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Die Welt · 1911-12-22 · 51 (22.12.1911) · page 7

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
51 (22.12.1911)
Date
1911-12-22
Page
– (sequence 7)
Language
German
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im täglichen Leben das Verhältnis der jüdischen Gesellschaft zu den Getauften ein ganz anderes. Wir lassen es sie keineswegs fühlen, daß ihr Platz außerhalb der jüdischen Gemeinschaft ist. Auch unter unseren National Juden gibt es nur wenige, die jeden Verkehr mit den Getauften rücksichtslos abbrechen. Wenn wir uns der gemeinen Fahnenflucht gegenüber so gleichgültig verhalten, dann muß das Uebel notwendig eine immer größere Ausdehnung gewinnen. Kann es uns Wunder nehmen, daß unter solchen Umständen treulose Volksverräter nach Kränzen und Blumen von seiten desjenigen jüdischen Publikums haschen, das ihnen ins Gesicht speien sollte? Die „jüdische Bühne" ist noch jung, ist auf die Sympathien der breiten jüdischen Massen angewiesen. Können wir es ruhig mit ansehen, wie das Gewissen der jüdischen Volksmenge abgestumpft, «ihr gesunder nationaler Instinkt ertötet wird? Dürfen wir im Volke die Meinung aufkommen lassen, daß es möglich sei, als Meschummod in der jüdischen Gesellschaft zu leben und von ihr dann und wann sogar Blumenspenden und Lorbeerkränze zu erhalten? Die Angelegenheit bedarf dringend der Aufklärung." Die Warschauer Jargonzeitung „Der Fraind" berichtet in ihrer Nummer 267 über eine Konferenz jüdischer Notabein in Petersburg, in der über Mittel und Wege zur Bekämpfung der Taufseuche beraten wurde. Einer der Teilnehmer empfahl den gesellschaftlichen Boykott der Täuflinge. Es ist eine Schmach, daß selbst bewußte Juden zuweilen freundschaftliche Beziehungen zu Leuten unterhielten, die um materieller Vorteile willen ihrem Volke treulos den Rücken gekehrt haben. Der Redner wies nach, welchen verhängnisvollen Einfluß dieses Verhalten der sogenannten „besseren" jüdischen Gesellschaft insbesondere auf die studierende Jugend ausübe, die in Ermangelung einer jüdischen Erziehung vielfach jeden nationalen und sittlichen Halt verloren habe und durch die beschämende Konnivenz gewisser jüdischer „Intellektuellen" gegenüber den Meschummodim geradezu zum Abfall ermutigt wird. Merkwürdigerweise fand jedoch dieser so vernünftige und eigentlich selbstverständliche Vorschlag keinen Anklang bei den Versammelten. Es fanden sich sogar Redner, die sich als Nationaljuden gerieften und dennoch gegen die allgemeine gesellschaftliche Aechtung der Meschummod im förmlich protestierten. Sie warnten vor „Uebertreibu.ngen<f, appellierten an das „Mitleid", das manche der neuzeitlichen „Marannen", diese „Opfer der Pogrome", verdienten, ja, sie verstiegen sich sogar zu der Behauptung, es könne unter den Täuflingen einzelne ehrenwerte Männer geben, die durch eine Verkettung unglücklicher Umstände zum Taufbecken geführt worden seien, und was dergleichen faule Redensarten mehr sind. . . Vergebens suchte der erste Redner und einige andere, die sich ihm anschlössen, der Versammlung klar zu machen, daß es sich hier um ein Prinzip handle, welches eine entschiedene Stellungnahme fordert und schwächliche Kompromisse schlechterdings ausschließt. Die „Gemäßigten" behielten die Oberhand und wollten von einem Boykott nichts wissen. Schließlich wurde der bezeichnende Beschluß gefaßt, die Versammlung solle eine „Erklärung" gegen die Taufbewegung erlassen! Mit Recht bemerkt Dr. Zinnberg in einem Artikel im „ R a s s w j e t" , daß die jüdischen Gesellschaftskreise, in denen derartige Anschauungen vorherrschen, in jüdischer Beziehung als moralisch tot bezeichnet werden müssen. „Die russisch-jüdische Intelligenz/' schreibt Dr. Zinnberg, „hat sich der alten jüdischen Werte entäußert und keine neuen dafür eingetauscht." Uebrigens kamen in der genannten Petersburger Versammlung recht sonderbare Vorfälle zur Sprache. Ein Redner erzählte, in Odessa seien zu einer Sitzung des Palästinakomitees, in der über Landkäufe in Palästina verhandelt wurde, ein Vater mit seinem getauften Sohn gekommen. Letzterer hatte die Stirn, in der Sitzung das Wort zu ergreifen und Ratschläge bezüglich der geplanten Bodenkäufe zu erteilen . . . Wie sehr die Taufseuche in Rußland jedes gesunde jüdischsittliche Empfinden selbst in solchen Kreisen ertötet hat, bei denen man es am wenigsten erwarten sollte, geht aus einem Inserat hervor, daß ein Herr N. Polonski in Bogorodsk bei Moskau vor kurzem den hebräischen Zeitungen zusandte, und in dem er einen hebräischen Hauslehrer für seinen Sohn suchte, der nach der Methode Ibrith bMbrith unterrichten isollte. In der betreffenden Annonce hieß es: „Töbh gam m um mär", d. h. Der Lehrer kann auch getauft sein . . . Als die Zeitung „H asm an" diese traurige Annonce in gebührender Weise näher beleuchtete, sandte ihr Herr Polonski eine „Erklärung", die so charakteristisch ist, daß wir nicht umhin können, sie hier auzugsweise wiederzugeben. Es heißt u. a. in der betreffenden Erklärung : „Es gibt bei uns in Bogorodsk nicht nur keinen hebräischen Lehrer, sondern unter den hier ansässigen acht jüdischen Familien keinen, außer mir, der hebräisch schreiben und lesen kann. Schon vor sechs Monaten, als ich einen hebräischen Lehrer für meinen Sohn brauchte, veröffentlichte ich eine Anzeige im „Haint" und in der „Hazefirah". Es kamen nun verschiedene Lehrer zu mir, u. a. auch eine Lehrerin, die eine diplomierte Hebamme war, allein die Polizei wies sie alle aus. (Von der Lehrerin verlangte die Polizei, daß sie das Krankenhaus namhaft machen sollte, in dem sie als Hebamme wirke.) Zurzeit befindet sich in meinem Hause ein hebräischer Hauslehrer, der ein Zeugnis von einem Kaufmann erster Gilde hat, aber dennoch gezwungen war, vor kurzem unsere Stadt zu verlassen. Ich wollte meinen Sohn nach Moskau schicken, um iihm dort hebräischen Unterricht erteilen zu lassen. Allein die Aufenthaltsbewilligung in Moskau wurde meinem Sohne verweigert, weil er das Wohnrecht außerhalb des Ansiedlungsrayons nur im Elternhause besitzt. Ich frage Sie nun: Was hätte ich tun sollen, um einen hebräischen Lehrer für meinen Sohn zu bekommen? Ich, den Ihr Artikelschreiber als „Missionär" bezeichnet, lag bis zu meinem zwanzigsten Jahre dem Thorastudium ob, habe selbst als hebräischer Lehrer gewirkt und bin nicht weniger national gesinnt als der Artikelschreiber. Trotzdem mußte ich die inkriminierte Anzeige veröffentlichen. Ich schließe hier den letzten Brief des Herrn Ussischkin an mich bei, in dem er den Empfang des Geldes bestätigt, das ich hier für palästinensische Kolonisationszwecke gesammelt und dein Odessaer Palästinakomitee eingesandt habe. Kann man mich nach alledem noch missionarischer Gesinnungen beschuldigen? Was die Befürchtung Ihres Artikelschreibers betrifft, der getaufte Lehrer könnte einen schädlichen Einfluß auf meinen Sohn lausüben, ist die Sache keineswegs so schrecklich (!), da ich fast immer zu Hause bin und den Lehrer kontrollieren kann. Jedenfalls ist dies nicht schlimmer, als wenn mein Sohn gar keinen hebräischen Unterricht empfinge. Ich muß hinzufügen, daß ich selbst keine Zeit habe, meinen Sohn zu unterrichten, und der Arzt mir auch verboten hat, Unterricht zu erteilen." Diese Erklärung ist ein zeitgeschichtliches Dokument von höchstem Interesse, das den ganzen namenlosen Jammer der russischen Judenheit, ihre äußere Knebelung und ihre innere seelische Not blitzartig beleuchtet, und die erschreckende Ausdehnung, die die Taufseuche dort gewinnen konnte, einigermaßen erklärt, wenn auch freilich nicht rechtfertigt.

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