Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 52 (29.12.1911)
- Date
- 1911-12-29
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Nr. 52 DIEIXEELT 1427 Die Chanukahwoche des Jahres 1911 führte eine' neue Institution im öffentlichen galizisch-jüdischen Leben ein, die mit Begeisterung von allen Gesinnungsgenossen und Freunden der Bewegung aufgenommen wurde. Die alte jüdische Sitte des Chanukahgeldes, die bekanntlich darin besteht, daß an Chanukah dem hebräischen Melanimed ein Geschenk gemacht wird, wurde vom hebräischen Schulverein in das „erste jüdische Chanukahvolksgeschenk für den hebräischen Volksschulunterricht'1 modernisiert. In warmen Worten wandte sich die Leitung des hebräischen Schuivereins an die Hebräer des Landes mit der Aufforderung, zu Chanukah von einem jeden Juden 20 Heller für die hebräischen Schulen zu verlangen. Die Sache fand lebhaften Anklang. Wer die galizische Not kennt, die Schwierigkeiten in Betracht zieht, welche mit dem Sammeln einer so kleinen Spende verbunden sind, der wird es begreifen, wieviel latente Sympathien die Sache des hebräischen Schulvereins sich erworben hat, wenn das Volksgeschenk in einer Woche ca. 3000 Kronen aufweisen konnte. Diese Ziffer ist der beste Beweis für die erfreuliche Tatsache, daß der Hebräertag den richtigen Weg zu den noch ungehobenen Schätzen des jüdischen Herzens gewiesen hat. Die Leitung des hebräischen Schulvereins hat es auch als ihre Pflicht erkannt, das heilige reuer der Liebe zum Judentum immer wieder zu schüren und zu erhalten. Während der Makkabäerwoche sprachen 15 Redner hebräisch und jüdisch in 15 Städten über die brennende Frage der hebräischen Voikserziehung. In nächster Zeit wird an die Gründung einer Mustervolksschule, eines Kindergartens und eines praktischen Lehrerausbildungskurses geschritten werden. Brief aus Rußland (Von unserem Berichterstatter.) Die Juden im Heere Die brennendste Tagesfrage, die zurzeit die jüdische Bevölkerung Rußlands in atemloser Spannung hält, ist die von den Parteien der aggressiven Reaktion inaugurierte Propaganda auf Ausschluß der Juden aus der Armee. Bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit wurde dieser Antrag von sehen der Mehrheitsparteien der Duma immer wieder und wieder eingebracht. Die Standhaftigkeit der Herren hat ihre guten Gründe. An dem Tage, wo sie der Duma ein Votum auf Ausschluß der Juden aus dem Heeresdienste abringen werden, wird die Judenfrage endgültig nach der von ihnen erwünschten Richtung gelöst sein. Wer an der Verteidigung . des Vaterlandes nicht partizipiert, hat keinen Anspruch auf volle Bürgerrechte. Die unablässige Agitation der „Rechten" hatte bekanntlich den Erfolg, daß die Reichswehr-Kommission vor einigen Monaten in einer diesbezüglichen Resolution den Wunsch äußerte, die Regierung möchte ein Gesetzprojtkt auf Ausschluß der Juden aus dem Heere ausarbeiten. Die Regierung machte sich bald darauf an die Sammlung und Sichtung des bezüglichen Materials. Es ist daher begreiflich, daß man in weiten Kreisen auf die Behandlung des neuen Militärreglements in der Reichsduma gespannt war, da man bei dieser Gelegenheit eine bestimmte Stellungnahme der Regierung zum Antrage der Rechten gewärtigen mußte. Vor kurzem ging auch das bestimmte Gerücht um, daß die Ergebnisse der Regierungsenquete ungünstig für die Juden ausgefallen seien. Es hieß sogar, daß die militärische Oberbehörde sich ganz entschieden nicht nur für den Ausschluß der jüdischen Soldaten, sondern auch für den Ausschluß der jüdischen Aerzte aus der Armee ausgesprochen hätte. Die in der abgelaufenen Woche stattgefundene Behandlung des Militärreglements brachte nun den dirigierenden Parteien eine gewisse Enttäuschung: Die Regierungsvorlage schwieg sich gründlich über die Aussen fuß - frage aus. Der treffliche Nationalistenführer Krupensky ließ sich freilich durch diesen Umstand nicht beirren und suchte die Lücke in deT Regierungsvorlage durch einen Initiativantrag auszufüllen. Allein das Stillschweigen der Regierung scheint auf ihre treue Gefolgschaft von den Mehrheitsparteien einen entmutigenden Eindruck gemacht zu haben. Die Debatte über diesen Punkt ist entgegen allen Erwartungen recht langweilig ausgefallen, und es hat den Anschein, daß die Duma keine rechte Stimmung hat, den entscheidenden Antrag Krupenskys anzunehmen. Um die Patrioten zu beruhigen, beeilte sich die ,,Nowoje Wremja" „aus zuverlässiger Quelle4* mitzuteilen, daß die Regierung prinzipiell für den Ausschluß sei, daß sie aber die Aufrollung dieser Frage lediglich aus dem Grunde hinausgeschoben habe, damit nicht das überaus dringende neue Militärreglemerit durch ein neues, vorläufig noch nicht in allen Einzelheiten spruchreifes Gesetzprojekt belastet und in die Länge gezogen werde. Ein spezielles diesbezügliches Gesetzprojekt werde indes demnächst eingebracht werden. Inzwischen hört die Hetzpresse nicht auf, für den Ausschluß Propaganda zu machen. Dabei ist der vornehmen „Nowoje Wremja" in ihrem patriotischen Eifer eine üble Entgleisung passiert. In einem ihrer ellenlangen Artikel über diese Frage führte sie u. a. das kuriose Argument an, daß auf dem Zionistenkongreß zu Lemberg (!) die Aeußerung getan wurde, daß die Taufen das Judentum nur stärkten (sie!). Tags darauf enthüllte die böse ,,Rjetsen" prompt die Quelle dieser sonderbaren Ansicht. Vor genau 25 Jahren hatte nämüch eine antisemitische Pariser Zeitung ,,La Croix" diesen Unsinn einem gewissen Rabbiner Rudliff in den Mund gelegt, mußte aber bald die erdichtete Behauptung zurücknehmen, da es sich herausgestellt hat, daß die kuriose Ansicht" dem Roman eines gewissen Rudlift entnommen war, der alles andere eher war als Rabbiner. Ausweisungen Der unermüdliche Gouverneur von Jekaterinoslaw hat sich in seiner weitherzigen Deutung und Anwendung der Wohnrechtsbestimmungen noch immer nicht erschöpft. So wurden in letzter Zeit die Landstädte L o s o w a j a , AI m a s n a j a und 1 wanowka plötzlich zu Dorfgemeinden proklamiert und die ortsansässigen Juden in selbstverständlicher Konsequenz ausgewiesen. Diese nicht mehr seltene Maßregel genügte indes dem diensteifrigen Gouverneur nicht. Er verfiel auf die originelle Idee, gleichzeitig das Hab u n d Gut der Ausgewiesenen zu konfiszieren. Die Opfer des patriotischen Eifers des Gouverneurs wandten sich in ihrer Not an den Jekaterinoslawer Dumaabgeordneten Kamensky mit der Bitte um Beistand. Herr Kamensky besuchte den Minister des Innern Makarow und erhielt das Versprechen, daß der Minister dem Gouverneur die Instruktion erteilen werde, sich strikte an dem Wortlaut des bekannten Stolypinsehen Rundschreibens zu halten. Diese Verfügung ist jedoch vorläufig noch nicht getroffen worden, und der Jekaterinoslawer Gouverneur konnte inzwischen eine neue Leistung verzeichnen, i n d e in e r über f ü n f z i g j ü d i s c h e Familien des Ortes S 1 a w j a n o s e r b s k die Ausweis u n g v e r f ü g t e. I )as Ansuchen der Betroffenen, bis zum Frühling am Platze bleiben zu dürfen, wurde abgelehnt. Zur Aufhebung des russisch-amerikanischen Handelsvertrages Das Ereignis des Tages bildet die für die Petersburger politischen Kreise höchst unerwartet gekommene Resolution des amerikanischen Repräsentantenhauses betreffs Aufhebung des Handelsvertrages mit Rußland und die gleich darauf erfolgte Kündigung des Vertrags durch den Präsidenten ,,aus eigener Machtvollkommenheit", die lediglieh den Zweck hatte, dem demütigenden Beigeschmack der Resolution Sulzer zu entfernen. Die zungenfertigen Patriotenblätter suchen sich mit gewohnter Ungeniertheit über die erlittene Schlappe durch großtuerisches Gerede und blasierten ,,Nationalstolz" hinwegzuhelfen. Man wirft sich großartig in die Brust und spricht mit der verzückten Gebärde des Vaterlandsretters vom — Mißerfolg der Vereinigten Staaten! Durch die Suspension des Handelsvertrages würden nur die Vereinigten Staaten Schaden leiden, da der Warenexport aus Amerika nach Rußland bedeutend größer sei, als der aus Rußland nach Amerika. Auch das russische Unterhaus sah sich zu einer hochpolitischen Kundgebung anläßlich der Aufhebung des amerikanischen Handelsvertrages gedrängt. Am 22. Dezember brachten Gutschkow und Konsorten in der Reichsduma einen von 114 Abgeordneten unterzeichneten Initiativantrag ein, der im wesentlichen auf die Ankündigung eines Zollkrieges an Amerika hinausläuft. Die Antragsteller bringen ihre Meinung zum Ausdruck, daß die Suspension des amerikanischen Handelsvertrages die Folge einer Rußland feindlichen Agitation sei. Das amerikanische Unterhaus hätte ungesetzmäßig gehandelt, indem es sich in eine interne russische Angelegenheit gemengt hätte. Die Frage gehöre durchaus in das Gebiet der inneren