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Die Welt · 1911-12-22 · 51 (22.12.1911) · page 4

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Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
51 (22.12.1911)
Date
1911-12-22
Page
– (sequence 4)
Language
German
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1300 richtet, das auch von mehreren anderen jüdischen Mitgliedern des österreichischen Reichsrats unterzeichnet wurde: „Die unterzeichneten jüdischen Mitglieder des österreichischen Abgeordnetenhauses statten dem honorablen Repräsentantenhause innigsten Dank ab für den energischen wür- Nr. 51 digen Schutz und die Verteidigung der durch Schikanen der russischen Regierung verfolgten Juden. Der Beschluß des Repräsentantenhauses ist ein Dokument hoher Gerechtigkeit, wahrer Freiheit und Gleichberechtigung." Einige Bemerkungen zur Kolonisationsfrage Von Jehoschua Feldmann (Jaffa). Davis T r i e t s ch s Aufsätze zur Organisation der Emigration in den letzten Nummern der „Welt" wollen beweisen, daß die Massenkolonisation in Palästina und den Nachbarländern nur einer vernünftigen Organisationsform bedarf, um zu einer baldigen, greifbaren „Möglichkeit" zu werden. Und man wäre nicht einmal unbedingt auf die Mithilfe anderer Faktoren angewiesen. Nein, wir selbst sind in der Lage, das Wunder zu vollbringen und den Grund zur Lösung des Emigrations- und Kolonisationsproblems zu legen. Denn seht: Wenn eine Familie von Rußland nach Nordamerika oder gar Argentinien «migriert, so braucht sie bloß für Reisespesen ca. 1000 Frcs.*) Hingegen braucht sie bei der Uebersiedlung nach Palästina für Reisespesen maximal 200 Frcs. auszugeben. Verbleiben also ca. 800 Francs, die, in einer Olivenpflanzung angelegt, bei eigener Arbeit weit über hundert Prozent der Anlagekosten bringen, wobei schon die Vorbereitungen für die Pflanzung sowie die Zvvischenkultur hochrentable Beschäftigungen sind. Eine Reihe von Hausindustrien bringt weiteren lohnenden Erwerb. Ein Häuschen mit einem anschließenden Stück Gartenland, das ca. 1000 Frcs. kosten muß, wird von eitler Gesellschaft gegen mäßige Pacht zur Verfügung gestellt. Somit kann auf diese Weise den hunderttausenden wandernden Juden geholfen werden, quod erat demonstrandum. Indessen, während Herr Trietsch in so anmutiger, leichter Weise die Frage der jüdischen Einwanderung nach Palästina löst, zerbrechen wir unwissende Palästinenser uns den Kopf darüber, wie man der jüdischen Auswanderung aus Palästina auf rationelle Weise Einhalt tun könnte. Denn das ist nämlich das merkwürdige an der ganzen Sache: Während nach Trietsch eine einwandernde Familie mit einem Kapital von 1000 Francs in der Lage ist, sich auf landwirtschaftlicher Grundlage eine Existenz zu schaffen, gibt es hier im Lande vielfach alteingesessene Familien, die über 1000 Francs und auch über mehr verfügen und die in klimatischer sowie in mehreren anderen Beziehungen vor neu eingewanderten Elementen vieles voraus haben und denen es dennoch nicht gelingt, sich durch Olivenpflanzung eine Existenz zu schaffen. Uns Palästinensern will es trotz angestrengten Nachdenkens nicht einleuchten, wie schon die Vorbereitung für die Pflanzungen eine hochrentable Beschäftigung sein soll. Im Gegenteil. Wir wissen aus der täglichen Praxis, daß die Vorberei- *) Herr Trietsch betont diesen Umstand mehrmals, wobei er nicht beachtet, daß in der Regel nicht ganze Familien auswandern. Regulär erfolgt die Auswanderung in der Weise, daß zuerst ein Familienmitglied nach Amerika fährt, sich dort eine Existenz schafft und dann Schiffskarten und andere Reisespesen den übrigen Familienangehörigen schickt. Mit anderen Worten: Den Löwenanteil an den Uebersiedlungskosten tragen nicht die Auswanderungs-, sondern die Einwanderungsländer. Dieser Umstand bildet einen nicht unbedeutenden Faktor in der Steigerung der Wanderung. tungen ein Heidengeld verschlingen, und daß es wohl sehr selten vorkommen dürfte, daß sie auch einmal etwas Geld einbringen. Auch1 daß Zwischenkulturen hochrentabel waren, hat sich bis nun in allen Formen der jüdischen Kolonisation nur sehr selten gezeigt. Es ist bei Olivenpflanzungen noch folgendes zu beachten: Es kommen wohl mitunter gute Ernten vor. (Voriges Jahr erzählte man mir in Sch weje bei Sichron- Jakob von einem Baume, der einen Ertrag von ca. 40 Frs. gebracht hat!) Andererseits soll gerade der Oelbaum sehr häufig Mißernten ausgesetzt sein. Herr Prof. Warburg hatte daher unzweifelhaft recht, als er den Olivenbaum bei Volksdomänen bevorzugte. Denn bei Volksdomänen kommt es in erster Reihe auf die lange Lebensdauer des Baumes an und in dieser Beziehung steht der Olivenbaum unter den in Palästina üblichen Fruchtbäumen vereinzelt da. Audi der private Landwirt tut gut daran, einen Teil seines Areals mit Olivenbäumen zu bepflanzen. Ich' möchte jedoch' niemandem raten, seine ganze wirtschaftliche Existenz auf diese Kultur zu gründen. Bezüglich' der von Herrn Trietsch erwähnten Hausindustrien möchte ich bloß mit einigen Worten auf die Spitzenindustrie eingehen. Es ist das unbestreitbare Verdienst des Herrn Trietsch, zuerst auf diese Industrie aufmerksam gemacht zu haben, die dann vom „Verband der jüdischen Frauen für Kulturarbeit in Palästina" in Angriff genommen wurde. Bis nun bestehen Spitzenateliers in Jaffa, Jerusalem, Tiberias und Ekron, und alle verdanken ihre Entstehung der Arbeit von Frau Dr. Sara Thon in Jaffa. Es ist nun eine Freude, zu beobachten, wie diese Ateliers nach kaum zweijährigem Bestehen segensreich wirken. Ja, es gibt bereits Familien, die diesen Ateliers ihre wirtschaftliche Existenz verdanken. Namentlich scheinen sich die Mädchen der orientalischen Juden besonders dafür zu eignen. Wenn nun Herr Trietsch1 versichert, daß in dieser und verwandten Branchen viele Zehntausende lohnend beschäftigt werden könnten, so wird er wohl seine Grundlagen für diese Behauptung haben. Ich möchte nur darauf aufmerksam machen, daß der „Verband", um hier größere Erfolge zu erzielen, auch in Palästina selbst Ortsgruppen ins Leben rufen müßte. Es ist das nicht nur wegen der paar hundert Francs jährlicher Beiträge, die auf diese Weise zu erzielen wären, wünschenswert. Viel höher bewerte ich die Erweckung des allgemeinen Interesses und die Heranziehung der palästinischen Frau zur sozialen Mitarbeit, die man dadurch anbahnen könnte. Ferner müßte der Turnunterricht, der vorläufig noch ein frommer Wunsch ist, zur Tatsache werden. Wer die Mädchen bei ihrer 8—9stündigen Tagesarbeit, das Auge unabwendbar auf die Nadel gerichtet und den Körper in fast erstarrter Haltung, gesehen hat, wird begreifen, daß das Turnen für diese Mädchen kein Luxus, sondern eine hygienische Naturnotwendigkeit ist, und zwar eine Stunde tag-

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