Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 52 (29.12.1911)
- Date
- 1911-12-29
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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Nr. 52 DIEEaKELT: 1431 Jahresversammlung der jüdischen Farmer Amerikas In den letzten Tagen des November fand in New-York die dritte Convention (Jahresversammlung) der Organisation der jüdischen Farmer in Amerika statt. Fünfzig Delegierte aus allen Teilen der Union hatten sich zu den Beratungen eingefunden. Nach der Eröffnungsrede des Vorsitzenden erstattete der Sekretär Mr. F. W. Pinkus den Jahresbericht, der von der stetigen Entwicklung der Farmerorganisation in erfreulicher Weise Zeugnis ablegt. Im Berichtsjahre haben sich dem Verbände 13 neue Zweigvereine angeschlossen. Damit ist die Zahl der Vereine auf 41 gestiegen, von denen sich 12 im Staate New-York, 11 in New-Jersey, 10 in Connecticut, 13 in Nord-Dacota, 2 in" Massachusetts, 1 in Washington, 1 in Pennsyl vanien und 1 inCanada befindet. Die Organisation unterhält ein Zentralbureau, daß u. a. landwirtschaftliche Geräte und Maschinen im großen einkauft und den Mitgliedern zum Selbstkostenpreise abgibt. Der Urnsatz des Zentralbureaus beliet sich im verflossenen Jahre auf 30 000 Dollar. Vor kurzem wurden innerhalb des Verbandes auch vier Lei h genösse nschatten ins Leben gerufen, die von großem Nutzen für die jüdischen Farmer und die Entwicklung ihrer Besitzungen sind. Die von den einzelnen Delegierten erstatteten Berichte boten ein interessantes, überaus erfreuliches Bild von dem Aufschwung und den Entwicklungsmöglichkeiten der jüdischen Landwirtschaft in Amerika. Die Farmer beklagen sich nur über die Schwierigkeiten, ihren Kindern eine gute jüdische Erziehung angedeihen zu lassen. Die jüdischen Farmen sind in der Regel weit voneinander und von jeder jüdischen Gemeinde entfernt, und die Farmer haben daher nicht die Möglichkeit, gemeinsame jüdische Schulen einzurichten, oder in sonstiger Weise für den jüdischen Religionsunterricht ihrer Kinder Sorge zu tragen. Man hat den Versuch unternommen, durch Herausgabe von Unterrichtsbriefen und ähnlichen Hilfsmitteln, durch die den Eltern die Möglichkeit geboten werden soll, ihre Kinder selbst zu unterweisen, diesem Uebel abzuhelfen, doch erscheint der Erfolg dieser Bemühungen sehr zweifelhaft. Es wurde darum in der Jahresversammlung der Farmer von verschiedenen Seiten der Wunsch ausgesprochen, der Verband sollte bestrebt sein, durch Zukauf von Grundstücken in der Nähe schon bestehender Farmen und durcli Ansiedelung neuer jüdischer Landwirte allmählich eine größere Konzentration der jüdischen Siedelungen herbeizuführen. Anerkennung der jüdischen Nationalität innerhalb der polnischen Sozialdemokratie Vor kurzem fand in Lemberg der Kongreß der polnischsozialdemokratischen Partei statt/ Einen Hauptgegenstand der Beratungen bildete die Frage der A n e r k e n lf u n g der jüdischen Nationalität innerhalb der Sozialdemokratie. Das Referat darüber erstattete Abgeordneter D a s z y n s k i, der sich im Sinne der Anerkennung-der jüdischen Nation aussprach. Nach längerer, stellenweise erregter* Debatte wurde eine Resolution angenommen, in der die Anerkennung der jüdischen Nation innerhalb der Sozialdemokratie ausgesprochen wurde. Ein Hebräerabend in New York Nach dem Muster des Lemberger Hebräertages veranstalteten die New-Yorker Vereine „Mefitsei Sephath Eber", „Achieber", „Chowewe Ibrith" und „Ohole Schern" am 7. Dezember im Clinton-Saale einen hebräischen Festabend, an dem ausschließlich hebräische Reden und Vorträge gehalten wurden. Das einleitende Referat hielt Herr Dr. Nah um Slousch von der Pariser Sorbonne über ,,Das Land der Hebräer". Organisation für hebräische Sprache und Kultur Die Berliner Ortsgruppe der Organisation für hebräische Sprache und Kultur veranstaltet Mittwoch, den 3. Januar, 9 Uhr abends, im Restaurant Logenheim, Friedrich straße 131c, eine öffentliche hebräische Versammlung, in der Herr Dr. Schmarja Levin über das Thema: „Eindrücke von meiner Reise in G a l i - zien'4 sprechen wird. Im Anschluß daran findet eine Diskussion statt. Gäste, Damen und Herren, stets herzlich willkommen. Um pünktliches Erscheinen wird dringend gebeten. O if □ □ □ □ □ cP o o FEUILLETON rp=zo o □□□□□□HO O— /J o Die Tat des Jacob Silber Ein Bild aus dem Golus. Von Leo G. Stein Es gibt Menschen, deren Leben ruhig und ohne besondere Vorfälle dahinfließt, um plötzlich, in einer Häufung seltsamer Umstände, mit einer tragischen Geste zu enden. Als vor einigen Jahren die Nachricht von der Tat des Jacob Silber in die Oeffentlichkeit drang, da waren alle, die ihn gekannt hatten, ebenso erschüttert als erstaunt, denn er war stets ein stiller, verschlossener Mensch gewesen, dem niemand diese auflodernde Leidenschaftlichkeit zugetraut hätte, die er jetzt bekundete. Und es gab wohl nur wenige Leute, die, tiefer blickend und im Leben dieses Mannes forschend, dessen Denken und Empfinden mit der so unerwarteten Tat in einen folgerichtigen Zusammenhang gebracht hätten. Freilich hatte er selbst ebenso wenigdaran gedacht, daß das Schicksal ihn mit einer solchen Rolle bedenken würde. Er lebte in einer moldauischen Kreisstadt, wo er einen Getreide- und Fruchthandel betrieb und sich daneben viel mit hebräischen Studien befaßte. Seine ersten Mannesjahre fielen in jene Aera, die, als Nachwirkung des Berliner Vertrages und nicht minder als sehr notwendige Reaktion nach Beendigung des russischtürkischen Krieges, den Stempel des Friedens und der Toleranz trug. Da nun das Böse unausrottbar ist und durch alle Zeiten und Verhältnisse fortwirkt, wurden wohl auch jetzt da und dort judenfeindliche Stimmen laut, aber sie verhallten bald ohne merkbare Wirkung. Das Volk hatte nach den Härten und Nöten des überstandenen Feldzuges das Verlangen nach Ruhe und Sammlung der Kräfte und richtete sein Augenmerk auf die innere Erstarkung, die, wie es richtig fühlte, nur durch Frieden und freiheitlichen Geist gefördert werden konnte. So standen denn die Schulen der jüdischen Jugend offen, das Ausnahmegesetz gegenüber den „Fremden" wurde nicht allzu strenge gehandhabt, und in Dorf und Stadt hatten Handel und Wandel der Juden einen genügend großen Spielraum. In solcher Zeit durfte Jacob Silber sein Leben so gestalten, wie es seinem grüblerischen, gedankentiefen Wesen entsprach. Neben den hebräischen Studien befaßte er sich mit neuzeitlichen Werken und war der einzige, der ein deutsches Blatt aus Wien bezog. Wenn nun einerseits die Forscherneigung, die seinem Leben Inhalt verlieh, ihn in einen Zustand glückvollen Genießens versetzte, so geriet er andererseits mit seiner