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Die Welt · 1911-12-29 · 52 (29.12.1911) · page 4

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
52 (29.12.1911)
Date
1911-12-29
Page
– (sequence 4)
Language
German
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\! 1418 ■ t>IE3j ist auch uns der Zionismus teleologisches, zweckstrebendes Judentum: Nichfy weil wir aus verschiedenen Lagern kommen, müssen wir uns trennen, nein, weil wir zu einem Ziele gehen, müssen wir uns einen! Zehn Jahre sind gerade verflossen, seit die Zionisten ganz Oesterreichs zu ihrer ersten Tagung zusammentraten. Sie bildeten damals eine Organisation, von der die heutige westösterreichische nur ein Teil ist. Die Trennung von unseren Brüdern im Osten der Monarchie ist nicht nach unserem Willen geschehen, wir wurden vor die vollendete Tatsache gestellt. Westösterreich hat den durch sie geschaffenen Zustand niemals akzeptiert, wir haben unsere Organisation stets nur als einen Teil einer gesamt-österreichischen angesehen, wir haben immer zum Ganzen gestrebt. Wenn wir uns heute auch selbständig konstituieren müssen, so tun wir dies nur aus Gründen praktischer Zweckmäßigkeit. Wir fühlen uns eins mit unseren Gesinnungsgenossen im Osten des Reiches, und nicht nur unsere Tagungen finden gleichzeitig statt, auch der Geist, der beide belebt, ist ein und derselbe. Immer stärker ertönt auch in unserer Bruderorganisation der Ruf nach Wiedervereinigung der getrennten Teile. Angesichts dieses größeren Zieles tut es dringend not, daß wir unsere Vereinigung nicht in weitere Teile zersplittern, daß wir einig und stark sind, damit nicht unsere Schwäche Schuld daran werde, daß wir zu jener höheren Einigung nicht vordringen konnten. Zur Einigung bedarf es aber Nachgiebigkeit aut allen Seiten. Ich bin überzeugt, daß die Delegierten des Zionistentages hierin nicht jenen des X. Kongresses nachstehen werden, welche, mit dem früheren Präsidenten David Wolffsohn an der Spitze, den Beweis geliefert haben, daß ihnen für die Herstellung der Einheit und Einigkeit unserer Organisation kein Opfer zu groß ist. Ich kann das um so eher annehmen, als unter den Zionisten Oesterreichs niemals eine Meinungsverschiedenheit gerade in der heißumstrittensten Frage unserer Bewegung geherrscht hat, jener, welche man mit Unrecht in die Antithese: Politischer kontra praktischer Zionismus zu kleiden versucht hat. Die österreichische Organisation hat seit Jahren auf all ihren Tagungen in dieser Frage stets jenen Standpunkt eingenommen und mit Festigkeit vertreten, der am X. Kongreß von der Gesamtbewegung endgültig als richtig anerkannt wurde: Daß politischer und praktischer Zionismus keine Gegensätze darstellen, sondern unauflöslich miteinander verflochten sind, daß die praktische Arbeit Voraussetzungen für die politische zu schaffen und die politische der praktischen die Wege zu ebnen hat. Wenn diese Anschauung sich endlich Bahn brechen kannte, so ist dies vor allem den Fortschritten zu danken, welche die jüdische Siedlung in Palästina in den letzten Jahren dank den Ausstrahlungen der zionistischen Idee und nicht zuletzt auch dank der zionistischen Arbeit im Lande gemacht hat. Diese Fortschritte mögen an unseren ungeduldigen Wünschen ' und an dem Wachstum der moralischen und sozialen Not des Volkes gemessen, unendlich gering erscheinen, aber es sind die einzigen wirklichen Fortschritte, welche das jüdische Volk aut dem Weg zu einer besseren Zukunft gemacht hat und ihre Bedeutung ist deshalb unendlich groß, weil sie heute schon diese Zukunft sichern. Mögen noch so trübe Zeiten über die Judenschaft hereinbrechen, der heutige Stand .der jüdischen Siedlung in Erez Israel verbürgt, daß das Judentum nicht mehr untergehen kann. Dias Resultat einer dreißigjährigen zionistischen Arbeit ist dieses: daß heute nicht mehr des Judentums Sein oder Nichtsein in Frage steht, sondern nur mehr das Tempo seines Wachsens und Werdens. Eine vielleicht unbewußte Ahnung dieser unschätzbaren Errungenschaft dämmert auch in den Kreisen der nichtzionistischen Judenschaft und ist die Ursache der erfreulichen Erscheinung geworden, daß Palästina heute in den Mittel- ■ punkt des allgemein jüdischen Interesses gerückt ist. Wir sehen eine Entwicklung vor sich gehen, die ich einmal mit den Worten vorauszunehmen gesucht habe: Nicht der G o 1 u s wird Palästina, sondern Palästina den öolus erobern! Seitdem Pala^ina nicht mehr nur empfängt und zehrt, sondern dem Judentum etwas zu geben, neue Werte zu geben hat, zieht es alle Kreise des Volkes in seinen Bann. Denken und Fühlen der Judenheit ist wieder palästinazentrisch geworden. Das ist die zweite große Errungenschaft der so mühseligen, aber allen Schwierigkeiten mutig begegnen- . den zionistischen Palästinaarbeit dreier Jahrzehnte. Doch so wertvoll das Erreichte auch erscheinen mag, uns ziemt es nicht, die Freude darüber in erschlaffender Selbstzufrieden hueit schal werden zu lassen. Das Referat über Palä- [ELT - -------------.....------------■--■ - '■Nr. 52 stina, das auf der Tagesordnung unserer Verhandlungen steht, wird Ihnen dartun, worin unsere nächsten und dringendsten Aufgaben in Erez Israel bestehen. Diese Aufgaben sind von ungeheurer Größe und Schwere. Wohl sehen wir heute schon manche erträumte Möglichkeit durch Wirklichkeiten übertroffen, aber diese Wirklichkeiten sind selbst nur Hinweise aut viel größere Möglichkeiten. Und keine Wirklichkeit wird jemals die Größe und Höhe unseres Ideals erreichen, das wir unverwässert und unverkleinert in unseren Herzen tragen. Unsere eigene Arbeit muß daher rastlos immer weiter streben; von den äußeren Bedingungen erfordert sie nur so viel, als nötig ist, um unsere nationale Individualität frei und ungehindert entwickeln zu können. Wir verlangen keine Sonderrechte und hegen keine Machtgelüste. Es ist notwendig, diese Selbstverständlichkeit immer aufs neue auszusprechen, insbesondere jenem Staate gegenüber, in dem allein wir die Bürgschaften für ein freies, nationales Ausleben gegeben sehen, um dadurch immer wieder niedrigen Verleumdungen zu begegnen, die noch immer vo;i einzelnen übelwollenden Menschen kleiner persönlicher Vorteile halber über unsere vermeintlichen Ziele verbreitet werden. Es erfüllt uns daher mit großer Genugtung, daß unsere Vertretung in Konstantinopel mit wahrhaft staatsmännischer Einsicht und bewunderungswürdiger Zähigkeit unablässig daran arbeitet, die Bevölkerung und die leitenden Kreise des osmanischen Reiches darüber aufzuklären, daß unsere Ziele in völligem Einklang stehen mit den wohlverstandenen Interessen dieses Staates und daß der Erfolg unserer Bestrebungen aufs innigste verknüpft ist mit dem Erstarken und Aufblühen der neuen Türkei. Mit um so größerem Schmerze sehen wir daher das ottomanische Reich von außenher in schwere Verwicklungen gezogen. Es ist unser lebhaftester Wunsch, daß die neue Türkei, die übrigens in den ernsten Zeiten, die sie durchzumachen hat, die Stärke ihrer Hilfsquellen in überraschender Weise offenbarte, aus dieser Prüfung ohne Schädigung ihrer Existenzbedingungen hervorgehen möge, um sodann all ihre Kräfte dem Werke der inneren Regeneration widmen zu können. Die Hilfe, die der Zionismus zu dieser Arbeit dem türkischen Reiche gerne und freudig zur Verfügung stellt, wird im politischen Calcul einen um so größeren Faktor bilden, je mehr unsere finanziellen Mittel und unsere Organisation an Stärke gewinnen werden. Unsere finanziellen Mittel sind in der Bank und im Nationalfonds konsolidiert. Wir hoffen und wünschen, daß unsere Bank in der Folge unbehindert durch etwaige, ihren eigentlichen Zwecken fern liegende Inanspruchnahme, sich kräftigen und mit der Zeit jenen Platz in unserem Finanzsystem erringen können wird, der ihr von ihrem großen Initiator zugedacht war. Der Jüdische Nationalfonds hat seinerseits diese Stellung errungen. Er ist heute im Herzen des Volkes fest verankert und stellt nichts Geringeres dar, als den greifbaren Niederschlag der riet in der Volksseele wurzelnden Palästinaliebe. In der Art seiner V e r w e n d u n g spiegelt sich der Geist des Zionismus in voller Reinheit wieder. Mag der Nationalfonds Boden als dauerndes Volkseigentum erwarben, jüdischen Händen in Stadt und Land Beschäftigung geben, mag er der geistigen Renaissance und ihren Jüngern Heimstätten bauen, immer und überall sind seine Taten beseelt von dem im Judentum uralten demokratischen Geiste, dem in unseren Gesetzen, wie in unserem Blute tief eingeprägten sozialen Sinn und dem traditionellen echtjüdischen Geist der Duldsamkeit. Diese Art der Anwendung seines großen Fonds ist es, die den Zionismus von allem, was außer ihm im Judentum und in Palästina arbeitet, schart und deutlich unterscheidet, sie ist es, die ihn zum wahren und einzigen Sachwalter des jüdischen Volkes macht. Das Referat über den Nationalfonds wird Ihnen schildern, welchen Aufschwung die Sammlungen unter bewährter Leitung genommen haben. Unter den Ländern, welche für den Nationalfonds steuern, nimmt Oesterreich einen Ehrenplatz ein, den wir unbedingt behaupten wollen. Doch all die großen Erfolge auf dem Gebiete der Sammlungen sind noch immer zu klein gegenüber den vorhandenen Möglichkeiten, sowie angesichts der gewaltigen Aufgaben, die dem Nationalfonds gestellt sind. Allüberall müssen die Eingänge für den jüdischen Volksschatz verdoppelt und vervierfacht werden, wir betrachten ihre bisherige Entwicklung nur als kleines, bescheidenes Vorspiel einer größeren und rascheren Progression. Sollen sich unsere Wünsche erfüllen, sollen Nationalfonds, Bank, sowie alle anderen Institutionen erstarken und gedeihen, so ist die erste Voraussetzung dafür, daß die zionistische Weltorganisation, welche sie alle geschaffen hat und dauernd für sie sorgt, an Geschlossenheit, Einheitlichkeit und

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