Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 52 (29.12.1911)
- Date
- 1911-12-29
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 52 DIE 39TE LT 1417 Abgeordneter Dr. Wolczynski sagte wörtlich: „Wir müssen uns die jüdischen Massen unseres Landes vor Augen halten, um die Notwendigkeit der jüdischen Kurie zu begreifen. Ich billige den Standpunkt der Juden, welche die drittgrößte Nationalität im Lande sind und Anspruch auf Anerkennung ihrer Nation haben. Und Baron Wassilko zeigte in seiner Rede, vves Geistes Kind die Herren waren, die den Minister bestürmten, er solle doch um Gotteswillen den Israeliten nicht schaden und die Kurie nicht bewilligen, indem er zum besten gab, einer dieser ungebetenen Fürsprecher habe ihn -einen Antisemiten gescholten - — weil er für die jüdische Kurie eingetreten sei. Die Geschichte des russisch-amerikanischen Paßkonfliktes und die Geschichte der von jüdischen Mitbürgern vereitelten jüdischen Wahlkurie in einer österreichischen Reidisprovinz. Zwei Episoden, die man nebeneinander halten muß. Dort die selbstverständliche Solidarität des Forderns, hier widerliche 1 lintcrtreppenpolitik, um das zu verhindern, was dem eigenen Bruder nützt und seinem nichtjüdischen Mitbürger frommt, dort der schöne Erfolg, hier Schaden und Spott. Mögen sich alle bewußten Juden diese Gegenstücke vor Augen halten und dem Streben österreichischer Gesinnungsgenossen, der Judenschaft dieses Staates ein politisches Rückgrat zu geben, liebevolles Verständnis entgegenbringen. III. Westösterreichischer Zionistentag zu Brünn (25.-26. Dezember 1911) Der III. Zionistentag Westösterreichs war von 164 Delegierten beschickt. Um es gleich herauszusagen: Er hat überaus fruchtbare Arbeit geleistet und seine Erfolge sind nicht zuletzt der eindrucksvollen Intervention der anwesenden Vertreter unserer Weltleitung zu danken. Zu Beginn der Tagung sagte Dr. Arthur Hantke, er sei überzeugt, daß Männer, die das gleiche Ideal beseele, einig werden müßten, wären die Meinungsdifferenzen noch" so tiefgehend. Er hat Recht behalten. Die Delegierten kamen vielfach mit heißen Köpfen und schieden in Harmonie. D a s O r g a n i s a t i o n s p r o b 1 e m w u r d e r c s t- I o s g e 1 ö s t. Es gelang in der Nachtsitzung vom 25. auf den 26. September, alle Bestimmungen des Statutenentwurfes, welche die Distrikte und die Gegner einer organisatorischen Verquickung von Zionismus und Innenpolitik als Härten empfanden, auszumerzen. Hierauf wurde der Organisationsentwurf, der den westösterreichischen Zionismus zentralisiert und ihm eine starke Leitung gibt, per Akklamation zum Besc h 1 u s s e erhoben. Der nächste Tag brachte das bedeutsame Referat des Parteisekretärs Gg. Kurt Blumenfeld über „Die Lage nach dem X. K o n g r e Ii." Die Konsequenzen, die der Referent aus dem heutigen Zustand bezüglich der Qualität und des Umfangs der zionistischen Arbeit zog. fanden die vollste Zustimmung des Zionistentages. Ein bindender Beschluß sichert die von Oesterreich aufzubringende Quote für den Zentralfonds, und das von der Leitung festgelegte Prinzip, die interne Arbeit so zu leisten, daß es keinen Sc h e k e 1 z a h 1 e r m ehr geben kann, der nicht ein vollwertiger Zionist wäre, fand bei der Tagung der westösterreichischen Zionisten besonderen Anklang. Nicht nur die wirklich bedeutende Eröffnungsrede des Präsidenten Adolf Böhm, sondern auch die anderen Referate und zahlreiche Reden in den Debatten zeigten die hervorragende geistige Verfassung der westösterreichischen Partei und ihren Gehalt an Ideen und politischer Erkenntnis auf voller Höhe. Der Parteitag begrüßte in einer Resolution die i n n e rpo Ii tische Betätigung mit der Begründung, der politische Zusammenschluß der österreichischen Juden auf national-jüdischer Basis sei geeignet, dieselben wirtschaftlich und moralisch zu stärken, ihr Volksgefühl zu kräftigen und ihre Beziehungen zu den übrigen Völkern zu klären. Auch wurden vom Parteitage jene Zionisten, die sich innerpolitisch betätigen wollen, aufgefordert, in Uebereinstimmung mit dem „jüdischen National vereine für Oesterreich" vorzugehen. Man sieht, die Ergebnisse dieser Tagung dienen jener großen Idee, die heute die ganze zionistische Bewegung mehr denn je beherrscht, der Idee der Erhaltung des Judentumes. Wir lassen nunmehr den Bericht folgen. Der Präsident des Zentralkomitees Adolf B ö h m eröffnet die Tagung mit einigen hebräischen Begrüßimgsworten und fährt dann deutsch fort: Zum dritten Male versammeln sich die Zionisten Westösterreichs, um in ernster Beratung die schwierigen Fragen zu lösen, die ihnen durch die besonderen Verhältnisse, in denen sie leben, gestellt sind. In die Mitte zwischen West und Ost gerückt," in den Treffpunkt zweier Schichten des Judentunis, die dem Soziologen nicht nur nach Dichtigkeit und Verhältnissen der Umwelt verschieden gelagert erscheinen, sondern die er auch als typisch für zwei zeitlich aufeinanderfolgende Phasen jüdischer Entwicklung betrachten kann, in einem Staate lebend, in welchem das noch immer ungelöste Grundproblem seiner Existenz, die heiß umstrittene Frage nach der richtigen Formel für das Gemeinschaftsleben seiner Völkerschaften auch die Juden gebieterisch zu einer nationalen Stellungnahme zwingt und damit die Assimilation aus einem bloß kulturellen in ein politisches Postulat verwandelt, organisatorisch künstlich getrennt von unseren Brüdern im Osten* der Monarchie, mit denen uns nicht nur die Identität staatsbürgerlicher Interessen, sondern die Gefühle engster Zusammengehörigkeit verbinden, sind wir Zionisten Westösterreichs vor organisatorische Aufgaben von besonderer Schwierigkeit gesteht. Es ist deshalb begreiflich, daß unsere Tagungen sich immer aufs neue mit der Lösung von organisatorischen Problemen beschäftigen müssen und auch diesmal ein solches als erster Punkt auf die Tagesordnung gestellt wurde. Der Ernst dieser Fragen ist uns allen bewußt, wir wissen, daß sie keine nebensächlichen und inhaltslosen sind, daß vielmehr die Organisierung der J u d e n h e i t die erste und schwerste Aufgabe des politischen Zionismus ist. Wir können und dürfen nicht an ihrer Lösung verzweifeln, denn dies hieße am Zionismus selbst verzweifeln, dessen grundlegende Voraussetzung die Erkenntnis der unbedingten Einheit aller Juden der Welt ist. Die Macht dieser Wahrheit hat schon größere organisatorische Schwierigkeiten besiegt, als jene es sind, an' deren Ueberwinduug wir zu arbeiten haben. Sie hat Freidenkende und Orthodoxe, Bürger und Proletarier, Ost- und Westjuden auf ein gemeinsames Ziel geeint. Sie wird sich auch stärker erweisen, als die Differenzen, die in unseren Reihen bestehen. Denn, trotz der Verschiedenheiten unserer Auffassungen