Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 51 (22.12.1911)
- Date
- 1911-12-22
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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mischen Juden geschaffen. Dieser schreiende Rechtsraub ist der härteste Schlag, den uns die Reaktion der letzten Jahre gebracht hat. Sehr bedeutsam sind auch die Auspizien, unter denen das Attentat auf die Rechte der Millionen polnischer Juden die fhohe Sanktion der Reichsduma erhielt. Während in der zuständigen Kommission sich die Stimmen über diesen Punkt nahezu in zwei gleiche Hälften teilten, und die polnischen Abgeordneten sehr konfus redeten, resp. sehr diplomatisch schwiegen, nahm jetzt im Plenum die überwiegende Mehrheit eine kraß antisemitische Stellung ein. Seither haben nämlich die Oktobristen eine entschiedene Schwenkung nach der Richtung des aggressiven Judenhasses gemacht, und die anpassungsfähigen Herren Polen erachteten den Zeitpunkt für gekommen, um von ihren ehemaligen Freunden von der Linken abzurücken und offen die Farbe des Antisemitismus zu bekennen. Sehr bezeichnend war in diesem Sinne die von Jarowsky verlesene Erklärung des Polenklubs. Als der konstitutionell-demokratische Abgeordnete S c h t s c h e p k i n seine Verwunderung darüber äußerte, daß der Polenkiub, der sonst das Prinzip der Gleichberechtigung mit so großem Nachdruck vertrete, diese Gleichberechtigung den Juden vorenthält, wurde er von Herrn Grabsky barsch zurechtgewiesen und dahin belehrt, daß der Folenklub keinerlei Ratschläge bedürfe, wie er die Interessen des polnischen Volkes zu verteidigen habe. Die Vorlage wegen Abtrennung des Cholmgebietes Sehr schlau haben die herrschenden Parteien der Reichsduma die Selbstverwaltungsvorlage v o r dem ihnen viel wichtigeren Gesetzprojekt wegen Abtrennung des Cholmgebietes vom Königreich Polen auf die Tagesordnung gesetzt. Die Polen sollten zuerst dazu verlockt werden, die Hand zu einem Gewaltakt gegen ihre jüdischen Mitbürger zu reichen, damit die moralische Wirkung ihres Protestes in der Cholmfrage von vornherein geschwächt werde. Die Provokation gelang. Noch ehe die Beratung über die Selbstverwaltungsvorlage zu Ende war, ging die Duma zur Behandlung der Cholmvorlage über, und die Tiraden der Herren Polen über Recht und Gewalt klingen jetzt, wenige Tage nach ihrem Rechtsraub an den Juden, wenig überzeugend. Wenn nicht ein Wunder geschieht, wird der geplante Raubzug gegen das wehrlose Polen binnen kurzem gesetzliche Sanktion erlangen. Die Verwirklichung des Planes wird auch für die 150 000 Juden des Gebietes schwerwiegende Folgen haben, da hier die viel härtere russische Judengesetzgebung zur Anwendung gelangen soll. Die Schaffung der neuen Rechtseihschränkung für die Juden des Gebietes wird dadurch begründet, daß es erstens nicht angeht, die Juden in einem russischen Gebiete eine privilegierte Stellung gegenüber ihren Brüdern in den anderen Gebieten einnehmen zu lassen, daß ferner die Abtrennung des Cholmgebietes auch für die Polen gewisse Rechtseinschränkungen — wie z. B. das Verbot des Immobilien: crwerbs —zur Folge haben würde, so daß eine Bevorzugung der Juden in dieser Hinsicht eine Ungerechtigkeit wäre. Nun hat sich aber die zuständige D-innakomrnission g e g e n die Kreierung von Einschränkungsgesetzen für die Polen ausgesprochen: soviel wollen nun einmal auch die Oktobristen lür ihre neuen Freunde vom Polenklub tun. Für die Juden sollen aber nichtsdestoweniger die geplanten Einschränkungen aufrecht erhalten bleiben. Brief aus Konstantinopel (Von unserem Berichterstatter.) Auf der schiefen Ebene Die Türken werden ihrer Tage nicht mehr froh. Auf eine kurze Periode der Erleichterung folgen Schläge auf Schläge. In Tripolis sind die Siegesnachrichten spärlicher geworden; die verstärkte italienische Armee ist im Vormarsch. Auf Kreta hat die revolutionäre Erregung einen Grad erreicht, der das Schlimmste befürchten läßt. Eine Meldung von der Hissung der britischen Fahne über der Sudabay ist zwar dementiert worden, aber seitdem jst es die stille Ueberzeugung weitester Kreise, daß binnen kurzer Frist die Insel, wenn . nicht griechisch, so englisch sein wird, jedenfalls nie mehr ottomanisch. Die plötzliche Aufrollung der Dardanellenfrage durch Rußland hat1 panischen Schrecken in der Hauptstadt verbreitet; man sieht: im Geiste schon russische Panzer vor Dohna Bagtsche und eine Art russischen Patronats über der Sublime Porte. Der Alarmruf erwies sich freilich glücklicherweise als zu schrill, aber die Ruhe kehrt nicht wieder, man erwartet täglich die peinlichsten Ueberraschungen als Folge geheimer internationaler Abmachunge n. Viel, viel schlimmer aber sind die Schmerzen im Innern. Mazedonien ist aufs neue von Blut getränkt. Auf die Bombenexplosion von Ischtip sind regelrechte Bulgaren-Massakers gefolgt, seit Adana das furchtbarste Ereignis im Innern, ein neuer krasser Beweis der unausrottbaren Unversöhnlichkeit der Elemente. Auch aus Kurdestan tönt es grollend, und Millionen verängsteter Armenier sehen in verzweifelter Hilflosigkeit der Wiederkehr alter Schrecken entegen. Der Parteienhaß feiert weiter Orgien. Die Entente Liberale macht reißende Fortschritte, Union et Progres zerbröckelt. Ein ungeheures Aufsehen erregte der Sieg der Entente bei der Deputierten-Nachwahl in Konstantinopel. Die Opposition erhebt ein betäubendes Triurnphgeschrei; auf der Unionseite ist man erschreckt. Die vorsichtigen Ratten beginnen das Schiff zu verlassen; die Austritte aus der Partei der Kammermajorität mehren sich. Von geradezu bedrohlicher Tragweite aber ist es, daß die gesamte Geistlichkeit bereit scheint, das Komitee aufzugeben. Ist das vollzogene Tatsache, so hat das Komitee abgewirtschaftet. Wieviel vom Militär ihm bleibt, ist vorläufig nicht zu übersehen; aber auch die Offiziere sind Türken, und da sind die merkwürdigsten Ueberraschungen an der Tagesordnung. Den Zündstoff ins Pulverfaß warf aber ein dringlicher Gesefzesantrag des Kabinetts an die Kammer, § 35 der Verfassung dahin abzuändern, daß die Regierung das Recht haben soll, auch ohne Zustimmung des Senates das Parlament aufzulösen. Es ist klar, Said Pascha ist der Kammer müde; er will, mindestens über den Krieg weg, scheint es, ohne Kammer regieren. Aber das Vorhaben ist höchst gefährlich. Wrenn es nicht gelingt, was morgen entschieden sein wird, so fällt das Ministerium; ist dann überhaupt noch ein anderes aufzutreiben? Wenn aber das Vorhaben gelingt: wer ist dann sicher, daß es überhaupt noch wieder zu einer türkischen Kammer kommen wird? Und wenn sie kommt, wird sie nicht am Ende noch viel elender ausschauen, als die gegenwärtige? — Vorläufig hat Said jedenfalls der Opposition schönste Gelegenheit gegeben, über Staatsstreich zu schreien und dem Komitee, wie an allem, die Schuld zuzuschreiben. Kritiken und Vorschläge Nach langer Ruhepause beginnt die trostlose Zerfahrenheit im ottomanischen Judentume die Gemüter wieder in Gärung zu bringen; Jerusalem wehrt sich gegen seinen neuen Oberrabbiner; Brussa klagt bitter, daß es gar keinen habe und so ganz hilflos, ohne jede offizielle Vertretung sei; Damaskus seufzt weiter unter der Plage der Prostitution, die sich just im Judenviertel etabliert hat; Smyrna macht dem türkischen Großrabbinate Vorwürfe, weil es gegen die dortigen Zwangstaufen nichts tue; allenthalben sprießt die antisemitische Drachensaat auf, und nichts geschieht dagegen; die Mission arbeitet immer dreister, und keine Abhilfe läßt sich hören; das jüdische Schulwesen liegt nach wie vor darnieder. Zur selben Zeit treten die „Tribuna Libera" in Saloniki und der „Novellista" in Smyrna mit scharfem Geschütz auf den Plan, greifen beide die bestehenden Zustände heftig an und machen Vorschläge zur Abhilfe. Der „Novellista" beschäftigt sich speziell mit dem Schulwesen und verlangt die Berufung einer aus Pädagogen und Rabbinern zusammengesetzten sachverständigen Kommission aus allen Teilen des Reiches nach Konstantinopel und die Aufstellung eines vernünftigen, dem jüdischen und ottomanischen Ideale entsprechenden einheitlichen Schulprogrammes für alle jüdischen Anstalten des Landes. Die „Tribuna Libera" denkt mehr an die Vertretung der jüdischen Interessen nach außen und die durch die offiziellen Vertreter der türkischen Judenheit bisher sträflich vernachlässigte Wahrung der jüdischen Ehre. Sie schlägt, um diesem Uebel abzubelfen, die Bildung eines politischen Verbandes der türkischen Juden, einer „Alliance Juive Ottomane" vor, die Wortführerin des Judentumes und Schützerin desselben gegen Angriffe und Ungesetzlichkeiten werden soll. Wir fürchten, beide Vorschläge, die aus gesundem Kern heraus Vernünftiges bieten, werden noch geraume Zeit fromme Wünsche bleiben.