Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 52 (29.12.1911)
- Date
- 1911-12-29
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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1428 -^_ DIE^ Angelegenheiren des russischen Staates, wie denn auch Amerika seine einschränkenden Bestimmungen gegenüber gewissen Kategorien von Einwanderern habe. Die Antragsteller finden daher, dal) für die Aufhebung des Vertrages ein hinreichender Grund nicht vorhanden gewesen sei. Da mit dem Wegfall des Vertrages Ruhland in handelspolitischer Beziehung in Amerika nicht mehr „die Rechte der meistbegünstigten Nation'' genieße, so beantragen die unterzeichneten Abgeordneten im Interesse des wirtschaftlichen Gleichgewichts eine bedeutende Erhöhung der Zollsätze für amerikanische Produkte. Dieser Antrag gehört der Initiative des Zentrunis an, wurde abw auch von den Nationalisten, den Muselmännern und k-iüer auch von der Pr ogressisten frakrion unterzeichnet. Die „Nowujc W rem ja" jubelt über die patriotische Aktion der Volksvertreter. Arme Pp;gress:steu! Hingigeii wird in den Kreisen der Opposition die Ansicht vertreten, daß cR r Outschkowsche Gesetzvorschlag nichts als eine verfehlte Kundgebung an die Adresse der Vereinigten Sta;-:teu >ei. Auch in industriellen Kreisen verhält man sieh ablehnend gegen das Gutschkowsche Projekt. Nach der Ansicht der maßgebenden industrielle!] Kreise verrate das Projekt völlige Rnkeüiitius des Gegenstandes und sei nichts als ein 1 ä pj lisch es Wah 1 man<h er. Ucbrigens ist es ziemlich klar, daß die drohende Gebärde des Zentrums nur seine innere Verlogenheit verbergen sollte. Soviel \ erstellen auch, schon unsere Oktobristen, daß die Aufhebung des Handelsvertrages und ein Zollkrieg nur Rußland schaden werden. Für die russischen Produkte (hauptsächlich R( horodnkie. Fellartikel und dergl.) könnten die Vereinigten Staaten in Australien, ja sogar in Südamerika Ersatz finden, wuhingegen die amerikanische Baumwolle z. B. für die russische Textilindustrie geradezu unentbehrlich ist, cfa die Baumwolle Aegyptens und Kleinasiens lange nicht ausreicht. Schwerer noch fallen die politischen Rücksichten ins Gewicht. Der wirt schaftliche Konflikt wird sicherlich auch eine politische Entfremdung herbeiführen, was für die politischen Interessen Rußlands in Ostasien schwerwiegende Folgen haben dürfte. Die Vereinigten Staaten waren es, die die imperialistischen Aspirationen J a p a n s im Zaune hielten. Ein Frontwechsel Amerikas im Osten würde daher für Rußland bei einer internationalen Komplikation in China die denkbar traurigsten Folgen haben. Brief aus Konstantinopel (Von unserem Berichterstatter.) Weiter bergab Eine Woche atemloser Spannung wieder und bösester Befürchtungen. Der Krieg der Parteien fanatischer, besinnungsloser als jemals. Hetzerei in Wort und Schrift, suspendierte Zeitungen, Ehrabschneidungen. Die moralische Abschlachtung eines alten Staatsmannes, Said Paschas, dureb Aufdeckung seiner ehemals antikonstitutionellen Gesinnungen und Rapporte, und die Rache des Sinkenden, die noch im Falle den verhaßten Gegner, den greisen Kiamil, in denselben Abgrund mitreißt. Der Großvesir wird nun zweifelsohne gehen müssen; wer wird dann kommen? Man spricht von Gasi Ahmed Muhtar Pascha, einer letzten Ruine alter Herrlichkeiten. Andererseits tauchen winzige grüne Hoffnungen wieder auf. Man denkt an ein Koalitionsministerium der beiden jungen Parteien, die miteinander zu verhandeln beginnen. Da aber die Entente Liberale darauf besteht, entweder den Großvesir oder den Minister des Inneren aus ihren Reihen zu stellen, so ist wenig Aussicht. Den Großvesir können ihr die Unio nisten nicht überlassen, sie fürchten davon ihre Vernichtung, und den Minister des Inneren nicht, denn er macht die Walis und die Wahlen. Es ist also noch kein Ausgang aus dem Wirrwarr sichtbar. Die Bomben von Icbtip und die Juden Es gibt schlechterdings kein schlimmes Ereignis mehr auf der Erde, für das die Juden nicht verantwortlich gemacht würden. Man bat zwar noch nicht behauptet, daß Juden die letzten mazedonischen Romben gelegt hätten; aber an den der Explosion folgenden Massakers hat man ihnen einen großen Anteil vorgeworfen. Die bulgarische Zeitung ,,Pravo" hat in einem gehässigen Artikel die Mär verbreitet, die Juden hätten den Pogrom iE LT - - Nr. 52 gegen die Bulgaren in Ichtip mit den Muselmanen gemeinsam auf dem Gewissen; sie hätten nicht nur mitgemordet, sondern auch den flüchtenden und hilfeflehenden Bulgaren schützendes Obdach verwehrt, den verfolgenden Türken sogar ihre V er st ecke an ge g e b e n. Selbstverständlich haben sich einige griechische und armenische Zeitungen beeilt, diese Nachricht wiederzugeben. Und schon hatte sich der vielbeunruhigten ottomanischen Juden eine starke Aufregung bemächtigt, als zum Glücke prompter und entschiedener als gewöhnlich die dementierende Klarstellung der Dinge erfolgte. Daß das von authentischster, nämlich bulgarischer Seite erfolgte, verstärkte die überzeugende Wirkung. Der bulgarische Deputierte Wlachoff nämlich, der als Mitglied der vom Parlament bestellten Untersuchungskommission sofort nach Icbtip abgereist war, hat der Saloniker Zeitung ,,IndqxMid;int44 folgende kategorische Erklärung abgegeben: „Die Kommission erklärt die Nachricht von der Teilnahme der Juden an den Jchtiper Greueln für absolut falsch. Im Gegenteil hat eine grobe Anzahl Juden den verfolgten Bulgaren Schutz und Obdach geboten. Der Konimission ist von bulgarischer Seite eine Liste von 121 Bulgaren nachgewiesen worden, die gastliche Aufnahme bei Juden gefunden haben. Es sind zwar neben einer großen Anzahl Türken auch zwei Juden nach den Ereignissen verhaftet worden, auch scheinen noch zwei oder drei andere Juden bloßgestellt, aber es handelt sich um Individuen, die als Auswurf der Gemeinde von dieser seit langem sozial geächtet waren, und es ist unter keinen Umständen angängig, um dieser einiger Verbrecher willen das ganze Judentum verantwortlich zu machen.'4 Was, wie sehr treffend die „Aurore" bemerkt, die „Nowoje WremjV oder auch vielleicht die Times44 nicht hindern wird, eines Tages, falls es ihr gerade so passen sollte, den Juden ihre ,,Schuld" an den Ichtiper Ereignissen vorzuhalten, wie sie ihnen die Schuld an Adana, am Griechenboykott und an Albanien aufgeladen haben. Das Großrabbinat von Jerusalem Die unendliche Seeschlange der Jerusalemer Großrabbinatsaffäre beginnt nachgerade, groteske Formen anzunehmen. Die Juden der heiligen Stadt klagen, der alte Rabbi Franco, der ihnen die endgültige Beruhigung und die Lösung des ganzen schrecklichen Gern ein de Wirrwarrs bringen sollte, nach der Meinung des türkischen Großrabbinates wenigstens, sei zu greisenhaft, um überhaupt noch zu irgendeiner Initiative fähig zu sein; er sitze wie ein Gefangener in seinen vier Wänden und werde lediglich von einer gewissen Clique dazu mißbraucht, ihren Anhängern Stellen zu verschaffen; im übrigen sei er zu nichts anderem nütze, als sein Gehalt, das vom* Gelde der Armen aufgebracht werde, zu verzehren. Dies alles gibt der „Hacheruth" in einem offenen Briefe an Rabbi Nah um bekannt. Chanukah in Konstantinopel Die Verstärkung des jüdischen Lebens in Konstantinopel wird doch nach und nach sichtbar. Davon legt die allgemeine Teilnahme an der Feier des Chanukahfestes in diesem Jahre beredtes Zeugnis ab. Am zweiten Chanukah-Abende fand in der Loge Bene Benith ein Vortrag von Dr. Israel Auerbach statt, der „Le röle des juifs dans la civilisation" behandelte. Am „fünften Lichte" beging der jungjüdische Verein „Bne Jisrael44 in eindrucksvoller Weise seine Makkabäerfeier. Es sprachen die Herren Maurice Cohen spaniolisch, Effend o w i t s c h jüdisch, Dr. Neufach hebräisch und Dr. Auerbach deutsch. Herzerhebend aber war. das Fest, das die Hilfsvereinsschule in Balat veranstaltete. Ein wundervolles Wetter verstattete es, daß die 220 Kinder unter freiem Himmel auf dem Schulhofe feiern konnten. Man begann und schloß mit zweistimmig gesungenen hebräischen Liedern. Herr Levanon sen. hielt eine hebräische Festrede, und ein Knabe trug eine hebräische Dichtung von Jacob Kahn vor. Das Ereignis des Tages jedoch war ein hebräisches Schauspiel „Hanna", das von den Kindern zur Aufführung gebracht wurde. Die Inszenierung des Ganzen lag in den Händen des Herrn L e v a n o n jun. Zum Schlüsse wurden Süßigkeiten verteilt, und die Schar stürmte jubelnd nach Hause. - Es ist zum ersten Male in Konstantinopel, daß eine Schule eine rein hebräische Feier veranstalten und auf das volle Verständnis der Schüler rechnen konnte.