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Die Welt · 1911-12-29 · 52 (29.12.1911) · page 9

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Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
52 (29.12.1911)
Date
1911-12-29
Page
– (sequence 9)
Language
German
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klarem Blick alle Fäden der europäisch-amerikanischen Politik, aber über die Dinge, welche in seiner nächsten Umgebung vorgingen, ist der hochgestellte Staatsmann nicht in gleichem Maße unterrichtet; das zeigt handgreiflich seine Erklärung. Rußland könne, sagte er, die amerikanischen Juden nicht nach Rußland hineinlassen, weil die jüdischen politischen Verbrecher, die nach der Revolution geflohen sind, jetzt mit amerikanischen Pässen zurückkehren würden. In so wenigen Worten welche Masse von Fehlern und Ungereimtheiten. Rußland sperrte den amerikanischen Juden seine Grenzen, bevor noch jemand die Möglichkeit einer russischen Revolution geahnt hatte. Weiß Herr Sasonow nicht, was jeder Zeitungsleser weiß, daß schon vor 10, vor 15, vor 20 Jahren Fälle vorgekommen sind, die zu scharfen Kontroversen geführt haben? Herr v. Sasonow möchte die russischen Juden en bloc als Verbrecher hinstellen — als politische Verbrecher und Revolutionäre. Nun wie steht es denn mit diesem Verbrechertum? Und wie wird diese Darstellung wirken? Gegen Verbrecher an sich hat die gesittete Welt ein natürliches Vorurteil. Aber politische Verbrecher sieht sie mit Fug nicht immer als Verbrecher, sondern häufig als Wohltäter des Volkes an. Denn nichts ist wandelbarer als die Anschauung über politische Handlungen. Was heute als schuldbare Missetat geahndet wird, das wird morgen als rühm würdige Großtat gefeiert. Häufig genug hängt die Entscheidung über eine politische Handlung auch in richterlicher Hinsicht von der Herrschaft oder dein Sturze eines Staatsmannes oder einer Partei ab. Nicht die sittliche und rechtliche Würdigung der Handlung ist regelmäßig maßgebend, sondern der äußere Erfolg und die wechselnde Auffassung der Gewalthaber. Man mag über politische Verbrecher denken, wie man mag, eins muß man zugeben, nämlich, daß sie nicht aus schmutzigen, habsüchtigen Beweggründen, sondern aus lebendiger Ueberzeugungstreue und aus Hingebung an eine große Sache handeln. Sie können irren; sie können über das Ziel hinausschießen; sie können sich in der Form vergreifen. Aber ihre Handlungsweise ist nicht auf die gleiche Stufe mit dem Verhalten eines betrügerischen Bankiers oder eines Straßenräubers zu stellen. Im gesellschaftlichen Leben weiß auch Hoch wie Gering, daß politische Verbrechen oder Strafen, welche man für solche Taten erlitten hat, nicht entehren. Politische Verbrecher sind nicht selten zu den höchsten Aemtern und Würden aufgestiegen, als sich die Zeiten geändert hatten. Ein Lothar Buch e r konnte die rechte Hand Bismarcks werden, obgleich er einst wegen Hochverrats verurteilt war; ein And r ä s s y wurde der erste Vertrauensmann seines Kaisers, obwohl er als Rebell das Todesurteil empfangen hatte. Und wenn Franz Z i e g I e r an die Tatsache erinnerte, daß er zu langjähriger Freiheitsstrafe und zur Amtsentsetzung verurteilt war, dann baten ihn leitende Staatsmänner, jene peinlichen Vorgänge doch endlich — vergessen und entschuldigen zu wollen. Nun ist es aber eine lächerliche Phantasmagorie, die russischen Juden als politische Helden oder Verbrecher zu stempeln. Sämtliche Nationalitäten hatten ihre Vertreter in der Revolution, eine genaue Statistik gibt es ebensowenig wie «ine sichere Definition des Verbrechertums; es ist nicht mehr als ein tendenziöses Gerede, d. h. wenn ein jüdischer Name auftaucht, dann rauscht es im Blätterwälde, während zehn oder zwanzig nichtjüdische Namen gar nicht bemerkt werden. Nun kommt aber die Hauptsache. Diese Flüchtlinge der Revolution konnten sich noch gar nicht in Amerika naturalisieren und haben noch keine amerikanischen Pässe! Es ist also ein Kampf mit Windmühlen! Denn sollte es sich um richtige Revolutionäre handeln, so begreift jedes Kind, daß diese nicht erst auf einen von der amerikanischen und von der russischen Re¬ Nein, es handelt sich weder um „politische Verbrecher", aut die man auch stolz sein könnte, noch um ganz ausgesprochene Revolutionäre, die, ob sie Juden oder Letten oder Grusinen sind, keiner Abmachung zwischen Rußland und Amerika bedürfen, um nach Rußland zu kommen. Um das Gegenteil handelt es sich: um ganz konservative, staatserhaltende „bürgerliche" jüdische Elemente, die vielleicht durch einen amerikanischen Paß das „Wohnrecht" erlangen könnten. Das sind die „politischen Verbrecher". Die Leute, die in der Residenz ihres Vaterlands wohnen und ein Gewerbe betreiben wollen. Die Leute, die in Kiew wohnen wollen, wo ihre Vorfahren lebten, bevor noch diese Stadt russisch im heutigen Sinne geworden ist. Auch diese Gefahr ist nicht tatsächlich vorhanden. Ein Jude, der schon im Besitz eines amerikanischen Bürgerpasses ist, wird nicht nach Rußland zurückkehren; es können höchstens einige kuriose Fälle vorkommen. Aber es ist nur diese „Gefahr", die befürchtet wird — nichts anderes. * Exodus. — Die Frage liegt nicht in Amerika; sie liegt in Rußland, [n der offiziösen russischen Presse ist ein etwas milderer Ton angeschlagen worden, aber die faktische Lage hat sich nicht geändert. Schwere Drangsale brechen jeden Tag über unsere Brüder herein. Veraltete Gesetze, selten vorher gehandhabt, werden jetzt mit äußerster Strenge durchgeführt, und jeder Tag bringtneuen, noch härteren Druck. Schon sind Tausende aus Heimat und Erwerb vertrieben: glücklich, wer die Reste seiner Habe rettet; die meisten verlassen als hilflose Flüchtlinge die Stätte, wo sie als fleißige Bürger, den Ihren zum Segen und niemand zuleide, ihr Brot erwarben. Daß man sie nicht über die Grenze verweist, was frommt es ihnen? In den überfüllten Bezirken, wo sie vielleicht geduldet würden, erwartet sie nur der Hunger. Sie müssen auswandern und mit ihnen alle, die sich durch ihr geistiges Streben ein menschenwürdiges Los zu erringen gehofft. Denn gleichzeitig sind ihnen die gelehrten Berufe verschlossen worden. Die Not ist im Wachsen, die Zahl der Auswanderer, die Schwierigkeit, ihnen neue Wohnstätten, neuen Unterhalt zu schaffen, wird immer größer. Rußland schafft durch seine sinnlose Judenpolitik eine internationale Krise: bald ist es Amerika, bald wird es England sein. Wo ist das Ende, und wird man nicht einmal aut diesem Wege zu der einzig radikalen Lösung der Judenfrage gelangen? Was wir heute sehen, ist eine Wiederholung des spanischen Exodus. Man spricht heute zuweilen wegwerfend über die Sephardim, und das ist grundfalsch. Die Juden stellten die höchste Elite Spaniens dar. Die Ausgetriebenen waren die hellsten Geister, denn sie waren diejenigen, die sich allen neuen Gedanken zugewandt hatten; sie waren die stolzesten Gemüter, denn sie suchten und fanden Befriedigung in einer Lehre, welche dem Individuum das erhabene Recht gibt, sich jeder Autorität unabhängig und frei prüfend gegenüberzustellen; sie waren die tapfersten Sieger, denn sie erlitten lieber die furchtbarsten Heimsuchungen der Inquisition, als daß sie von dem gelassen hätten, was sie als Wahrheit empfanden, und gaben lieber alles irdische Gut, ja selbst das Leben auf, ehe sie sich mit dem eigenen Gewissen in Widerspruch setzten. Was blieb in Spanien zurück? Die ungeheuer überwiegende Mehrheit sicherlich, aber eine Mehrheit, die aus Frivolen und Gleichgültigen, oder aus stumpfen Anhängern der Macht bestand. Das Salz der Erde war weg, und was zurückblieb, wurde dumpf. Für den hohen Wert des Menschenmaterials, das Spanien verlor, haben wir eine doppelte Probe: die Geschicke der Ausgewanderten und die Geschicke der Zurückgebliebenen. Ueberall, wo jene sich in fremdem Lande niedergelassen, haben

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