ickung der en", deren leranz und der Regiehen Presse s famosen srliner Veringssystem, ieden, den Nr. 52 DIE^Kl ELT 1433 mühsam erworbenen Segen vernichtete. Man begann mit dem Ausschluß der jüdischen Jugend von allen öffentlichen Schulen, ging zur Unterdrückung des Handels und Gewerbes über, die, besonders in der Moldau, fast ganz in den Händen der Juden sich befanden und endete mit der bedingungslosen Ausweisung der „Fremden" laus den Dörfern. Tausende von Kaufleuten, Handwerkern, Maklern, kleinem Pächtern und Dorfkrämern waren dem Elend und einer hoffnungslosen Zukunft überantwortet. Nun waren sie alle aufgerüttelt und zur Besinnung gebracht, zur schmerzvollen Erkenntnis, daß sie Fremdlinge in einem fremden Lande waren — sie, die diesem Lande ihr Blut, ihre Kraft, ihre Hoffnung und ihre Fähigkeiten froh und ohne Bedenken dargebracht hatten. Es begann ein ruheloses Wandern, ein verzweifeltes Sichwehren und machtloses Zurücksinken. In den Städten sah es trostlos und öde aus. Zugrunde5 gerichtete Kaufleute, arbeitslose Bauunternehmer, hungernde Handwerker und Studenten, die das Studium aufgeben mußten — nun hielten sie Versammlungen ab, die resultatlos verliefen, machten Petitionen, die niemals an ihren Bestimmungsort kamen, oder saßen tage- und nächtelang in den Kaffeehäusern, als wollten sie in der erstickenden, raucherfüllten Luft ihr fieberndes Hirn, die todbringende Verzweiflung einschläfern. Es war jene furchtbare Zeit, da die Frauen bis spät nach Mitternacht auf die Heimkehr der Männer vergebens warteten und dann in verzehrender, nervenpeitschender Angst in die Nacht hinausstoben und von Kaffeehaus zu Kaffeehaus suchend irrten, von dem einen Schreckens vollen Gedanken gepeinigt: Vielleicht hat er sich etwas angetan! Und nirgends ein rettender Ausweg! Wohl schon lange hatte jene machtvolle Prophetenstimme aus den österreichischen Landen auch hier allerorten freudig aufhorchende Seelen gefunden; viele Begeisterte, Hoffnungsfreudige hatten sich um die wieder sich entfaltende Zionsfahne geschart, aber die Kräfte waren noch zu schwach, um sichtbare Hilfe zu bringen. Und dieser verzweifelten, hungrigen Masse, die nach Brot schrie — was galt ihr jetzt das fern winkende Ziel, welches nur durch Not und Kampf, durch Entäußerung und unentwegtes, ideales Streben zu erringen war! So richteten sich denn aller Augen nach den Ländern jenseits des Ozeans. Es gab dort keine Tradition, keine heiligen Stätten, keine schauerweckende Erinnerung an alten Glanz. Aber sie durften wieder frei das Haupt erheben. Kam Unglück über sie, so wars keine Folge menschlicher Willkür, sondern eine unabwendbare Schickung; und hatten sie materiellen Erfolg, so durften sie sich ihres Besitztums freuen, ohne Neid und Feindseligkeit heraufzubeschwören. Sie konnten sich eng aneinander schließen und eine freie, geachtete Gemeinschaft bilden, und waren, wenn auch Meere und Länder dazwischen lagen, ihrem legendären Ziele materiell und moralisch näher gerückt. Und sie wanderten aus, elend, zu Fuß, in zahllosen Gruppen — eine jammervolle, für das Jahrhundert hoher Kultur beschämende Völkerwanderung! Es gingen junge kraftvolle Männer, Studenten, alte Leute, doppelt bedrückt von der Last der. Jahire und des Schicksals, und viele Frauen und Mädchen. Es gingen auch zahlreiche Knaben, die die Tragweite des Unglücks noch nicht ermessen konnten. Sie hörten von endlosen Meeren und Riesenschiffen, von ungeheuren Städten und fabelhaften Reichtümern, und all das Gehörte baute sie Seelen zu einer märchenbunten, abenteuerlichen Welt auf, die ihnen schöner und verlockender erschien, als diejenige, die sie verließen. Sie gingen darum tapfer mit, ertrugen ohne Klagen die Beschwerden der Fußwanderung und glaubten, hinter jedem Berge, der sich vor ihnen auftürmte, irgendein Wunder zu erschauen. Jacob Silber empfand die Schwere der Zeit in doppelter Hinsicht. Denn nicht nur, daß er die gehegten Befürchtungen sich bewahrheiten sah, auch er selbst litt materiell unter dem allgemeinen Niedergang und sein bißchen Gut, das er sich in des Wortes strengster Bedeutung ehrlich erworben hatte, verminderte sich zusehends. Eines Tages, als er von der Stadt heimkehrte, bemerkte er vor seinem Hause eine große Menschenmenge, die, wild gestikulierend, sich um die Türe drängte und voll Neugier ins Zimmer sah. Schmerzvoll, wie von einer eisernen Faust gepackt, zuckte sein Herz zusammen. Als die Leute ihn erblickten, wurden sie stille und machten ihm Platz. Er trat rasch durch die offene Türe und fand seinen Sohn im Bette liegend, totenblaß, mit geschlossenen Augen, eine klaffende Wunde an der Stirne. Neben dem Bette, verstreut und blutbefleckt, lag die Soldatenuniform, die er soeben getragen. Ein Arzt und die Wirtschafterin, die herzbrechend schluchzte, waren um den Bewußtlosen bemüht. Erst später erinnerte sich Jacob Silber, daß man ihm erzählt hatte, sein Sohn, der das Freiwilligenjahr machte, wäre vom Feldwebel der eigenen Kompagnie, nach einem kurzen, vor dem Hause entstandenen Wortwechsel mit dem gezogenen Bajonett verwundet worden. Jetzt aber hörte er nicht, was die Leute zu ihm sprachen, dachte nichts, wußte nichts. Er stand vor dem Bette und vor seinen Augen wallte ein blutiger Nebel auf und ab und sein Inneres war nichts als ein wildes, verzehrendes Feuer. So verbrachte er die Nacht. Er verstand nicht, was diese Menschen wollten, die sich mit dem Kranken zu schaffen machten, er wußte auch nicht, daß sie sich spät in der Nacht schließlich entfernten und er allein mit der Wirtschafterin zurückblieb, die, von Aufregung und Müdigkeit übermannt, in einer Ecke saß und schlief. Er fühlte nur das eine, daß sein Kind rettungslos verloren war. Bleich und stumm, mit trocken enj brennenden Augen, sah er auf das blutleere Antlitz, das vor ihm lag. War das sein Sohn, der lebensvolle, wißbegierige, schönheitsdurstige Mensch, der, kraftvoll und arbeitsfroh, wie ein stolzes Schiff ins Leben hinaussegelte; der aus Himmelblau und Sternenglanz tausend buntleuchtende Träume und waghalsige Hoffnungen herunterzauberte? Nun fühlte er, was dieser Sohn ihm gewesen und wie furchtbar arm und verlassen er dastand, wenn der ihn verließ! Was nützte ihm jetzt alle Weisheit, die er aus den Büchern geschöpft? Diesem Schicksalsschlage gegenüber stand er ganz machtlos da und es gab nichts, woran seine zertretene, verzweifelte Seele sich aufrichten konnte. Als der Morgen kam und das Zimmer vom stetig wachsenden Licht erfüllt wurde, war alles vorüber. Da erhob er sich und sah abschiednehmend in das entseelte Antlitz mit den gebrochenen Augen und den eingesunkenen Schläfen. Einige Augenblicke lang war es ihm, als kenne er diese Züge nicht, so verändert erschienen sie ihm. Dann legte er die Hand auf die Brust des Toten. Er wollte etwas sagen, aber kein Wort kam über seine zuckenden Lippen.

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