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Die Welt · 1911-12-15 · 50 (15.12.1911) · page 25

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Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
50 (15.12.1911)
Date
1911-12-15
Page
– (sequence 25)
Language
German
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TMr. 50 DIEEaEELT 1371 in dem Annoncenteil des „Jewish Chronicle" erhält. Es ist das der gelesenste Teil dieser Zeitschrift, die in keinem jüdischen Hause fehlen darf, und ein nicht unerheblicher Teil seiner Leser kommt über die erste Seite mit ihren reichhaltigen Geburts-, Barmizvvah-, Verlobungs-, Heirats- und Todesanzeigen überhaupt nicht hinaus. Aber die Tagesfragen werden doch in das Gespräch mit hereingezogen, and die sind in dieser Zeit wirklich schwerwiegend. Es besteht eine allgemeine Verstimmung. Die englisch-jüdische Presse, die eine ungeheure, uferlose Korrespondenz ihrer Leser zuläßt, wenn nicht gar begünstigt, ist voll von berufenen Ratgebern, von Klagen und Anklagen, die gar kein Ende nehmen wollen. Dazu haben die Verhältnisse sich jetzt so zugespitzt, daß jeder seine eigene Meinung haben kann, wie man Israel — in England oder in der ganzen Welt — helfen soll. Wohl fehlt es nicht an Opfersinn und Arbeitskraft, die den LI ebelständen der Weltstadt abhelfen wollen, und das zeigt sich z. B. in der Erweiterung des jüdischen Mädchenklubs, die diesen Sonntag offiziell unter Beteiligung Sir Matthew Nathans, des jüdischen Sekretärs des englischen Fiskusamts, und anderer sozial hochstehender Persönlichkeiten, stattfand. Der Klub, in einer der ärmsten Teile des East Ends, ist nicht nur geräumig behaglich eingerichtet, sondern erfreut sich auch der Mitarbeit einer Anzahl opferwilliger Damen des Westens, die in freundschaftlichem Verkehr mit den Mädchen des Ostens einen nachhaltigen Einfluß zum Guten auf sie ausüben. Solche jüdische Klubs für die heranwachsende Jugend gibt es eine ganze Menge in London, und deir junge Lionel de Rothschild, der Präsident eines sehr rührigen Klubs ist, befaßt sich jetzt mit dem großangelegten Plane eines Klubhauses im East End, das verschiedenen sozialen Zwecken dienen soll. Aber trotz alledem sind die Zeiten ernst, ernster denn je. Es gilt das besonders von der schulentlassenen Jugend, aber auch die Kleinen machen der Gemeinde viele Sorgen. So haben wir es mit der skrupellosen Tätigkeit der christlichen Missionen zu tun, die auf den offiziellen Protest der jüdischen Seelsorger gegen die Art und Weise ihrer Umtriebe unter den jüdischen Armen sich den Scherz leisteten, auf die große Anzahl jüdischer Kinder hinzuweisen, die auf den religösen Unterricht der Missionäre angewiesen sind. In der Tat ist es jetzt ein wenig spät entdeckt worden, daß im Babelgewirre Londons vielleicht 10 000 jüdische Kinder ohne jede religiöse Erziehung aufwachsen. Schuld ist wohl der unzweifelhafte Niedergang des religiösen Sinnes, der das englische Judentum einst auszeichnete. Da es sich jüdelt wie es sich christelt, so hat der kirchliche Geist, der unter den englischen Christen herrscht, sich auch bei den englischen Juden gezeigt. Es war eben eine „goyische" Auffassung des Judentums, wo „the shooP (die Schill') die Kirche ersetzte, und wo sich das religiöse Leben konzentrierte. Aber das wäre auch schon ganz gut gewesen jedenfalls wünschenswerter als die flache Freigeisterei so vieler östlicher Einwanderer. Aber nicht nur das religiöse Gefühl, sondern auch die moralische Stärke, die unsere Stammesgenossen ehemals auszeichnete, hat bedeutend abgenommen. Zwischen dem unerträglichen Druck im Osten und den aufreibenden ökonomischen und seelischen Kämpfen im Westen wird nicht allein der jüdische Volkskörper zerrissen, sondern auch die einzelnen Teile werden zermalmt bis zur Unkenntlichkeit. Zur Wahl des Chief Rabbi Die Chief-Rabbi-Frage steht obenan, denn das englische Judentum läßt sich ohne dieses Oberhaupt gar nicht denken. Das kommt daher, daß es in dem System des verstorbenen Chief-Rabbi sowie seines Vorgängers überhaupt gar keine allgemein anerkannten englischen Rabbiner gegeben hat, und alle Fäden sowie die ganze Macht in den Händen eines Einzelnen zusammengefaßt waren. Es war eine überwältigende Arbeit, diese Tätigkeit eines Mannes für die jüdisch-religiösen Interessen des britischen Weltreiches. Die Folge dieser Alleinherrschaft hat sich am krassesten nach dem Tode des Chief- Rabbi gezeigt, wo nun keiner zu finden ist, der die Bürde sowie die Würde des Amtes übernehmen könnte. Das Chief-Rabbinat ist jetzt in dem Schmelztiegel, und es wäre eine undankbare Aufgabe, über eine endgültige Form Betrachtungen anzustellen. Wir werden aber kaum fehlgehen, wenn wir annehmen, daß, wenn auch nicht alles beim .Alten bleibt, doch keine durchgreifende Reform in der religiösen Verfassung der englischen Judenheit platzgreifen wird. Wir haben ja dafür nicht die nötigen Männer. Dazu brauchen wir ein neues Geschlecht mit einer anderen Auffassung, wie die jetzt herrschende. Fürs erste muß mit der typisch-englischen Erziehung der „Ministers" aufgeräumt werden, die als „Kol Bonikes" alles andere als Rabbiner sind. Der aussichtsreichste Kandidat für den Chief-Rabbiposten ist Dr. Joseph Abrahams, ein Bruder des bekannten englischjüdischen Gelehrten Israel Abrahams, Lektor des rabbinischen Seminars an der Universität Cambridge. Dr. Abrahams ist soeben aus Melbourne, Australien, eingetroffen, wo er 28 Jahre als Rabbiner wirkte und sich einen guten Namen erworben hat. Dr. Abrahams, ein Sohn des Barnett Abrahams, eines litauischen Juden, der Doyan der spanisch-portugiesischen Gemeinde zu London war, ist ein Schüler Israel Hildesheimers, was ihm ein gewisses Ansehen unter den orthodox gesinnten verschaffen wird. Vor 30 Jahren, als er von seinen Studien in Berlin nach London zurückkehrte, war er Kandidat für den vakanten Posten des Chacha.m der Londoner Sephardimgemeinde, der später auf Dr. M. Gaster übertragen wurde. Als geborener Engländer besitzt Dr. Abrahams schon einen Vorzug, der in einer Gemeinde, wo die äußere Repräsentanz als eine wichtige Tradition gilt, recht hoch bewertet wird. Es steht nicht fest, ob Dr. Abrahams offiziell veranlaßt wurde, die weite Reise von Australien zu machen, aber es will so scheinen. Zionistische Werbearbeit Die Gemeindeprobleme, die die englische Judenheit jetzt bewegen, haben keineswegs den zionistischen Gedanken in den Hintergrund geschoben, denn wir gedeihen umso besser, je mehr das allgemeine jüdische Leben blüht. In den Tagen der Einkehr kommt auch der Zionismus zu seinem Rechte. Es war daher eine wichtige Tat zur richtigen Zeit, daß das neugewählte Palästina-Comite der English Zionist Federation einen festen Plan der Propagandaarbeit aufstellte, der vom Vorstand der E. Z. F. in seiner letzten Sitzung genehmigt wurde. Es soll besonders für die Palestine Land Development Company sowie die Landspende gearbeitet werden. Für beide haben die englischen Zionisten herzlich wenig geleistet, obwohl gerade die Landspende ihre Entstehung der Anregung eines englischen Zionisten verdankt. Vielleicht gelingt es uns auch, andere Kräfte heranzuziehen, sowie es hier Dr. Mossinsohn für das Jaffaer Gymnasium erfolgreich getan hat. Brief aus Rußland (Von unserem Berichterstatter.) Die polnische Selbstverwaltungsvorlage in der Reichsduma Am 6. Dezember begann endlich im Plenum der Reichsduma die Beratung über das Gesetzprojekt betreffs Einführung städtischer Selbstverwaltung in Polen. Wie erinnerlich, enthält die Regierungsvorlage eine schwerwiegende Rechtseinschränkung für die l'V4 Millionen Juden Polens. Danach sollen nämlich die Juden in den Städten, wo sie die Mehrheit bilden (es gibt in Polen Städte mit 85°/o Juden), ein Fünftel der Stadtverordneten stellen, während in den anderen Städten ihre Vertreter 10% des Abgeordnetenkollegiums nicht übersteigen dürfen. Da mit der Einführung der kommunalen .Selbstverwaltung die bisher gesetzlich anerkannte jüdische Gemeinde suspendiert, bestenfalls aber auf das rein Religiöse beschränkt werden soll, während ihre „weltlichen" Funktionen, d. h. die Verwaltung der wohltätigen und gemeinnützigen Institutionen, des Schulwesens, der Finanzen der Gemeinde usw., der Stadtobrigkeit übertragen werden sollen, so bedeutet die gekennzeichnete Rechtseinschränkung nicht bloß eine schwere Demütigung unseres Rechtsgefühls und eine empfindliche Schädigung unserer bürgerlichen Interessen, sondern daneben und darüber hinaus noch eine ernste Gefahr für das Gemeindeleben, um nicht zu sagen für die nationale Zukunft der Juden Polens.*) Es gab indes nur einen Weg, gegen das schnöde Attentat auf unsere Rechte anzukämpfen: man hätte die liberale Opposition der Duma, die ja prinzipiell der Entrechtung einer bedeutenden Minderheit nicht zustimmen kann, energisch auffordern sollen, gegen die Vorlage im Ganzen zu stimmen. Bei der feindseligen Stellung der extremen Rechten der „polnischen Selbstverwaltung" gegenüber hätte man wohl die gesamte Vorlage leicht zu *) Vgl. den Artikel „Die neueste Phase des Gesetzentwurfs wegen Einführung kommunaler Selbstverwaltung in Polen", „Welt" Nr. 44.

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