Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 51 (22.12.1911)
- Date
- 1911-12-22
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3315709-3316458-3316512--55414-3349240- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 51 und Fahnen stehen. Es wurde mir anfangs recht unheimlich. Was sollte denn diese Demonstration bedeuten? Alierdings hieß es in der Stadt, die Christlichsozialen hätten mit Hilfe der Juden gesiegt. Soll dies nun durch ein Ständchen vor der Synagoge vergolten werden? Bald klärte sich aber mein Irrtum auf. Nicht der Synagoge galt die Ovation, sondern einem Manne, der im Hause nebenan wohnte. Denn bald sah ich in einem Fenster einen alten Mann, eingehüllt in warme Tücher, ein Käppchen auf dem kahlen Kopfe, der, ein Bild des Siechtums und des Verfalls, mühsam auf den Füßen stand und zum Fenster hinausschaute. Unten aber wogte und lärmte es. Alle Augen waren auf den Greis am Fenster gerichtet. Ein Redner trat vor — der neugewählte Abgeordnete — und hielt eine schwungvolle, pathetische Ansprache an den Greis, den er als den Führer des Volkes, den größten Patrioten, den großen Slaven feierte. Jeder zweite Satz wurde von einem vielstimmigen, weithallenden „Zivio"-Ruf („Heil") von der Menge unterstrichen. Ein Redner folgte dem anderen. Zuerst die Berufspolitiker, die älteren, dann die jüngeren, die Studenten. Und alle Reden schlössen mit dem Ruf ,,Zivio", der dem alten Mann in der Fensternische galt. Dann setzte die Musik ein, die Nationalhymne ertönte, alle Zuhörer mußten ihr Haupt entblößen, die Begeisterung war auf ihrem Gipfelpunkt. Endlich winkte der Gefeierte; alles wurde still, das Fenster öffnete sich, und der Alte begann mit kränklicher, matter Stimme zu reden. Ich konnte nicht alles genau verstehen, soviel aber begriff ich, daß er den Parteigenossen dankte, ihnen im Namen des slavischen Volkes, im Namen des südslavischen Ideals zum Siege Glück wünschte, sie anfeuerte. Ein brausender Jubel folgte auf diese Worte. Noch einmal setzte die Musik ein, wiederum ertönten Heilrufe, und schreiend und lärmend löste sich die Demonstration allmählich auf. Ich muß gestehen, ich war im ersten Augenblick tief gerührt. So feiert ein kleines Volk seine Führer, seine Vorkämpfer, dachte ich mir! Was muß das für interessanter Slavenführer sein, einer der Riesen, die der hochbegabte südslavische Bildhauer Ivan Mestrovic in seinem grandiosen Zyklus „Kraljevic Marko" (Marko, der Königssohn, der Führer der Serben in der Schlacht bei Kossowo gegen die Türken) dargestellt hat, ein Held, ein ,,Ganzer", wie die Sklaven sagen! Nur eines fiel mir an der Rede des gefeierten Führers auf — der seltsame Akzent. Ich hörte gleich das Unslavische aus den Lauten seiner Worte heraus, ja ich mußte sogar unwillkürlich an die jüdische Aussprache, wie sie von Russen und Polen so oft und boshaft verspottet wird, denken. Ich hätte beinahe eine ganze linguistisch-phonetische Theorie konstruiert, aber ich zog es vor, mich an einen Bekannten, einen Ortsansässigen, mit dieser Frage zu wenden. Da dieser, mein Gewährsmann, ein „echter" Slave (allerdings schwäbischer Provenienz, wie es in jenen Gegenden gar häufig vorzukommen pflegt) war, trug ich meine Frage etwas scheu und verlegen vor. Denn man kann nie wissen, wie der Nächste reagiert, wenn man das Tabuwort „Jude" irgendwie ausspricht. „Was," erwiderte der Gefragte, „wissen Sie denn nicht, daß dieser Führer und Apostel des südslavischen Volkes ein waschechter Jude ist?" Mein Gesichtsausdruck mußte in diesem Augenblick nicht gerade auf besondere Gescheitheit schließen lassen, denn mein ortskundiger Bekannter lachte und sagte: „Sie scheinen aber darüber recht verblüfft zu sein! Das hätten Sie sich kaum [ELT 1390 gedacht, auf so einen zweiten slavischen — na, wie soll ich sagen — Lassalle in klerikalchauvinistischer Auflage zu stoßen. Uebrigens sind wir hier nicht weniger erstaunt. Die Karriere dieses Mannes da drüben ist für uns alle ein Rätsel. Sie wäre in jedem anderen Lande kaum möglich. Aber bei uns — bah, wir sind ein kleines, passives Volk. Bei uns geschieht gar manches Wunderbare und Seltsame . . . ." „Also wer ist dieser originelle Slavenführer? Eine machtvolle Persönlichkeit? Sie haben von einer Art Lassalle gesprochen? Schon die bloße Möglichkeit des Vergleichs sagt schon viel. Erzählen Sie mir was von ihm . . ." Mein Begleiter ließ sich nicht lange bitten und erzählte mir die Lebensgeschichte des alten Juden, den eine klerikale Partei den „pater patriae" nannte. Er erzählte nach südslavischer Art, mit Witz und Temperament, mit Abschweifungen ins Politische und unvermeidlichen Exkursionen ins Gebiet des staatsrechtlichen Verhältnisses zwischen den Südslaven und den Ungarn. Das Wesentliche aber war folgendes: Vor etwa dreißig Jahren kam aus Oesterreich, und zwar aus dem deutschen Oesterreich, ein junger jüdischer Advokat nach der südslavischen Landeshauptstadt. Er kam eben, wie viele Juden kamen, um sich in dem an Intelligenz und Kapital, vor allem aber an Initiative nicht allzu reich dotierten Lande eine Existenz zu gründen. Es kamen Roßhändler aus Ungarn, es kamen Lieferanten und Industrielle aus Oesterreich, aus dem Küstenland, es kam also auch ein Advokat. Daß er kein Wort slavisch verstand, machte unter den damaligen Verhältnissen wenig aus. Die germanisatorische Politik Alexander Bachs, die Nachwirkung des sogenannten „Grenzertums", einer originellen österreichischen Institution (eine Art Militärkordon gegen die Türkei), die Nähe der Steiermark und die dominierende Stellung der deutschen Kultur, all' diese Umstände bewirkten, daß die deutsche Sprache die eigentliche Umgangssprache der städtischen Bevölkerung, besonders der gebildeten Klassen war. Die Amtssprache und natürlich auch die Verhandlungssprache beim Gericht war slavisch. Aber auch da war ein Mittel bei der Hand. Die antiquierte Prozeßordnung des Landes verlegte das Schwergewicht auf die schriftliche Erledigung. Somit konnte der junge deutschsprechende Advokat, der ein sehr tüchtiger und gescheiter Jurist war, ganz gut prosperieren. Aber der materielle Erfolg genügte dem strebsamen Einwanderer nicht. Er strebte nach Ehre, er wollte eine Rolle spielen. Und stürzte sich natürlich auf die Politik. Nun war die politische Situation im Lande eine sehr merkwürdige. Gebunden an Ungarn, oder richtiger ausgeliefert an den ungarischen Nachbar, war es, auf sich gestellt, außerstande, sich irgendwie zu entwickeln, sich in der Zwickmühle zurechtzufinden. Nun haben sich alle vernünftigen Menschen im Lande gesagt, man müsse eben mit den Tatsachen vorlieb nehmen und sich mit ihnen abfinden. Ob der Ausgleich mit Ungarn gut oder schlecht ist — er besteht nun einmal, und es gilt nun, sich innerhalb des gegebenen Rahmens zu orientieren. Diesen nüchternen und klaren Anschauungen trat aber ein Mann entgegen, halb Wirrkopf, halb Phantast, ein Slavenschwärmer, ein naiver Idealist, ein durch und durch ehrlicher Mensch. Er stellte die extreme Theorie vom „Staatsrechte" auf und predigte den Kampf gegen Ungarn. Er fand natürlich zahlreiche Anhänger, hauptsächlich aber unter den Klerikalen. Er war nämlich ein Miniatur- Mazzini. Hat dieser zum Motto erwählt: „Gott und da£