Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 51 (22.12.1911)
- Date
- 1911-12-22
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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- Odesa 2× ep/1000834
- Tunis 2× ep/1048155
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Mi ♦fcfi 1392 DIE3KEELT: Nr. 51 M % saChe ist, daß viele Eltern ihre Kinder nicht in diese angeblich jüdischen Schulen gehen lassen. Ich glaube auch, daß die öffentlichen Volksschulen sich in ganz gutem Zustand befinden, soweit ich die Sachlage beurteilen kann. Aber eins wird in den Stätten der Allianceschülen groß gezogen, und das ist der französischnationale Geist. Während alle arabischen Juden sich noch als jüdische Rasse fühlen, gebärden sich die früheren Allianoezöglinge als Franzosen. Und, wie alle Emporkömmlinge, tun sie es mit unangenehmer Emphase. So ist es mir mehrmals begegnet, daß man mich fragte, wann „wir" „ihnen" Elsaß zurückgeben wollten! Es fällt aber keinem Menschen im Lande ein, diese Juden als Franzosen zu betrachten. Die Franzosen selbst zeigten das schon damit, daß sie sie nicht zum Militärdienst ausheben. Aber auch sonst richten sich gesellschaftliche und wirtschaftliche Schranken zwischen Juden und Nich'tjuden, d. h. Franzosen, auf. Die Vorliebe der Juden für das Franzosentum ist, wie ich' oft bemerkte, eine sehr einseitige. Und doch haben die an Zahl geringeren Franzosen die Juden in einem Lande, wo Juden seit Jahrhunderten leben und den Volkscharakter kennen, sehr nötig. Die Juden waren es auch, die aus Tunis so rasch eine französische Stadt gemacht haben, obwohl die Franzosen an Bevölkerungsziffer sogar den Italienern nachstehen. Die übertriebenen Sympathien der Juden für die Franzosen sind politisch unklug. Die Araber, die im Fremdenhaß immer mehr erstarken, beginnen sich gegen die Juden zu 'wenden, weil diese so seht für das Franzosentum interessiert sind. Die Franzosen kann man nicht so leidi't treffen, denn es sind lediglich Beamte und Offiziere, die sofort den Schutz der Kanonen genießen. Aber die jüdischen Kaufleute überall zu übervorteilen und ihnen Verachtung zu zeigen, das ist erlaubt. Die Juden kommen so erst redit ins Gedränge. Was die arabischen Juden betrifft, so muß man sie gegenüber den Vorurteilen der französischen Juden in Schutz nehmen. Denn wenn man die französischen Juden hört, glaubt man, in den arabischen Juden Wilde vorzufinden. Wer jedoch einen jüdischen Maßstab nimmt, wird unschwer erkennen, welche Juden uns sympathischer sein müssen. Die arabischen Juden s'nd im Gegens tz zu den französischen religiöse und nationale Juden. Es sind einfache Handwerker und kleine Kaufleute. Ich habe eine rührende Familienliebe und große Gastfreundschaft bei ihnen gefunden. So kochte mir ein Maurer zwei Tage in einer Hürde mein Essen, ein Mann, der im Monat nur 30—40 Francis verdient. Aber sie sind ein glücklicher und zufriedener Menschenschlag, fühlen sich voll und ganz als Juden, und rücken nicht erst, wie die Allianceschüler, mit der Sprache heraus, wenn man selbst erklärt, ein Jude zu sein. Nun, ich frage, wozu sind in Tunis die Allianceschülen da? Vor der Okkupation mögen sie wichtige Dienste geleistet haben, aber nicht für das Judentum, sondern für das Franzosentum. o o o o o o o ooooooo. _v REVUE DER PRESSE 6 II o o o o o o o -\A =S\ Die Taufseuche in Rußland. Nahezu die gesamte russischjüdische Presse beschäftigt sich in letzter Zeit mit der auch im Osten immer mehr überhand nehmenden Taufbewegung, die namentlich im Kreise der Akademiker und der studierenden Jugend große Verheerungen anrichtet. Unser Wilnaer Bruderblatt „H ao1am" geißelt in scharfen Worten die sträfliche Gleichgültigkeit der jüdischen Gesellschaft in Rußland gegenüber diesem „Wurmfraß" am jüdischen Volkskörper. Es wird in dem betreffenden Artikel u. a. ausgeführt: „Wenn die hauptsächlichsten Ursachen, die die Taufbevvegung erzeugt haben, auch außerhalb unseres Volkskreises liegen und wir diesen äußeren Ursachen nicht beikommen können, so gibt es doch auch innere Gründe, die die Ausbreitung des gräßlichen Uebels begünstigen und für die wir allein die Verantwortung zu tragen haben. Die wichtigste Ursache ist — und wir sind gezwungen, immer wieder darauf hinzuweisen —, daß der „Meschunrmod" seine gesellschaftliche Stellung in unserem Kreise beibehält, daß wir ihm nicht ins Gesicht speien, ihn nicht schonungslos aus unserer Mitte entfernen, damit der Giftstoff, den er in sich trägt, nicht uns und unsere Kinder infiziere. Die Getauften, die ganz ungeniert unter uns einhergehen, werden schließlich notwendigerweise zu Propagandisten des Taufgedankens in unseren Reihen, denn es liegt in der menschlichen Natur, für eine böse Handlung, die man begeht, Mittäter zu suchen, um wenigstens einen Teil der niederdrückenden Schuld auf andere Schultern abzuwälzen." Der Artikelschreiber weist dann auf eine Anzahl von Fällen hin, wo getaufte Juden ohne Scheu und Scham in jüdischen Versammlungen auftraten und sich in jüdische Angelegenheiten mengten. So ergriff vor einiger Zeit ein getaufter Jude in einer Versammlung der Odessaer Ortsgruppe des Vereins zur Verbreitung von Bil- II ooooooo -JJ dung unter den Juden Rußlands das Wort * und wetterte im Beisein von hunderten jüdischer Mitglieder gegen die national-jüdische Erziehung! Ein anderer Meschummod in Odessa hatte den traurigen Mut, als Vertreter der jüdischen Bevölkerung für die Duma zu kandidieren! Noch weit krasser ist eine Erscheinung, über die die Odessaer Jargonzeitung „Gut Morgen" berichtet. Wie dieses Blatt nämlich aus zuverlässiger Quelle erfahrt, sind eine ganz)e Menge von Schauspielern und Schauspielerinnen, die am jüdischen Theater in Odessa wirken, getauft. Das Blatt nennt einzelne dieser „jüdischen" Bühnengrößen mit Namen und fügt hinzu, daß manche von ihnen nicht etwa in Rußland, sondern im freien Amerika das Christentum angenommen haben. Hierzu bemerkt es: „Muß wirklich erst darauf hingewiesen werden, daß an der jüdischen Bühne als Erzieher des jüdischen Volkes nur solche Künstler wirken dürfen, die die Goluslast des jüdischen Volkes mittragen und an seinen Leiden und Nöten teilhaben? An die Wunden der Juden zu rühren, unsere Volksbräuche zu verherrlichen oder zu karrikieren — kann nur unseren eigenen Brüdern gestattet sein, nicht aber Ueberläufern, die die jüdische Fahne schnöde verlassen haben." Die Wilnaer hebräische Tageszeitung „H asm an" beschäftigt sich in ihrer Nr. 46 mit den obigen Enthüllungen des „Gut Morgen" und führt u. a. folgendes aus: „Auf den russischen und sonstigen nichtjüdischen Bühnen hat es allezeit eine große Anzahl getaufter jüdischer Schauspieler gegeben. Daß aber auch die sogenannte „jüdische Bühne" unter ihren Mitgliedern Meschummodim zählt, ist eine Erscheinung^ die nur in der gegenwärtigen Zeit möglich ist. Wie sehr auch die jüdische Presse den Täuflingen mit Haß und Verachtung begegnet, so ist doch leider-