Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 52 (29.12.1911)
- Date
- 1911-12-29
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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1416__==_ — DIE3qPLT =---^ ■■■ -r- Nr. 52 GOLUSPOLITIK Von Dr. Otto Abeles. in ihrer letzten Nummer knüpfte „Die Welt" überaus {reifende Betrachtungen an die Kündigung des russischamerikanischen Handelsvertrages, die seitens der Republik infolge der schikanösen Behandlung nordamerikanisciier jüdischer Untertanen in Rußland erfolgte, eine Retorsionsmaßnahme, die nicht zuletzt der politisch reiien und würdigen Haltung der nordamerikanischen Juden in der Frage des Paßkonfliktes zu danken ist. Jawohl: Hier haben wir Linen Erfolg gesunder jüdischer Realpolitik, hier wird der Judenhcit anderer Staaten durch ein klassisches Exempel demonstriert, wie sie dastehen könnte, wenn sie die verderbliche Ooluspolitik aufgäbe und, statt sich zu ducken und zu betteln, mit allem Takt, aber auch mit allem Nachdrucke forderte, was ihr Recht ist. An diesem Beispiele mögen aber auch die Einsichtigen erkennen, daß eine zielbewußte Haltung der jüdischen Bürger irgendeines Staates auf die Volksgesamtheit des ganzen Erdballs moralisch zurückwirkt. Das wackere Verhalten einer jüdischen Gemeinschaft, wäre sie noch . so weit und isoliert, wirkt allenthalben auf das jüdische Individuum wie ein liebevoller, aber energisch mahnender Stoß in den Rücken, 'sich auf sich selbst zu besinnen und den nachlässigen Bunimelschritt v.w korrigieren. Her Einzelmensch nimmt gleichsam die Schultern nach rückwärts, hebt das Kinn um eine Spanne hinauf, zwingt sich, aufrecht zu gehen, und während sonst Klüng'el gegen Klüngel sieht und der häßliche jüdische Partikularismus bis zum europäischen Skandal ausartet, spürt plötzlich der verbissenste Assirnilant den Zusammenhang mit den Brüdern jenseits des Ozeans. Von diesem höheren Gesichtspunkte muß clie innerpolitische Betätigung der Juden innerhalb einzelner Länder betrachtet werden, und man wird erkennen, daß die politische Einigung der Juden eine Aeußerung jüdischer Tatkraft ist, die auf alle ausstrahlt und nicht nur das beschränkte Provinziaiinieresse der zunächst Beteiligten betrifft. Es ist kein Zufall, daß just jüdische Mitglieder des ö s t e r r e i c h i s c h e n Parlaments die erste Kundgebung nach Washington sandten. Her kleinste Volkssplitter dieses Völkerstaates reckt sich und weiß sein Stäubchen Sonne zu erringen , nur die judenheit, die numerisch andere Reichsvdlker weit hinter sich läßt, ist geradezu das Sinnbild kläglicher Machtlosigkeit und sprichwörtlicher 13 c s o r g a n i s a t i o n. Dem ehemaligen zionistischen Abgeordneten Adolf Stand sagte der seinerzeitige Ministerpräsident Freiherr von B i e n e r t h , als er anläßlich der Demonstration der brotlosen jüdischen Schanker bei ihm vorsprach, dem Sinne nach folgendes: „Die Regierung hat keinen Grund, jüdischen Forderungen nicht entgegenzukommen. Aber sie hat niemals die Möglichkeit, gesamtjüdische Postulate auch nur ernstlich zu prüfen. Heute spricht die Lemberger jüdische Gemeinderepräsentanz vor und verlangt dieses, morgen meidet sich der Wiener Kultusvorstand zur Audienz und fordert etwas Grundverschiedenes oder gar das Entgegengesetzte. Setzen Sie uns in die Lage, mit einer legitimierten Vertretung' der ganzen österreichischen Judenheit zu beraten, und dem Volke muß werden, was des Volkps isH" Ein niederschmetterndes Urteil über die gegenwärtige Verfassung eines österreichischen Zweimillionenvolkes. Aber ein drastisches Beispiel aus der jüngsten österreichischen Geschichte mag dartun, daß die Aeußerung des Ministers gerecht war und daß die desolaten politischen Zustände im österreichischen Judentume sogar der Entwicklung anderer Völker des Staates ein Hemmschuh sind: Wir meinen die bukowinische Landtagswahlreform. Die fünf Volksstämme dieser interessanten östlichsten Reichsprovinz hatten sich darüber geeinigt, im Interesse des friedlichen und gedeihlichen Zusammenwirkens im Lande jeder Nation, auch der jüdischen, die eigene Kurie einzuräumen. Die Wirkung dieses Beschlusses auf die assimilatorischen „Glaubensgenossen" im Gesamtreiche war verblüffend. Sonst besteht das löbliche Prinzip, daß die Herren Israeliten einer bestimmten Provinz oder einer bestimmten Stadt, ja sogar eines bestimmten Teiles einer Stadt, allen anderen Juden das Recht absprechen, in jüdischen Angelegenheiten ihres Territoriums wären sie noch so allgemeiner Natur ein Wörtchen mitzureden. Wir konnten wiederholt erleben, daß judengrößen der Wiener Leopoldstadt in den Versammlungen innerhalb ihres Bezirkes Redner, die zufällig am Kai oder am Aisergrund wohnten, einfach vom Podium zerrten. Als aber die Schreckensbotschaft von der Möglichkeit einer jüdischen Wahlkurie weit drüben in der Bukowina nach Wien und Lemberg kam, da waren flugs alle Assimilanten solidarisch, um das Friedcnswerk im fernsten Osten zu hintertreiben. Bevor noch der Beschluß des Bukowinaer Perrnaneuzausschusses ins Ministerium des Innern gelangt war, hatten die „Neue Freie Presse" und der Wiener Kahal, das Herrenhausmitglied (iomp e r z und der Polenklubjude Dr. L ö w e nstein, der Abgeordnete Kur a n d a und die Führer der „ö s t e r r e i c h i s c h - i s r a e 1 i t i s c h e n U n i o n" ein Komplott geschmiedet, überliefen form lieh den Minister und bewirkten schließlich mit Petitionen, Memoranden, Resolutionen und mündlichen Vorstellungen, daß die Regierung nicht gewährte, was die Juden des Buchenländchens in noch nie dagewesener Harmonie mit den Mitbürgern aller Zungen von ihr gefordert hatten. Es ist hochinteressant, in welchem krassen Gegensätze das Kesseltreiben der vereinigten Assimilanten zu den Aeußerungen der nichtjüdischen Abgeordneten in der denkwürdigen Landtagssession vom Oktober 1909 stand. Diie „Neue Freie Presse" schrie, man wolle ein „Wahlghetto" etablieren und gab der schweren Sorge Ausdruck ein Argument von grotesker Komik — durch eine jüdische Kurie würde die Anzahl der deutschliberalen Mandate verringert werden. Der Vertreter der Bukowinaer Deutsche n hingegen, der Abgeordnete Skedl, erklärte im Landtage, daß durch die in Wien von jüdischer Seite erwirkte Ausschaltung der jüdischen Kurie zwei Völker, Deutsche und Juden, ins bittere Unrecht gesetzt und in eine unmoralische, beide Teile schädigende O e mein sc W a f t zusam nie ngekuppelt wurden.