Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 50 (15.12.1911)
- Date
- 1911-12-15
- Page
- – (sequence 24)
- Language
- German
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1370 DIE2 der vollkommen mangelhaften Organisation des Religionsunterrichtes und der Schwierigkeit, ein gesundes jüdisches Unterrichtswesen in größerem Maße zu inaugurieren, gibt es ein Hauptübel. Der Staat erkennt nur eine jüdische Konfession und nur eine einzige berechtigte Landesvertretung für dieselbe an, und dies - wie wohl jeder zugeben muß — in durchaus richtiger Erkenntnis der Sachlage. Es ist also nicht nur aut keinerlei staatliche Beihilfe zu den gerade in Ungarn höchst wichtigen kulturellen Aufgaben des Judentums zu rechnen, sondern es gibt auch keine Vertretung des ungarischen Judentums, welche gegebenen Falles mit dem gehörigen Nachdruck zur Verteidigung der jüdischen Interessen auf den Plan treten könnte. Denn wenn auch einzelne Männer, die sich im öffentlichen Leben eines Ansehens erfreuen, für jüdische Interessen von Fall zu Fall eintreten, sobald es gilt, flagranten Uebergriften zu begegnen, so ist dies doch kein Interessenschutz, wie ihn das Judentum in Ungarn, kraft der ihm zufallenden bedeutenden Rolle im wirtschaftlichen und geistigen Leben des Landes für sich mit Recht beanspruchen darf und auch beanspruchen muß, besonders angesichts der immer heftiger werdenden Vorstöße von katholisch-klerikaler Seite, die sich auf allen Gebieten des privaten und öffentlichen Lebens von Tag zu Tag fühlbarer machen. Die Regierung hat bereits wiederholt die Schaffung einer einheitlichen jüdischen konfessionellen Landesvertretung als Bedingung gestellt, um die von den einsichtsvollen Juden verlangten Rechte zu gewähren, die angestrebte Einigung scheiterte aber stets an dem gegenseitigen Mißtrauen der beiden Lager, welches sich in fortgesetzten heftigen Schmähungen und niedrigen Verdächtigungen in den Spalten der leitenden Blätter beider Parteien Luft machte, und den Gegnern des Judentums willkommenen Anlaß zur geringschätzigen Behandlung der ungarischen Judenheit bot. Nun ist von Seite eines hervorragenden eifrigen Mitgliedes der großen Gemeinde Szabadka neuerdings ein dringlicher Appell an alle Einsichtigen erfolgt, und gleichzeitig von der Regierung die öffentliche Aufforderung zur Schaffung der Landesorganisation ergangen, wobei gleichzeitig die erbetene materielle staatliche Beitragsleistung zugesichert wurde. Es scheint also in dieser Angelegenheit endlich ein entscheidender Schritt zu erfolgen; immerhin bleibt abzuwarten, ob sich die Bemühungen nicht wieder im Sande der Teilnahmslosigkeit verlaufen, oder — wie bereits so oft —- an den Mauern starren Widerstandes von orthodoxer Seite zerschellen. Sache der Zionisten wird es jedenfalls sein, dieser für die Gesamtheit der ungarischen Juden hochwichtigen Fragen ihre eifrige Aufmerksamkeit zu widmen. Delegierten-Referate Am 5. November erstatteten die Delegierten der Budapester Vereine ihre Referate über den X. Kongreß. Da v i d Koh n schilderte den mächtigen Eindruck, welchen der so würdevoll und schön verlaufene Arbeits- und Friedenskongreß auf alle Anwesenden ausübte und verlieh der Ueberzeugung Ausdruck, daß die auf diesem Kongresse mehr als je zutage getretene geistige Reife und Vollwertigkeit der Ostjuden uns zu den schönsten Hoffnungen für unser Volk und unsere Bewegung berechtigen. Er spricht sein vollstes Vertrauen in die neue Leitung aus, die — obgleich Wolftsohns kraftvolle Person in derselben fehlt — für unsere Bewegung eine weitere gedeihliche Entwicklung mit Zuversicht erhoffen läßt und unserer tatkräftigsten Unterstützung jederzeit sicher sein kann. Dr. Nison Kahan bezeichnet den Kongreß als Friedenskongreß. Auf die Gegensätze zwischen den politischen und praktischen Zionisten hinweisend, führt er aus, daß dieselben eine Zeitlang durch Herzls Persönlichkeit überbrückt wurden, nach dessen Tode jedoch schart zum Ausdruck kamen, um erst dann wieder ausgeglichen zu werden, als auch die „politischen" Zionisten die Notwendigkeit praktischer Palästinaarbeit einsahen. Diese Gegensätze waren auf dem letzten Kongresse schon ganz geschwunden und dies fand auch in der als sehr glücklich zu bezeichnenden Zusammensetzung der neuen Leitung Ausdruck, welche er einer eingehenden Beleuchtung unterzog. Redner wendete sich schließlich noch gegen jene, die mit fertigen Angriffen auf die Leitung zum Kongresse erschienen waren, ohne in den abgelaufenen zwei Jahren selbst etwas geleistet zu haben; Arbeit allein verleiht das Recht auf Kritik. Die interessanten Ausführungen beider Redner wurden von dem zahlreich erschienenen Publikum mit lebhaftem Beifall aufgenommen. KELT Nr. 50 Zionistischer Zentralverein in Budapest Die lokale Agitation in Budapest leidet schon seit langem unter dem Mangel einer kräftigen zentralen Vereinigung, wie diese in allen größeren jüdischen Zentren besteht Es gab wohl mehrere prosperierende Vereine, doch war eine einheitliche Agitation und zielbewußte Tätigkeit infolge der Zersplitterung der Kräfte nicht möglich. Auf Anregung des Landeskomitees fand nun eine Verschmelzung des Vereines jüdischer kaufmännischer Angestellten „Judäau, der sich im letzten Jahre erfreulich entwickelt hatte, mit dem „Zionistischen Bürgerverein Theodor Herzl" statt, dessen Mitgliederzahl sich ebenfalls in den letzten Jahren stark gehoben hatte. Die „Judäa" geht in den „Herzl-Verein" auf, welcher auch die Mädchenvereinigung „Deborah" in sich aufnimmt, so daß der neue Verein, welcher den Namen Dr. Theodor Herzls weiter führt, nunmehr als Zentralverein fungieren wird; außer demselben werden die Studentenvereine „Makkabäa", „Ivria" und ,,Akiba" als gesonderte Organisationen weiter aufrecht erhalten. Die Generalversammlung, welche die Verschmelzung aussprach, wählte auch eine neue Leitung, deren Zusammensetzung eine eifrige, erfolgreiche Tätigkeit erhoffen läßt Präsident : Rechtsanwalt Dr. Leopold Ostern; Vizepräsidenten Samuel Wertheimer und Oscar Hammerschlag; Sekretär Samuel Reich; Schriftführer Max Kempfner und Samuel Kohn; Kassierer Rechtsanwalt Dr. Nison Kahan; Revisoren Rechtsanwalt Dr. Bela Oesterreicher und Alexander Schlesinger; N.-F.-Kommiss. Arnold Rotkel; Quästor David Widder; Bibliothekar Desider Schwartz. Die Propagandatätigkeit soll mit Veranstaltung einer würdigen Makkabäerfeier eingeleitet werden, zu welcher die Vorbereitungen im Zuge sind. Es wurde gleichzeitig ausgesprochen, den Mitgliedsbeitrag zu erhöhen, dagegen sämtlichen Mitgliedern das amtliche Organ ,,Zsidö Szemle" unentgeltlich zu senden, sowie dahin zu wirken, daß sämtliche gegenwärtig keinem Vereine angehörenden Zionisten Budapests sich dem Zentralvereine anschließen. Hofrat Dr. Philipp Weinmann Der Präsident der Pester isr. Kultusgemeinde, Hofrat Dr. Philipp Weinmann, ist dieser Tage einem Gehirnschlage erlegen. Der Verschiedene stand seit fünf Jahren an der Spitze der Kultusgemeinde als deren Präsident, nachdem er schon früher als Vizepräsident und als Vorstandsmitglied eine -eifrige Tätigkeit entfaltet, und seine große Arbeitskraft der Organisation der Kultusgemeinde gewidmet hatte, deren Institutionen sich unter seiner Leitung sehr schön entwickelten. Der Verstorbene bekleidete im öffentlichen Leben eine sehr angesehene Stellung; er war der erste jüdische Tafelrichter in Ungarn, er kodifizierte das Notariatsgesetz und wurde einer der ersten Notare im Lande. Wegen seines lauteren Charakters und seiner unermüdlichen Tätigkeit erfreute er sich allgemeinen Vertrauens und großen Ansehens. Das Leichenbegängnis fand unter imposanter Beteiligung statt. Die Wahl seines Nachfolgers dürfte demnächst erfolgen; allgemein wird Hof rat Franz von Szekely genannt. Brief aus London (Von unserem Berichterstatter.) Tagesfragen Die Weihnachts- — pardon, Chanukahzeit wird dieses Jahr die englische Judenheit in einer Bußtagsstimmung finden. Chanukah wird wohl gewissermaßen auf Kosten der darauffolgenden Weihnachten gefeiert werden, und fromme Juden werden sich gewiß den plum pudding schon in der vorweihnachtlichen Chanukawoche munden lassen. Aber obwohl die englischen Weihnachten nicht so kirchlich-feierlich gehalten werden wie die deutschen, ist es doch eine Zeit der Muße und des geselligen Verkehrs, und während das Öffentliche jüdische Leben fast stockt, tut man sich zu Hause gütlich. Da kommen auch die jüdischen Fragen zu ihrem Recht. Denn die große Mehrzahl der englischen Juden lebt ganz unter sich, bildet eine weitverzweigte Familie, die von einander Kenntnis