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Die Welt · 1911-12-29 · 52 (29.12.1911) · page 18

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
52 (29.12.1911)
Date
1911-12-29
Page
– (sequence 18)
Language
German
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Umgebung in einen argen Zwiespalt, unter dem er allerdings ganz allein litt, da die andern nichts davon wußten. Da er die jüdische Geschichte genau kannte und hochhielt, hatte er ein starkes Gefühl der Zusammengehörigkeit mit seinem Volke, und weil er von streng rechtlicher Anschauung war und Welt und Menschen durch die Brille des Philosophen und scharfen Beurteilers betrachtete, schaffte es ihm viel heimlichen Kummer, wenn er das Leben seiner Brüder sah. Sie alle, die unter den Bauern des Landes selbst zu Bauern wurden, die in Städten Handel und Handwerk trieben, und vollends diejenigen, die, vom Glücke begünstigt, sieh in großzügige Geschäfte einließen, sie führten ein Leben, aller inneren Schönheit bar, faßten Sinn und Ziel des Daseins nur vom Standpunkte des Erwerbs auf, ließen sich von der Gier nach Reichtümern in einer Weise hinreißen, die schließlich bitterste Feindschaft heraufbeschwören mußte, und begingen Handlungen, die mit ihrem tiefen, edlen, volkerhaltenden Glauben unvereinbar waren. Und auch die alte, schmerzlich-süße Zionssehnsucht war eingeschlummert, — vergessen das sagenumwobene Land mit den erinnerungsreichen Stätten, den Palmen- und Zedernwäldern und sonnigen Wein- und Oliven hängen, von deren Höhe man das Meer wie ein seliges Versprechen blauen sieht. Jener von Geschlecht zu Geschlecht überlieferte Traum, der vor feurigen, heimatverlangenden Seelen zu märchenschöner Unendlichkeit sich weitet —, er lebte nur noch in den heiligen Schriften und im Herzen derer, die, ewig arm und bedrückt, ihre Zuflucht zu dieser zukunftsfernen Welt nehmen mußten. Was war da zu tun? Wenn er, was oft geschah, seiner Geschäfte halber in die umliegenden Dörfer fuhr und die Erde in den ewig wechselnden Schönheitswundern der Jahreszeiten prangen sah, so daß eine tiefe, freudige Empfindung in ihm entbrannte, als wären die fern hinziehenden Berg- und Waldlinien, die segenschweren Feldflächen und die endlosen Himmelsfernen mit den wandernden Wolken sein Besitztum: da fühlte er wohl, was jenen allen fehlte. Der reichquellenden, sinnlichen, wirklichkeitsfreudigen Kraft, die ihre Vorfahren über Not und Tod siegen machte, mußte sich ein veredelnder Geist gesellen, der es verhinderte, daß diese Kraft in Skrupellosigkeit ausartete, der die Massen für Schönheit und Sehnsucht, für Traum und Aufschwung empfänglich machte, und den stets neu aufflammenden Haß der Feinde unterdrückte. Das würde eine mühsame Arbeit geben, denn eben diese Massen sind unempfindlich gegen jenen Ewigkeitshauch, der aus der zaubertiefen Gewalt und Schönheit der Welt strömend, über alles Maß ihres staubgehundenen Ringens und Strebens hinausgeht. Aber wenn sie zur schwer errungenen, geläuterten Erkenntnis ihres Wesens und ihres Lebens überhaupt kämen, dann würden sie im richtigen Erfassen ihrer Lage nicht mehr so blindlings drauflos arbeiten, bloß um die Bedürfnisse des nächsten Tages oder den Hang zu Geldgier und Wohlleben zu befriedigen. Sondern sie würden in gemeinsamer, fruchtbringender Arbeit dem einzigen Ziele zustreben, das ihrer würdig wäre und dem ganzen entrechteten Volke Erlösung bringen würde: dereinst eine freie Nation in einem freien Lande zu sein. Sie würden dann, zielbewußt und wachsamen Sinnes, allem Unheil gefaßter gegenüber stehen. Und es sollte bald kommen, dieses Unheil das wußte Jacob Silber! In ihm war der alte, stol/e Freiheitstraurn nicht verblaßt. Die Vergangenheit lehrte ihn, dem Frieden nicht zu trauen und sich bezüglich der nächsten Zeit keiner Täuschung hinzugeben. Hätte er die Macht der alten Propheten besessen, er wäre in die Mitte seiner Brüder getreten, hätte ihnen ihr Spiegelbild vorgehalten und sie vor dem Abgrund gewarnt, dem sie blindlings entgegenliefen. Er trug sich mit dem Plan, eine Reise durch alle rumänischen Städte zu machen und überall Vereine zu gründen, um seinen Ideen, seiner Weltanschauung und der Liebe zu seinem Volke eine greifbare Form zu verleihen. Aber weder seine Tatkraft noch seine Selbstverleugnung reichte dafür hin. Er fürchtete, bei den Leuten auf eine Verständnislosigkeit zu stoßen, die ihn sowohl lächerlich machen, als auch seinen Schmerz vertiefen würde. So ließ er den Gedanken fahren. Vielleicht aber war die heranwachsende Generation, die sich an den Quellen des Wissens und der Bildung volltrinken durfte, dazu berufen, Wandel zu schaffen und als ein aus neuem Geiste erstandenes Geschlecht einer würdigeren und glücklicheren Zukunft entgegenzureifen. Er selbst hatte einen Sohn, den die frühverstorbene Gattin ihm hinterlassen, und glaubte, an dem Knaben Anzeichen wahrzunehmen, die auf ungewöhnliche geistige Fähigkeiten deuteten. Er horchte auf jedes Wort, das von den jugendlichen Lippen kam, und freute sich, wenn der Junge über einen blühenden Baum oder einen lockenden, sonnentrunkenen Tag in Entzücken geriet und manche Aeußerung tat, die ein Beweis selbständigen, tief innerlichen Denkens war. Vielleicht würde er in diesem jungen Leben, das so viel hochfliegenden, tatkräftigen Geist und edlen Schönheitssinn zu entfalten versprach, die eigenen, heimlich gehegten Wünsche und Hoffnungen sich erfüllen sehen! Es war im Herbste des Jahres 1903, als jenes Ereignis eintrat, welches für das weitere Leben und Handeln Jacob Silbers bestimmend werden sollte. Im Laufe der Jahre hatte die Lage der Juden eine unheilvolle Veränderung erfahren. Die Bojaren hatten alles Land an sich gerissen, und der Bauer mußte an den reichen! Gutshöfen Frohndienste leisten, die ihn nur mühsam vor dem Hunger schützten. Wenn auch hie und da eine Hilfsaktion eingeleitet wurde — das Elend konnte nicht verscheucht werden, da der Bauer von der Scholle, die allein ihn ernähren konnte, verdrängt war. Dazu kamen einige Jahre allgemeiner Mißernte, welche dem Lande ungeheuren Schaden brachten. In den Regierungskreisen tobte ein erbitterter Kampf; er endete mit der völligen Niederlage der wenigen vernünftigen Elemente, welche den Mut besaßen, auf die wahre Ursache der allgemeinen Misere hinzuweisen. Nun hatten die Volksbeglücker und Judenhasser freien Spielraum. Die einzelnen da und dort ins Werk gesetzten antisemitischen Hetzereien hatten sich allmählich zu einer immer sich steigernden Feindseligkeit verdichtet, die überall die schlummernden Leidenschaften weckte. Wie Pilze nach dem Regen, so schössen in allen Städten obskure Blättchen auf, die in blutrünstiger Weise die Unterdrückung der Juden predigten. Die sogenannten „Liberalen", deren Parteiname ein blutiger Hohn auf ihre Intoleranz und gehässige Gesinnung war, hatten die Zügel der Regierung an sich gerissen und liehen der hetzerischen Presse ein allzu williges Ohr. An der Hand des famosem „Fremdengesetzes" — um nicht gegen den Berliner Vertrag zu handeln — schafften sie ein Regierungssystem, das in kurzer Zeit den blutig erkauften Frieden, den

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