Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1911-12-22 · 51 (22.12.1911) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
51 (22.12.1911)
Date
1911-12-22
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3315709-3316458-3316512--55406-3349232
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

Nr b\ - DIE3 lieh. Ich betone hier diesen Umstand, weil ich befürchte, daß so manche von Herrn Trietsch befürwortete Hausindustrie (Zigarettenindustrie!) auf die Volksgesundheit schädigend einwirken würde. Zum eigentlichen Thema zurückkehrend muß ich betonen, daß für mich! zurzeit das palästinische Problem nicht darin besteht, wie man die Massen der osteuropäischen Judenheit nach Palästina verpflanzt, sondern darin, wie man für die bereits in Palästina ansässigen Juden Erwerbsgelegenheiten und für die benachbarten orientalischen Juden Ansiedluingsmöglichkeiten schafft. Namentlich1 bildet die Einwanderung der Jemeniten ein Problem, das die ernste Beachtung aller Freunde der palästinischen Kolonisation verdient. Im ganzen Jemen gibt es ca. 5000 jüdische Familien, und es ist meine Ueberzeugung, daß wir erst dann in der ländlichen wie in der städtischen Kolonisation besseren Zeiten entgegen gehen werden, wenn wir diese 5000 Familien arbeitsamer [ELT - 1391 und anspruchsloser Menschen, die zu den besten Elementen unseres Volkes gehören, im Lande haben werden. Ein glücklicher, alle Beteiligten befriedigender Anfang ist bereits in Rechoboth, Rischon le Zion, Petach-Tikwah und in dem „Bezalel" gemacht worden. Um aber einmal ganze Arbeit zu machen, ist es erforderlich, daß jährlich 500 Familien angesiedelt werden. (Petach-Tikwah allein könnte noch1 gut einige hundert Familien gebrauchen.) So könnte man in 10 Jahren ein gutes Stück weiter kommen. Um aber 500 Jemenitenfamilien anzusiedeln, braucht man 500 Häuschen, die mit Gartenland 250 000 Frcs. kosten. Der Jemenite borgt 500 Frcs. und baut sich selbst ein Häuschen oder er bezieht ein fertiges Häuschen gegen Mietzins. In beiden Fällen ist er ein anständiger pünktlicher Zahler. Die Frage ist also die: Wer schafft uns jährlich 250 000 Frcs. für 500 Häuschen — während voller 10 Jahre? Ein Reisebrief Von Dr. Felix A. Theilhaber 1. Von den Juden in Tunis. Bei einer ziemlich' geringen europäischen Bevölkerung spielen die ca. 70 000 Juden in Tunis immerhin eine gewisse Rolle, wenn sie auch' nur 5 Prozent der ganzen Einwohnerschaft ausmachen. Wie überall findet sich auch bei ihnen der bekannte Zug zur Großstadt, so daß wir in Tunis selbst Ca. 25 000 Juden zählen. Die neuerdings auch! von Zollschan aufgestellte Behauptung, daß keine Rassenunterschiede zwischen den sogenannten Sephlardim und Asehkenasim bestünden, glaube ich nach meinen Beobachtungen bestätigen zu können. Ich fand überall, auf der Straße, in Hotels, auf dem Schiff, in der Eisenbahn, /Menschen, die ich sofort als Juden ansprach. In ihrem Aussehen glichen diese Juden überraschend den Typen, die wir bei uns sehen. Einzelne der sich arabisch kleidenden Personen glichen Bildern jemenitischer Juden, die ich im Jahre 1902 wohl in Ost und West gesehen hatte und die mir deshalb schon als jüdisch1 vertraut waren. Ob ein anderer diese Menschen auch sogleich als Juden zu identifizieren vermöchte, kann ich nicht sagen. Wohl aber trat gerade bei den sich europäisch Kleidenden die überraschende Aehnlichkeit besonders stark zu Tage. So glichen die sogenannten blonden Juden meist den bekannten rothaarigen Judentypen, die wir ja alle kennen, und die wohl noch niemand für Germanen angesprochen haben wird. Aber nicht nur das physische Aussehen erschien mir auffallend ähnlich, Haltung und Sprechweise einiger — anscheinend tunesisch-jüdischer — Familien auf dem Schiff war so bezeichnend, daß ein offenbar harmloser Passagier gerade mich' heraussuchte, um eine Bemerkung über die Juden und über jüdisches Wesen zu machen. Bei der Mannigfaltigkeit der Nationalitäten gab es vielerlei Gebräuche. Aber ich muß sagen, daß das ganze Tun und Gehaben der tunesischen Juden einen überraschenden Anklang an bekannte, zu Hause gesehene Muster bot. Ich habe mir übrigens, um stets die Probe auf das Exempel zu machten, an vielen Orten selbständig meine Brüder herausgesucht und auch gefunden, selbst dort, wo die arabische Kleidung mich hätte täuschen können. Besonders interessierte mich die Erziehungsfrage und der Stand des Judentums. Hier ist deutlich zwischen den Juden, die die Alliance-Schulen besuchen, den Juden der nördlichen großen Städte, und den arabischen Juden des Südens zu unterscheiden. Die ersteren sind wohlhabender und, was den Beruf betrifft, fast ausschließlich Kaufleute und kaufmännisch Angestellte, letztere vorwiegend Handwerker, unter anderem die geschicktesten Goldschmiede des Landes, wie z. B. die Juden auf der Insel Djerba. Uns ist nun hundertfach versichert worden, daß der Unterricht der Alliance im Hebräischen überall ungenügend sei. Leider Wabe ich meist nur Erwachsene gesprochen resp. als völlig glaubwürdig erachtet, so daß ich den gegenwärtigen Unterrichtsstand nicht beurteilen kann; doch gibt es zu denken, daß in Tunis bis in die letzten Zeiten nur einstündiger hebräischer Unterricht stattfindet Was aber leider feststeht, ist die Tatsache, daß die Allianceschüler in Sfax drei Jahre die Schule besuchen, ohne irgendwelchen jüdischen Unterricht zu genießen. Es ist mir diese Angabe von Kindern und in der Synagoge von Bürgern der Stadt voll und ganz bestätigt worden. Die von mir ebenfalls besuchten arabischen Gemeinden, die, wie z. B. in Zarzis und in Ben-Gardan, sehr hübsdie Jeschiboth haben, in denen der Talmud gut gelehrt wird, weigern sich entschieden, die Segnungen der Allianceschülen zu erhalten, weil sie ihre durchaus unjüdische Haltung verwerfen. Sie haben die Alliance auch1 nicht nötig, denn die armen arabischen Juden, die kaum das Geld zur Unterhaltung der Rabbiner und Lehrer haben und trotzdem schönere Synagogen besitzen, als die reichen nördlichen Gemeinden, können ja ihre Kinder in die französischen Ortsschulen schicken, wenn sie ihnen französische Bildung geben wollen. Ich habe gerade in den kleineren Dörfern die französischen Lehrer kennen gelernt und die Schulen besucht. Ich möchte mir kein Urteil darüber erlauben, ob die Aeußerung eines Sfaxer Juden richtig ist, der mir sagte, wer seine Kinder französisch lernen lassen will, schickt sie in die staatlichen Schulen, denn die Allianceschülen seien schlecht. Tat-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.