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Die Welt · 1911-12-29 · 52 (29.12.1911) · page 15

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
52 (29.12.1911)
Date
1911-12-29
Page
– (sequence 15)
Language
German
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Nr. 52 -- DIE J Ein Pionier Unsere hiesigen Freunde rüsten mit besonderer Teilnahme zur Feier des 40. Geburtstages unseres Gesinnungsgenossen Dr. David Feiwel Markus, des Rabbiners der Aschkenasim und Vertreters des Hilfsvereins in Konstantinopel. Der Tag, der auf den 31. Dezember fällt, wird genau 11 Jahre abschließen, die verflossen sind, seit Dr. Markus seinen Fuß auf Konstantinopeler Boden gesetzt hat. Diese 11 Jahre sind eine Epoche schwierigster Pionierarbeit und wahren Märtyrertunis gewesen. Dt. Markus hatte seine Tätigkeit als Direktor der „Goldschmidt-Stiftung" oder der sogenannten Vereinsschule angetreten, die er im modern-jüdischen Sinne zu reformieren suchte. Wegen Zwistigkeiten zwischen dem Schulkomitee und der Alliance in Paris, auf deren Namen das Gebäude eingetragen war, verließ er jedoch diesen Posten, sowie das Rabbinat, das er zugleich in der „Oesterreichischen Gemeinde'1 bekleidete, um das Rabbinat der vereinigten drei anderen aschkenasischen Gemeinden zu übernehmen. Das Wirken in diesem Amte war ebenso schwierig wie scgenvoll. Dt. Markus hatte mit der christianisierenden Erziehung der Konstantinopeler jüdischen Jugend und dem unheilvollen Einfluß der Missionen zu kämpfen. Diesem Zwecke dienten seine Jugendgottesdienste und die Psalmenvorträge, die er allwöchentlich veranstaltete und an die er seine besten Geisteskräfte hingab. Aus den Vorträgen entwickelte sich hernach ein Literaturverein, der zu einer Pflanzstätte jüdischen Geisteslebens wurde — aber späterhin aus technischen Schwierigkeiten eingehen mußte. Die Erziehungsarbeit, der sich Dr. Markus hingegeben hatte, konnte nun nur noch im privaten Kreise fortgesetzt werden, trug aber doch schöne Früchte, indem sie einen kleinen, aber wertvollen Bund zionistischer Enthusiasten schuf. Seine Schularbeit nahm kurze Zeit nach der Aufgabe der Goldschmidtschule Dr. Markus an der Talmud-Tora ,,Or Tora'4 wieder auf, deren Leitung er dem bekannten Hebräisten Hirsche nso h n übertrug, welcher eine Zeitlang in Ffasköj unter tausend Schwierigkeiten eine erste hebräische Schule in Konstantinopel zu schaffen versucht hatte. Es ist ein überaus interessantes historisches Detail, daß das erste Gehalt für diesen Direktor kein anderer als — Theodor Htrzl persönlich hergab, den das Unternehmen des jungen Rabbiners begeistert hatte. Es gelang bald, die Schule zu vergrößern; Dr. Markus mußte jedoch nicht lange danach ihre Leitung selbst übernehmen, da Hirschensohn auswanderte. Es war just die Zeit, da der Hilfsverein der deutschen Juden begründet wurde. Es gelang Dr. Markus, diesen für sein Konstantinopeler Schulwerk zu interessieren und die Or Tora sowie die Hasköjer Schule kamen unter den Schutz des Hilfsvereins. Seitdem hat sich dieses Schulwerk entwickelt, und die Anstalten in Galata und Balat gehören heute zu den bestrenommierten im Konstantinopeler Judentume. Dr. Markus schuf hier nicht bloß Schulen, sondern auch Prinzipien. Schon lange vor der Konstitution hatte er die große Wichtigkeit des Türkisch-Unterrichtes für die Juden erkannt und schon damals verlangt, daß alle jüdische Erziehung in der Türkei sich auf der Doppelgrundlage des Hebräischen und des Türkischen aufbaue. Seitdem haben diese seine Prinzipien gewaltige Fortschritte gemacht. Die Gerneinden haben sie vielfach akzeptiert, und sogar die Alliance IsraeTite hat nolens volens mehr und mehr ihre Anstalten nach ihnen modeln müssen. Der Medschliß dschismani, die Zentrale der türkischen Judenheit, hat sich formell auf sie festgelegt. In diesem Sinne ist Dr. Markus zu einem eminenten Förderer der Kulturrenaissance unter den türkischen Juden geworden. Nach mühseligen Anstrengungen, Kämpfen und Leiden ist die Wirkung des Mannes über den engen aschkenasischen Kreis in die sephardische Welt hinüberg'edrungen. Nach der Revolution wurde Dr. Markus mit Rabbi Nahum und Rabbi Danon gleichzeitig in den Waad Ruchani, den leitenden geistlichen Rat, auf Lebenszeit berufen. Hier hat er durch Organisierung der Rabbiner gewirkt, und auf seine Rechnung ist der günstige Einfluß des Waad Ruchani auf die Wahl des letzten Medschliß dschismani zu setzen, der die frühere assimilationssüchtige und zionistenfresserische Clique abgelöst hat. Die Persönlichkeit des Jubilars ist zu einer markanten Erscheinung im türkischen Judentume geworden. Der Zionismus hat in ihm einen seiner getreuesten, hingehendsten und fähigsten Pioniere. Was er für das Nationaljudentum im Orient bedeutet, das haben seine Freunde in einer Sondernummer des „Hamevasser" in erschöpfender Weise behandelt. Dr. Markus ist im Kreise seiner Gesinnungsgenossen [ELT --- 1429 verehrt und geliebt aut seltene Weise. Daß er von seinen zahlreichen Feinden ebenso glühend gehaßt wird, gereicht nur zu seiner Ehre. Sein 40. Geburtstag schließt eine bitterschwere Pionier- Periode ab. Möge er eine lange, doppelt fruchtbare Periode des Erfolges und neuer positiver Werke einleiten. Brief aus Saloniki (Von unserem Berichterstatter.) Man kennt die Sympathiekundgebungen für die Türkei, die sich in der ganzen jüdischen Welt anläßlich des italienischtürkischen Konflikts gezeigt haben, die entrüsteten Artikel der jüdischen und speziell zionistischen Presse gegen Italien, und den Opfermut, den die Jugend und die zionistischen Aerzte aus verschiedenen Städten an den Tag legten, die sich erboten, als Freiwillige in die Reihen der ottomanischen Armee einzutreten. Die hiesige „Revista Populär4' erinnert aus diesem Anlaß daran, daß die Zionisten nicht zum erstenmal derartige Beweise ihrer Freundschaft für das türkische Reich liefern. Das Blatt erzählt, daß im Jahre 1897, während des griechisch-türkischen Krieges, fünf jüdische Aerzte, sämtlich Zionisten, sich der Türkei zur Verfügung gestellt haben. Sie begaben sich während der Kämpfe in die Front und pflegten die verwundeten Türken mit größter Hingabe. Einer von ihnen, Dr. Albert Donreich, wurde ein Opfer seiner aufreibenden Tätigkeit. Er zog sich ein schweres Brustleiden zu, das seine Gesundheit untergrub. Obwohl er fühlte, daß er krank wurde, blieb er bis zum Schluß des Krieges aut seinem Posten. Dann begab er sich nach Basel, wo er dem l. Zionistenkongreß als einer der Kongreßsekretäre beiwohnte. Einige Monate später erlag er dem Leiden, das er sich zugezogen hatte. Die hiesige spaniolische Zeitung „Liberal" setzte in einem Leitartikel auseinander, daß die ökonomische Krise, die gegenwartig den Saloniker Markt beherrscht, ganz besonders das jüdische Element trifft, denn der größte Teil des Handels unserer Stadt liegt in den Händen unserer Glaubensgenossen, und die jüdischen Kaufleute befinden sich fast ausschließlich in Abhängigkeit fremder Kreditinstitute, die eine allzu vorsichtige Haltung ihnen gegenüber beobachten. Das Blatt empfiehlt zur Beseitigung dieser anomalen Situation die Gründung einer jüdischen Bank in Saloniki. Es erinnert daran, daß vor einiger Zeit bereits eine jüdische Bank hier gegründet werden sollte. Diejenigen, die diesen Plan anregten, gedachten, dazu um die Mitwirkung der Anglo-Palestine Company zu bitten. Aber einige reiche Juden unserer Stadt, die nur ihre persönlichen Interessen im Auge hatten, rieten den Urhebern des Planes davon ab, und operierten dabei mit dem Phantom der Zionistengefahr. Infolge dieser Sinnesänderung fiel das schöne Projekt ins Wasser, und die Situation blieb unverändert. Jetzt empfiehlt die Zeitung „Liberal" von neuem, die Hilfe eines zionistischen Finanzinstituts in Anspruch zu nehmen, um eine Bank zu gründen, und führt folgendes aus: ,,Wenn die Bank in Verbindung mit einem jüdischen Kreditinstitut gegründet wird, das bereits seit längerer Zeit besteht, also in Verbindung mit der Anglo-Levantine Banking Company oder mit der Anglo-Palestine Company, so wären alle Hindernisse überwunden. Die leeren Befürchtungen, daß diese Banken, weil sie zionistisch sind, uns schaden könnten, dürften uns nicht aufhalten. Unsere Nachbarn, die Türken, die gegenwärtig überall in jeder Sache die zionistische Gefahr sehen, würden sich überzeugen, daß diese zionistischen Banken, die sich bei uns niederlassen würden, weit entfernt sind, politische Ziele zu verfolgen und nur die Entwicklung des Handels im Auge haben, daß sie hier, wie überall, erfolgreich arbeiten und dem Vaterland unschätzbare Dienste leisten würden. Diese Banken haben bereits ihr Personal, ihre ausgedehnten Beziehungen. Sie besitzen schon den Firman, der ihnen gestattet, in der Türkei zu wirken. Sie können sich von Tag zu Tag weiter entwickeln, ihr Kapital vermehren und eine mächtige Stütze für den lokalen Markt und speziell für den jüdischen Handel bilden. Der Zionismus entwickelt sich. Von Tag zu Tag strebt er mehr danach, ein rein humanitäres Werk zu vollbringen, und hat nur die allgemeine Wohlfahrt im Auge. Er wünscht im Orient zu arbeiten, uns emporzuheben und uns das Bewußtsein unserer Würde zu geben. Die Führer der Bewegung wünschen gegenwärtig etwas für den Orient zu tun und speziell für unsere Stadt. Es wäre daher vernünftig, diese günstige Gelegenheit zu benutzen. Eine starke jüdische Bank ist für uns notwendig. Wenn wir wünschen, daß es uns und der Gemeinde

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