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Die Welt · 1911-12-29 · 52 (29.12.1911) · page 5

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
52 (29.12.1911)
Date
1911-12-29
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Kraftbewußtsein stetig zunimmt. Der zehnte, der Jubiläumskongreß hat vor aller Welt dokumentiert, daß die schweren Entwicklungskämpfe, die unsere Organisation durchzumachen harte, zu endgültigem Abschluß gelangt sind. Er hat jene Synthese der verschiedenen Strömungen geschaffen, welche einer Auffassung des Zionismus entspricht, wie sie in unseren Reihen immer die herrschende war. In dem neuen Statut, das der Kongreß der Weltorganisation gegeben hat, sowie in den Prinzipien, nach denen die neue Leitung eingesetzt wurde, haben auch jene speziellen Postulate, welche unsere vorjährige Tagung aufgestellt hat, die Sanktion des Kongresses erhalten. Das Kollegialprinzip wurde durchgeführt, Vertreter der Ostjuden wieder in die Leitung aufgenommen, diese in ein jüdisches Zentrum verlegt und dem großen Actions-Comite seine Rechte zurückgegeben. Das Referat über die Lage nach dem zehnten Kongreß wird Ihnen dartun, in welcher Weise die fruchtbaren Anregungen, welche von dieser denkwürdigen Tagung ausgegangen sind, nutzbar gemacht werden sollen, um die günstigen Dispositionen zu nützen, die allüberall für einen mächtigen Aufschwung der Bewegung vorhanden sind, der vor allem in einer starken Vermehrung ihrer Anhängerzahl zum Ausdruck gelangen muß. In dem Eifer, den wir für diese Arbeit aufzuwenden bereit sind, wissen wir uns eins mit der vom Kongresse gewählten neuen Leitung, die wir aufs wärmste begrüßen. Wir haben zu ihren Mitgliedern, an deren Spitze der von uns seit jeher geehrte und geschätzte Gg. Prof. Dr. Otto W a r b u r g steht, das uneingeschränkteste Vertrauen und wir versprechen, ihr freudige Gefolgschaft zu leisten. Mit hoher Befriedigung sehen wir zum ersten Male seit Bestand unserer Organisation ein Mitglied des engeren Actions-Comites, Herrn Dr. Arthur H a n t k e, in unserer Mitte, den wir als langjährigen Leiter der großen und wohldisziplinierten deutschen Landsmannschaft schätzen gelernt haben. Gg. Dr. H a n t k e ist mit dem Sekretär der Parteileitung Gg. Kurt Blumenfeld erschienen, um eine engere Fühlungnahme mit der westösterreichischen Organisation zu suchen. Wir hoffen, daß das Engere Actions-Comite sich durch die Teilnahme dieser Herren an unseren Tagungen von der Arbeitsfreude, aber auch von der Bedeutung unserer Landsmannschaft ein richtigeres Bild zu machen in der Lage sein wird, als es bisher außer unseren Landesgrenzen möglich war. Dieses Bild wird umso eindrucksvoller sein, je sachlicher und gediegener wir unsere Beratungen führen werden. Daß tiefgehende Meinungsverschiedenheiten in unserer Mitte zu finden sind, wird unsere verehrten Gäste nicht überraschen. Sie werden bemerken, daß es sich dabei trotz aller unrichtigen Ausstreuungen um keinerlei persönliche, sondern nur um sachliche Differenzen handelt. Es sind hauptsächlich Fragen der Taktik, in welchen Gegensätze der Anschauungen aufeinanderstoßen, die keine spezifisch österreichischen sind, die aber bei uns deshalb stärker in die Erscheinung treten, weil sie infolge der von uns schon berührten Eigenart unserer Lage unmittelbare praktische Bedeutung für die Interessen der Zionisten gewinnen — vor allem in dem Problem der nationaljüdischen Landespolitik. Ein Referat, das dem Zionistentag über diese Frage erstattet werden wird, wird sich mit ihr auseinanderzusetzen haben. Aber ich darf wohl schon an dieser Stelle betonen, daß niemandem von uns die Landespolitik Selbstzweck, sondern daß sie selbst ihren eifrigsten Verfechtern nur Mittel zum Zweck, zum Zionismus, ist. Nicht irgendwelche politischen oder persönlichen Aspirationen haben in unserer westösterreichischen Organisation den bestimmenden Antrieb zur Führung der Landespolitik gegeben, sondern das treibende" Moment war und ist das national-jüdische Bewußtsein der betreffenden Zionisten. Und wenn auch die Führung einer politischen Aktion noch manche starke Gegnerschaft erweckt, im Punkte des nationaljüdischen Empfindens sind wir westösterreichischen Zionisten eines Sinnes. Die Versuche, durch psychologische Spitzfindigkeiten einen Zionismus zu konstruieren, der seine Wurzeln nicht im jüdischen Volksbewußtsein hat, wurden von uns einmütig und entschieden abgelehnt. Uns westösterreichischen Zionisten ist der Zionismus nichts anderes, als der logisch zu Ende gedachte jüdische Volksgedanke. In unseren Debatten, so heftig sie sich auch gestalten mögen, sollen wir uns stets vor Augen halten, daß diese prinzipielle Einigkeit in toezug lauf die letzten Quelltiefen zionistischer Weltanschauung uns stärker binden muß, als alle Differenzen in den Anschauungen über die einzelne praktische Aktion uns jemals trennen können. Je mehr aber unser nationales Fühlen sich in uns vertieft, mit desto größerer Sehnsucht streben wir, in nichtjüdische Umwelt gebannt, zu engerem Anschluß an die neujüdische Entwicklung. Wenige ivon uns sind so glücklich, den radikalen Bruch mit dem Golus vollziehen und ihr Leben mit .dieser Entwicklung verknüpfen zu können. Unsere Organisation ist stolz auf diese wenigen, denn sie hat in ihnen manche vorzügliche Kraft gestellt. Wir andern aber haben erkannt, daß die einzige Möglichkeit für uns, wenigstens innerlich an jener Entwicklung teilnehmen zu können, in der Erlernung der hebräischen Sprache liegt. Durch sie allein sind wir imstande, uns in den Strom jüdischer Geistesentwicklung einzuschalten, die Schätze der Vergangenheit zu heben und mit der neuen Generation in Erez Israel, die unsere Zukunft bereitet, im Zusammenhang zu stehen. Die hebräische Bewegung, die von Palästina aus im Siegeslauf die Geister erfaßt, hat deshalb in uns begeisterte Jünger gefunden. Wir sehen in der wiedererwachten Sprache das einzige Band, das alle Juden der Welt mit der neujüdischen Kultur und miteinander verknüpfen und sie wieder zu einer Nation im geistig kulturellen Sinn vereinigen wird. Nicht minder hoch werten wir die symptomatische Bedeutung der neuhebräischen Renaissance: Das Wiedererwachen unserer längst Totgeglaubten Sprache erschien jenen Vielzuvielen, die an die Ausschließlichkeit mechanisch-materialistischer Evolutionen glauben, als ein Wunder. Uns, die wir auf die schöpferische, umwertende Kraft von Ideen all unsere Hoffnungen setzen, ist sie eine köstliche Bestätigung unserer idealistischen Weltanschauung und erfüllt uns als solche mit hoher Zuversicht. Die Erreichung unseres Endzieles kann — das ist unsere innerste Ueberzeugung — nicht bloß das Produkt dessen sein, was man gemeinhin Entwicklung nennt, das höchste kann von,uns nur erreicht werden durch die umwälzende Kraft von Ideen! Drum wissen wir, daß es unsere erste und vornehmste Aufgabe ist, den Zionismus als ideelle Macht zu erhalten. Dies ist das wahre Erfülltsein vom Geiste unseres gewaltigen Führers, das wahre „Zurückgehen auf Theodor Herz 1". Die Entwicklung der Bewegung kann von uns gebieterisch die Aenderung der Methoden, der Taktik, der Praxis und der Technik verlangen, neue Geistesarbeit, wie die von einem unserer engeren Freunde auf dem Gebiete der Rassenforschung geleistete, kann der Idee neue Stützpunkte bieten, unveränderlich aber bleibt, was das wahre Erbe des großen prophetischen Führers ist: die Qualifikation unserer Bewegung. Nicht bloß Synthese von nationalem Gedanken und sozialer Hilfe, von Politik und Kolonisation, ein höheres ist der Herzische Zionismus: Er ist der Königsgedanke der äußeren Befreiung des jüdischen Volkes und der inneren Befreiung des einzelnen Juden. Die äußeren Bedingungen der Befreiung des jüdischen Volkes zu erringen, ist das Ziel unseres Programms, unseres vereinten Strebens. Die innere Befreiung vollzieht sich als fortdauernder Prozeß in der Seele jedes einzelnen Zionisten. Mögen die Verhandlungen dieses Tages erweisen, daß wir an innerer Freiheit gewachsen sind, daß wir frei sind von Vorurteilen, von der Kleinlichkeit und dem Mißtrauen, diesen Erbteilen des Ghetto, daß wir imstande sind, Großes durch Größe zu erstreben. Dann wird unsere Tagung vom echten Geiste Herzls durchdrungen sein! Der dritte westösterreichische Zionistentag ist eröffnet. (Stürmischer, langanhaltender Beifall.) Hierauf ergriff Dr. Arthur H a n t k e , stürmisch begrüßt, das Wort: Die wichtigste vom X. Kongreß geschaffene Aenderung sei das Kollegialprinzip. Möglichst viele sollen an der aktiven Arbeit beteiligt sein. Die Leitung erwarte von den Zionisten nicht nur Schekel, sondern auch neuen Geist, neue Ideen und jene Einheitlichkeit der Organisation in den einzelnen Ländern, die jedem Teilnehmer das Gefühl gibt, daß er mitwirkt. Ausgezeichnet sei die Organisation in jenem Lande, in welchem die Hälfte des jüdischen Volkes wohne, aber die russische Judenheit lebe unter so schwierigen Verhaltnissen, daß die Organisationen der anderen Länder dem Zionismus das Rückgrat geben müssen. Insbesondere Oesterreich, das Land der Nationalitäten kat exochen sei dazu prädestiniert, eine starke zionistische Landespartei zu entwickeln. Wenn Männer, die Von den gleichen Idealen erfüllt sind, sich zusammenfinden, so müssen sie sich einigen, gebe es auch noch so weitgehende Differenzen in den Ansichten. Deshalb sei Redner überzeugt, daß die Tagung erfolgreiche und gesunde Arbeit leisten werde. (Lebhafter Beifall.) Nach Wahl des Präsidiums wird an den Zionistentag der galizischen Gesinnungsgenossen in Stanislau ein Begrüßungs-

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