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Die Welt · 1911-12-22 · 51 (22.12.1911) · page 10

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
51 (22.12.1911)
Date
1911-12-22
Page
– (sequence 10)
Language
German
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1396 DIE2 sich ein Tanzfest, das bis zum Morgen währte. Das rührige Komitee, mit Dr. Körner und Ing. Groag an der Spitze, darf mit dem Erfolg zufrieden sein. Das beträchtliche Reinerträgnis des Abends fließt dem „Jüdischen Studentenheim" zu. Dr. Schmarja Levins Vorträge Das Mitglied des E. A. C, Dr. Schmarja Levin, hielt anläßlich seiner Anwesenheit in Wien zwei Vorträge, die massenhaft besucht waren. Im größten Hörsaale der Wiener Universität sprach er auf Einladung des Vereins „Theodor Herzl" über das Thema „Die treibenden Kräfte im judentume". Nach einer Einleitung, in der er den Standpunkt vertrat, es gebe zwischen den Völkern keinen Unterschied in der Art, sondern nur im Grade der Begabung, legte Levin dar, daß sich das Judentum nicht nach dem Religionsmaßstab messen lasse, und daß man unsere Geschichte nicht als Kirchengeschichte auffassen dürfe. „Wir betrachten die Vergangenheit durch die Brille der Gegenwart. Diese Brille haben wir uns aber in der Fremde aufgesetzt." Das Fünfbuch sei nur die Urquelle unserer Lehre, neben welcher die mündliche Ueberlieferung hervorragende Bedeutung habe. „Hätten wir nur das „Alte Testament", wären wir zugrunde gegangen. Wir haben aber das Gesetz fortgesetzt, und deshalb leben wir." Die spezifischen Merkmale des Judaismus sind ihm nun: Die Lehre biete vor allem ein Minimum von Idealen. Das Volk wird nicht mit Illusionen gefüttert. Es gibt keine Vertröstung auf das Jenseits. Jeder vermehrt mit seinem Wesen das Kapital des Volkes. Ein zweites Charakteristikum bilde der immerwährende Prozeß der Befreiung. Nach unserer Lehre muß sich jeder so betrachten, als ob er den Auszug aus Mizraim vollzöge. Das Dritte und Entscheidende aber sei der Blick in die Zukunft und die überall in unserer Geschichte hervortretende Tendenz, das Kommende in der Gegenwart zu propagieren. Wir Juden verfügen über die Kunst des Wollens, des intensiven Wunsches, der sich zur Tat verdichtet. In einer großen Volksversammlung behandelte Dr. Levin überaus eindrucksvoll die jüdische „Tragödie der Heimatlosigkeit*'. Wie Chamissos Schlemiehl sind die Juden im Exil zur Schattenlosigkeit verurteilt, wie Schlemiehl wandern jüdische Exzellenzen verstohlen im Schatten ihres Dieners, wie Schlemiehl meidet das zerstreute Volk die sonnige Straßenmitte, und schleicht sich längs der Häuserzeilen hin, wie Schlemiehl streuen die Juden das Geld um sich — kein Volk zahlt so viel Trinkgelder, wie die Juden — um sich selbst über ihre Schattenlosigkeit hinwegzutäuschen. Das, was eine Nation schafft, ist der Schatten, in dem sie wandelt. Das jüdische Volk muß den Weg in seine Heimat zurückfinden, deren Boden schon heute jüdische Bauern umpflügen, in der schon heute jüdische Vollmenschen leben, die wieder einen scharf geschnittenen Schlagschatten werfen. Die von glühender Liebe durchwehte Rede löste große Begeisterung aus. Schließlich besprach Dr. Levin in engerem Kreise von organisierten Zionisten eingehend und fesselnd die gegenwärtige Lage im Zionismus. Ein Gesinnungsgenosse drückte nach diesem für unsere gegenwärtige und weitere Arbeit sehr wertvollen Referate namens der versammelten Vertrauensmänner Dr. Levin und der gegenwärtigen Berliner Leitung Dank und volles Vertrauen aus. Es erfülle uns mit großer Freude und Zuversicht, daß die Führung der Weltorganisation auf das gewissenhafteste die Zustände und besonderen Verhältnisse in den einzelnen Landesorganisationen studiere und mit ihnen in ständiger Fühlung zu bleiben so erfolgreich bemüht sei. Der heräische akademisbehe Verein „Hatechija" gab Dr. Levin einen Abschiedsabend, der .erhebend verlief. Brief aus Rußland (Von unserem Berichterstatter.) Zur Ritualmordhetze Die im Zusammenhange mit dem geheimnisvollen Kiewer Morde immer rücksichtsloser und unverschämter betriebene Pogromagitatio n veranlaßte die maßgebenden Kreise des freisinnigen Rußlands zu einer Kollektiverklärung gegen die schmachvolle Blutlüge. Am 12. Dezember erschien in den fortschrittlichen Blättern Petersburgs ein von achtzig hervorragenden Schriftstellern, Gelehrten und Politikern unterzeichneter Aufruf „an die russische Gesellschaft", in welchem „im ftELT - :- Nr. 51 Namen der Gerechtigkeit, Vernunft und Menschenliebe" gegen, die Ritualmordhetze protestiert wird. Die Erklärung verweist auf dein Ursprung dieser boshaften Insinuation, auf die gegen die Christen des Altertums im Zusammenhange mit dem Sakrament des heiligen Abendmahls von Seiten der Heiden Roms ausgestreute Blutlüge, beruft sich auf die Edikte von Päpsten und Fürsten gegen das Ritualmordmärchen, und mahnt zur Vernunft und Menschenliebe. — Das Organ der staatserhaltenden Parteien, die „Nowoje Wremja", unterließ es natürlich nicht, über die Urheber des Aufrufes, zu denen die -klangvollsten Namen des modernen Rußlands zählen, mit wüsten Schimpfereien herzufallen. Die Wut des privilegierten Patriotenblattes gegen die Protesterklärung der besten Männer Rußlands ist freilich sehrbegreiflich. Solche Erklärungen stören seine Kreise. Bekanntlich ist der ganze Ritualmord nicht zuletzt das Verdienst dieses Blattes. Gleich nach der Ermordung Juschtschinskys hat der famose Menschikow im Vereine mit dem Kiewer Mitarbeiter der „Nowoje Wremja", A. S a w e n k o , die Ritualmordhetze inauguriert. Herr Sawenko berief sich dabei in recht ungenierter Weise auf die Untersuchungsbehörde und aut Kapazitäten der Wissenschaft, so daß diese sich veranlaßt sahen, seine kühnen Behauptungen in aller Form zu dementieren. Vor kurzem berichtete derselbe Herr in der „Nowoje Wremja", daß einige Rabbiner und Schochtim, ferner auch ein gewisser Sattler, namens Berko, der seinerzeit in der Saizewschen Fabrik gearbeitet hatte, im Zusammenhange mit dem Ritualmorde steckbrieflich verfolgt würden. Die mythischen anonymen Rabbiner und Schochtim haben aus leicht verständlichen Gründen diesem „Berichte" ein Dementi nicht entgegensetzen können. Hingegen hat nun der leibhaftige Berko in einem Briefe an die Redaktion der „Kiewskaja Mysl" erklärt, daß die Behauptung des Berichterstatters der „Nowoje Wremja" einfach aus der Luft gegriffen sei. — Die Herren von der „Nowoje Wremja" sind aber gegen allerlei Unannehmlichkeiten ihres Berufes gefeit, und werden sich selbstredend von irgendeinem Sattler, der zum Ueberfluß noch Berko heißt, in ihrem edlen Werke nicht beirren lassen. Einen würdigen Genossen hat die „Nowoje Wremja" in dem Dubrowinschen Leiborgan „R u s s k o j e Snamja". Dieses ehrenwerte Volksblatt hat sich vor kurzem in dem berüchtigten Ritualmordlügner Lutostansky eine „bewährte Kraft" für die Bluthetze erworben. — Dieser Tage brachte das temperamentvolle Patriotenblatt ein Gespräch, das ihr Mitarbeiter mit einem Juden, namens Alexander Michailowitsch Welsky, gehabt haben will, und in welchem der Jude ganz genau alle Einzelheiten der Ritualmorde geschildert hätte. Sehr schlau fügte die Redaktion zu dieser Erzählung das italienische Sprichwort hinzu: „Si non e vero, e bene trovato". Das fremdsprachige Sprichwort ist natürlich für den trefflichen Leserkreis der „Russkoje Snamja" unverständlich, und die Wirkung der gruseligen Geschichte wird durch sie keineswegs beeinträchtigt . , . Neue Blutlügen Dieselbe unermüdliche „Russkoje Snamja" hat bereits einen neuen Ritualmord entdeckt In Polustrewo bei Petersburg ist im Flusse ein ermordeter Knabe aufgefunden worden, dessen Leiche Stichwunden aufwies. Mit gewohnter Macht und Energie zetert nun das Blatt über den neuen Ritualmord. Der von der „Nowoje Wremja" entdeckte Ritualmord in Shatkow, Gouvernement Kiew, hat bereits einen „traurigen" Abschluß gefunden. Im Bezirksgerichte zu Tarascht s c h a fanden dieser Tage die Verhandlungen über den Fall Chanah Spektor statt. Gegen die Spektor war die Anklage erhoben worden, daß sie ihr christliches Dienstmädchen aus religiösem Fanatismus ermordet habe. Der Staatsanwalt hielt die Anklage in vollem Umfange aufrecht, und forderte das Gericht auf, ein Exempel zu statuieren. Die Geschworenen sprachen die Angeklagte indes frei. Kommunale Selbstverwaltung in Polen Die erste Lesung des Gesetzprojektes wegen Einführung städtischer Selbstverwaltung in Polen ist zu Ende. Wie vorauszusehen war, wurden die gegen die Juden gerichteten Einschränkungsbestimmungen der Regierungsvorlage unter tatkräftiger Unterstützung des Polenklubs und der Oktobristen angenommen. Somit ist ein hochwichtiger Präzedenzfall geschaffen, dessen traurige Folgen nicht abzusehen sind. Zum ersten Male wurde nun durch einen legislativen Akt der Volksvertretung eine einschneidende Rechtseinschränkung der pol-

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