Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 50 (15.12.1911)
- Date
- 1911-12-15
- Page
- – (sequence 26)
- Language
- German
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Falle bringen können. Die Polen hätten dann keine Selbstverwaltung, die Juden aber auch keine neue Demütigung und Entrechtung erhalten. In jüdischen Kreisen ging man indes — aus übertriebener und schlechtangebrachter Schonung des polnischen Nationalgefühls und der polnischen Interessen — nicht so weit. Und nun hat sich diese Ritterlichkeit bitter geräch t. Da man jüdischerseits die Opposition zu einer totalen Ablehnung der Vorlage nicht aufforderte, so hatte diese keinen Anlaß, in der Wahrnehmung der jüdischen Interessen folgerichtiger und radikaler zu sein, als die Juden selbst. Bei der ersten Behandlung der Vorlage im Plenuni der Duma stimmte also die Opposition, mit Ausnahme der jüdischen Abgeordneten Friedmann und Nisselo witsch, wie a u ch der sozialdemokratischen Fraktion, für den Uebergang zu den einzelnen Punkten der Vorlage. Die Annahme des Gesetzentwurfs erscheint somit gesichert, und die jüdische Bevölkerung hat nicht einmal die moralische Genugtuung, daß der schnöde Rechtsraub an den Juden Polens die Vorlage für sämtliche rechtlich fühlenden Elemente der Duma unannehmbar gemacht hätte. Die Redner der Opposition behielten sich freilich vor, bei der Beratung der einzelnen Punkte Abänderungsanträge zu stellen. Die kompakte Majorität aus den Reihen der extremen Rechten und des frischgebackenen Blocks der Nationalisten und Oktobristen läßt indes keinen Zweifel darüber aufkommen, daß Amendements zugunsten der Juden glattweg abgelehnt würden. — Während der ersten Debatte kam es natürlich sofort zu hämischen Ausfällen gegen die Juden. Der Redner der Nationalisten, Baron Tscherkassow, stellte mit schmunzelndem Behagen fest, daß die Polen, die doch die Juden sehr gut kennen, für die Rechtseinschränkung der Juden sind; die Juden sollten nicht vergessen, daß man sie gewissermaßen als unvermeidliches Uebel dulde, dessen weitere Verbreitung man selbstverständlich nicht zulassen würde. — In schönstem Lichte standen indes bei dieser Debatte die polnischen Redner. General Bobjansky, ein halb russifizierter Pole und großrussischer Latifu.ndienbesitzer, der sein innerrussisches Mandat als konstitutioneller Demokrat erhalten hatte, erklärte, die gebildeten Kreise Polens seien unbedingt für die Gleichberechtigung der Juden, wenn die Polen indes im vorliegenden Falle nicht gegen die Rechtseinschränkung der Juden protestierten, so geschehe dies einzig und allein aus berechtigter Besorgnis um das Geschick der ein vitales Interesse des Polenvolkes vertretenden Vorlage, die für die Regierung offenbar nur in der vorliegenden Form annehmbar sei. Die Diplomatie des ehrenwerten Generals, der sich aus Rücksicht auf seine Fraktionsgenossen zu einem undankbaren Jesuitenspiel verleiten ließ, war indes verlorene Liebesmühe. Die Offenherzigkeit des Redners des Polenklubs, Herrn Jaronsky, der ihn auf der Tribüne ablöste, verdarb ihm das Spiel. Herr Jaronsky erklärte ganz entschieden, daß der Polenklub es für undenkbar erachte, daß bei der geplanten Selbstverwaltung den Juden die gleichen Rechte eingeräumt würden, wie der polnischen Bevölkerung, da hierdurch die ohnehin akute Judenfrage noch viel schärfere und unerträglichere Formen annehmen würde. Die jüdischen Abgeordneten unterließen es nicht, das Verhalten der Herren Polen ins gebührende Licht zu setzen. Allein, diese freiheitsliebenden Helden, die sonst nicht aufhören, über Gewalt und Unterdrückung der Schwächeren zu klagen, machen sich eben heutzutage nicht mehr viel daraus, was die freisinnigen Kreise Rußlands, die ihnen bislang ein autonomes Polen doch nicht zum Geschenk haben machen können, von ihrer „Freiheitsliebe" denken würden. — Hingegen dürfen sie mit Freude davon Kenntnis nehmen, daß sie sich durch ihren unverblümten Judenhaß die kostbaren Sympathien der Herren der Situation erobert haben. So begrüßt die „N o wo je W r e m j a" in ihrer Nummer vom 7. Dezember die Einmütigkeit zwischen Polen und Russen, die die Debatte über die Selbstverwaltungsvorlage zutage gefördert hat. „Der Kampf gegen das gemeinsame Uebel hat Polen und Russen die alten Streitigkeiten vergessen und einander die Hand reichen lassen." Das treffliche Suworinsche Organ spricht die Hoffnung aus, „daß das jüdische Joch beiden Nationen ihre kulturelle Brüderlichkeit und Rassenverwandtschaft zu Bewußtsein führen wird." Oekonotnischer Boykott Die. Warschauer Intendantur und die technisch-militärische Behörde erhielten von Petersburg die Anweisung, jüdische Lieferanten und Unternehmer nicht zuzulassen und darauf zu achten, daß die christlichen Unternehmer keine jüdischen Teilhaber und Angestellten hätten. Eine gleichlautende Verordnung erhielt auch die zuständige Behörde in Kiew. Die Wilnaer patriotische Organisation „Der Bauer" faßte den Beschluß, eine „Russisch-nationale Kommerzbank" zu gründen, mit der Aufgabe, den jüdischen Handel zu bekämpfen und zur Schaffung eines russischen Kaufmannsstandes in Lithauen beizutragen. Wie verlautet, soll der Wilnaer Generalgouverneur eine Regierungssubvention für diesen Zweck zugesagt haben. — Die Landschaftsverwaltung (Zemstwo) des Kreises N o w~ gorod (Wolhynien) faßte den Beschluß, einen Delegierten zum Jekaterinoslawer Zemstwo-Kongreß für GetreidehandeL zu entsenden, mit dem strikten Mandat, den Kampf gegen die jüdische Ausbeutung" zu fordern. Die Wilnaer Ortsgruppe des russischen Volksverbandes richtete an den Erzbischof das Ersuchen, er möchte den Geistlichen untersagen, auf Besuchen und Reisen in jüdischen Gasthäusern zu logieren. Wiederum „die Nationalisierung des Handels" Die nationalistischen Tendenzen auf dem Gebiete der Wirtschaftspolitik, die mit dem Tode des genialen Urhebers dieser originellen Idee, des Ministerpräsidenten S t o 1 y p i n , in den Hintergrund traten, machen sich seit einiger Zeit wieder geltend. In dieser Beziehung verdient besondere Erwähnung eine Denkschrift über die „jüdische Vorherrschaft**, die der Kiewer Patriotenführer N estroje w vor kurzem dem Handelsminister Timaschow überreicht hat. In dieser Denkschrift wird Timaschow als der einzige Vorkämpfer der nationalen Idee im Ministerkabinet, als die einzige Hoffnung der Patrioten apostrophiert. N e s t r o j e w bezieht sich auf die Verhältnisse in Kiew, wo es ungemein viele jüdische Kaufleute erster Gilde gäbe, und verlangt eine energische Bekämpfung derselben. Er empfiehlt die Gründung einer Handelskammer mit Ausschluß der Juden, ferner allerlei Begünstigungen für die russischen Kaufleute usw. Wie verlautet, soll Handelsminister Timaschow mit lebhaftem Interesse von dem Inhalte der Denkschrift Kenntnis genommen und die Absicht geäußert haben, die Vorschläge N e - strojews durchzuführen. — PALASTINA 72^ o o o |t Bewässerungsgesellschaft Palästina Ende November d. J. ist eine Bewässerungsgesellschaft Palästina m. b. H. mit dem Sitz in Charlottenburg begründet und in das Handelsregister eingetragen worden. Gegenstand des Unternehmens ist die Herstellung, der Erwerb, der Betrieb, die Verpachtung und Veräußerung von Bewässerungsanlagen aller Art in der Türkei, insbesondere in Palästina, sowie die Vornahme aller hiermit in Verbindung stehenden und hierzu nach dem Ermessen des Aufsichtsrats notwendigen oder zweckmäßigen Rechtsgeschäfte, insbesondere auch Erwerb, Belastung und Veräußerung von Grundstücken und Hypotheken, Pachtung und Verpachtung von Grundstücken, Erwerb und Veräußerung von Konzessionen sowie Beteiligung an ähnlichen Unternehmungen in irgend einer Form. Das Stammkapital betrgät 100 000 M. Geschäftsführer sind: Bezalel Jaffe, Kaufmann in Jaffa und Dr. M. Jewnin, Chemiker in Charlottenburg (stellvertretender Geschäftsführer). Der Gesellschaftsvertrag ist am 3. November .1911 abgeschlossen. Als Einlage auf das Stammkapital werden in die Gesellschaft eingebracht von dem Gesellschafter Bezalel Jaffe aus Jaffa alle diejenigen Rechte, welche ihm aus Verträgen, sei es mit Einzelpersonen, Gesellschaften oder Gemeinden, über die Ausführung von Bewässerungsanlagen in Palästina zustehen. Die Gesellschaft wird ihre Tätigkeit in der Umgebung von Pethach- Tikwah beginnen, wo das Wasser des Audschaflusses zur Bewässerung der ausgedehnten Orangenpflanzungen Verwendung finden soll.