Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 52 (29.12.1911)
- Date
- 1911-12-29
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3315709-3316458-3316513--55438-3349265- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Brief aus London (Von unserem Berichterstatter.) Jüdische Allianz in der englischen Politik In diesem Lande der Freiheit ist seit Jahren der Ausländer, oder Alien, ein Gegenstand der Ausnahme. So war es im klassischen Falle der Aliens-Bill. So wie es in Rußland üblich ist, allen Gesetzen, die von politischen Rechten oder sozialer Fürsorge handeln, eine kleine Klausel, „mit Ausnahme der Juden", anzuhängen, so haben es auch englische Politiker fertig gebracht, den Alien hier und da als Ausnahme zu betrachten. Es mag ja recht und billig sein, dem Ausländer gewisse Begünstigungen, die einem vollwertigen Bürger zukommen, vorzuenthalten, aber es ist leider schon so, daß diese namentliche Ausschließung der Aliens vorwiegend Juden trifft. So wird bei dem Altersversorgungsgesetz der Alien ganz übergangen, und das Versicherungsgesetz, das eben in Kraft tritt, macht einen großen l'nterschied zwischen dem Alien und dem englischen Bürger, und schafft so nicht nur in materieller, sondern auch in sozialer Hinsicht eine Kluft zwischen dem Inländer und dem Ausländer. Nun sind wir aber doch in England, und sobald der Alien sich als englischer Bürger naturalisiert, wird er auch der bürgerlichen Rechte teilhaftig. Das ist in einem modernen Rechtsstaate wie England selbstverständlich. Es treten aber gewisse Schwierigkeiten auf, die die Naturalisation einem großen Teil der Aliens unmöglich machten. So die hohen Kosten, die sich auf ICO—150 AI belaufen. Ein Alien muß nicht nur eine gewisse Zeit im Lande selbst gelebt haben und einen unbescholtenen Ruf besitzen, sondern er soll auch der englischen Sprache im Lesen, Schreiben und Sprechen mächtig sein, bevor er die Naturalisation erlangen kann. Gegen die unerschwinglichen Kosten hat man von verschiedenen Seiten schon lange Einspruch erhoben, aber bisher ohne jeden Erfolg. Aber auch die geforderte Kenntnis der englischen Sprache bildet manchmal eine unüberwindbare Schwierigkeit, besonders bei älteren Leuten. Wenn bisher die Naturalisation im ganzen nur eine theoretische Bedeutung hatte, ist sie jetzt mit ansehnlichen Vorrechten verbunden, von denen Ausländer ausgeschlossen sind. Kein Wunder, daß unter den jüdischen Aliens eine Bewegung eingesetzt hat, die gewisse Erleichterungen für die Naturalisation verlangt. Da eine große Zahl der ausländischen Juden in sozialen Verbänden vereinigt ist, deren Zwecke den Versicherungs- und Altcrsversorgungsgesetzen sehr nahe stehen, so wird die Agitation planmäßig fortgesetzt werden. Auch vom politischen Standpunkte ist die Naturalisation von Belang, denn die große Alasse der jüdischen Aliens nimmt bei weitem nicht die Stellung ein, die ihr in mairchen jüdischen Vierteln des Londoner East End oder der Provinz zukommt. Ganz anders ist es in den Vereinigten Staaten, wo die Naturalisation so leicht vor sich geht und die naturalisierten Bürger eine große Macht erlangt haben. Der Board of Deputis, in dessen Bereich auch die Naturalisationsfrage gehört, hat den Minister des Innern um den Empfang einer Deputation ersucht, um die Naturalisati oiisbedingungen wesentlich zu erleichtern. Eine Bezalel-Ausstellung in London Der Bezalel, der so viele Triumphe in verschiedenen Städten des Kontinents gefeiert hat, soll nun auch im Mai eine Ausstellung in London haben. Diese soll mit einer Ausstellung der Evelina-de-Rothschild-Mädchenschule in Jerusalem verbunden werden, und vielleicht wird auch der Verband jüdischer Frauen für Kulturarbeit in Palästina daran teilnehmen. Es ist besonders zu begrüßen, daß außer einigen bekannten Zionisten (so sind von den drei Sekretären die Herren Cvril Picciotto und L. J. Stein vielversprechende junge Gesinnungsgenossen) auch eine Anzahl Mitglieder der jüdischen Elite sich daran hervorragend beteiligen werden. Von der Damenwelt, die ihr Interesse an der Ausstellung bekundet hat, sind die folgenden zu verzeichnen : Baroneß de G o I d s m i d e P a I m e i r a, Baroneß Percv de Worms, Lady Cohen, Lady Henry, Lady M a g n u s , Lady S p i e 1 m a n n , Ladv Stern, Lady Tuck, Mrs. Adler, Mrs. C. G. M o n t e f i o r e Mrs. Herbert B e n t w ich, Mrs. Israel Gollancz, Miß Goldsmid, Mrs. M. E. Lange und Miß Bella Löwy. Es kann gar nicht besser gewünscht werden, als daß Zionisten, besondern solche vom Schlage unseres Boris Schatz, mit ihren sogenannten „Gegnern" auf dem einigenden Boden der praktischen Palästinaarbeit sich treffen. Es wird allen ad oculos demonstriert werden, was „da" geleistet werden kann, wenn sich nur brüderliche und schwesterliche Hände ausstrecken, um helfend einzugreifen. Die englische Mission Die Taufseuche in Rußland, von der in der vorwöchigen Nummer der „Welt" die Rede war, hat scheinbar auch die Aufmerksamkeit der englisch-christlichen Mission auf sich gezogen. Wo es im Judentum sozial oder moralisch faul ist, da finden sich die Herren Missionare, meistens von unseren „Brüdern", ein, wie die Raben um einen Kadaver. Bis vor kurzem wurden die Missionare von Rußland fast ganz ferngehalten, aber die Juden dort sollen nun auch diese Plage auszustehen haben. In den christlichen Blättern werden Räubergeschichten von den Erfolgen der Missionare erzählt. Die Juden, und ganz besonders die jungen Juden, scheinen schrecklich religiös gesinnt geworden zu sein, und die christliche Welt wird um finanzielle Hilfe angerufen, um diese Leute, die sich als „Gottsucher" bezeichnen sollen, auf den richtigen Weg zu leiten. In Warschau besonders sollen viele solcher „Gottsucher" sein, und ein gewisser Herr Zimmerman ist da sehr beschäftigt, um all die „Gottsucher", die zu ihm kommen, zu taufen. Seit November 1910 hat er 39 Juden, darunter 12 Studenten, getauft. Die Getauften haben viel für ihre neue Religion „geopfert",, und der fromme, wahrheitsliebende Herr Missionar „versichert" öffentlich, daß die Taufe nicht etwa um weltlicher Vorteile willen von den Interessenten angenommen wurde, denn die russische Regierung betrachtet sie noch immer als Juden und als allen jüdischen Ausnahmegesetzen unterworfen. Der jüdische Paß Von dem amerikanischen Proteste gegen die russische Behandlung amerikanischer Bürger jüdischen Glaubens angeregt, ist man jetzt auch in England bemüht, die Sache aufzurollen, und ein Memorandum darüber wird dem englischen Minister des Aeußern unterbreitet werden. Es wird freilich 'nicht viel dabei herauskommen. Sir Edward G r e y ist viel zu ängstlich bemüht, die russische Freundschaft zu erhalten, als daß er sich bewogen fühlen wird, die unbequeme Paßfrage aufzurollen. Der Board of Deputies, der auch andere Sorgen hat, ist als jüdische Körperschaft viel zu schwach, um die englische öffentliche Meinung deswegen aufzurütteln. Die „Times", die scheinbar ihre russischen Ideen von der „Nowoje Wremja" schöpft, tut so, als ob es nur eine Frage der ausgewanderten russischen Juden wäre, und glaubt daher, daß es England gar nichts angehe. Es ist eine Irreführung, die scheinbar von St. Petersburg mit großer Kunst betrieben wird. Mr. Joseph Cowen Heß irn „Daily Telegraph" eine Richtigstellung erfolgen, die auf einer Washingtoner Quelle beruht. Brief aus Galizien (Von unserem Berichterstatter.) Das Vereins- und Versammlungswesen hat sich während dieser Wintersaison viel reger und jüdischer gestaltet, als in der vergangenen, nicht zumindest dank den lieben Gästen, die aus dem Westen her uns besuchten und einen lebhaften Gedankenaustausch verursachten. Donnerstag, den 14. Dezember, sprach Dr. Aron S a n d I e r aus Breslau im Saale der Toynbeehalle in Lemberg über „Die Juden in der öffentlichen Meinung Europas", Sonnabend, den 23. Dezember, Dr. Felix Pincus (Zürich) im großen Jad-Charuzimsaale über „Die Stellung der Juden in der Weltpolitik". Beide Vorträge wurden von der zionistischen akademischen Verbindung „Hasmonaea" veranstaltet. Außerdem veranstaltete die Verbindung „Makkabäa" in Lemberg theoretische Diskussionsabende über die jetzige Situation in der allweltlichen und galizischen zionistischen Organisation. Als Referent fungierte Adolf Stand, und alles, was in Lemberg zur zionistischen Intelligenz gezählt wird, nahm an diesen Vorträgen teil. Ob die Debatten die durch die Scheidungsfrage verursachte Gärung zum Stillstand brachten, wird die Konferenz entscheiden. An Bemühungen zu einer allseitigen Verständigung fehlt es nicht. Die Wählerversammlungen, die gewöhnlich nur eine Formalität waren, zeichnen sich diesmal durch eine erfreuliche Leidenschaftlichkeit aus. Man wählt in des Wortes wahrer Bedeutung, was an und für sich ein sicheres Lebenszeichen ist, wenn auch so manche Versammlung bei unserem Temperament rechi stürmisch verläuft. Die Konferenz wird jedenfalls sehr interessant sein.